Pisa-Test: "Erster in der zweiten Liga zu sein, reicht nicht"
Die Studie Pisa-E lässt manche Bundesländer jubeln, andere trauern. OECD-Koordinator Andreas Schleicher fordert künftig noch genauere Vergleiche einzelner Schulen. Im Interview erklärt "Mr. Pisa", wie Lehrer das Niveau der Bildung verbessern können.
SPIEGEL ONLINE: Herr Schleicher, fast ein Jahr nach den internationalen Ergebnissen wird an diesem Dienstag offiziell Pisa-E veröffentlicht, die Untersuchung zu Schülerleistungen in den einzelnen deutschen Bundesländern - die Ergebnisse sind schon durchgesickert. Wie sinnvoll ist es überhaupt, Neuntklässler aus Bayern und Bremen miteinander zu vergleichen?
Schleicher: Wichtig ist, dass man bei solchen Vergleichen immer die sozioökonomischen Rahmenbedingungen berücksichtigt, das gilt genau wie für den internationalen Vergleich. Eine gute Leistung in einem ostdeutschen Bundesland mit geringeren Einkommen und höherem Arbeitslosenanteil ist da sicher höher zu bewerten als dieselbe in einem reichen westdeutschen Land.
SPIEGEL ONLINE: Schulen im reichen Bayern sind also nicht unbedingt besser als die im armen Bremen? Im Pisa-Test vor fünf Jahren waren bayerische Gymnasiasten ihren Bremer Alterskameraden bei den Lernleistungen immerhin mehr als ein Schuljahr voraus ...
Schleicher: ... ohne Zweifel belegen die Pisa-Studien, dass die Schulleistungen dort besser sind. In Deutschland gibt es jedoch einen besonders starken Zusammenhang zwischen Schulleistungen und Faktoren wie sozialem Hintergrund und Migrationshintergrund. Daher hat ein Land wie Bremen mit einer sozial heterogeneren Schülerschaft schlechtere Ausgangsbedingungen als eins wie Bayern. Aber für alle Bundesländer gilt: Die entscheidende Herausforderung in Deutschland sind die großen Qualitätsunterschiede zwischen den Schulen. Da kann also nicht nur Bremen von Bayern lernen, sondern die Schule in Bayern von ihrer Nachbarschule noch viel mehr. Schulvergleiche könnten eine ganz andere Perspektive eröffnen.
SPIEGEL ONLINE: Der Aufwand wäre enorm: An einem umfassenden bundesweiten Vergleich müssten fast eine Million Schüler teilnehmen - dabei wurden schon für Pisa-E 57.000 Jugendliche an rund 1500 Schulen getestet.
Schleicher: In vielen anderen Ländern wird so etwas schon lange gemacht, in Skandinavien, in England und sogar in Brasilien - ein Land außerhalb der OECD. Brasilien koppelt jede Schule an den Pisa-Vergleich an, weil das Land spätestens 2021 dort stehen will, wo die OECD-Staaten heute sind. Dafür definiert es klare Ziele und Perspektiven. Und klagt nicht so sehr über seine Probleme.
SPIEGEL ONLINE: Wieso finden Sie einen Schulvergleich wichtiger als den Ländervergleich?
Schleicher: Um nicht missverstanden zu werden: Jede Perspektive ist wichtig, der internationale Vergleich, der Länder- und der Schulvergleich. Aber letztlich geht es in der Bildungsdebatte doch nicht darum, wie erfolgreich die verschiedenen Staaten oder Bundesländer sind, sondern darum, was einzelne Lehrer und Schulen verbessern können. Wie profitiert denn heute ein Lehrer im Klassenzimmer von den Erfahrungen des Lehrers im Nachbarklassenzimmer? Was weiß die Schule darüber, wie es die Nachbarschule macht und wie sie mit vielleicht ähnlichen Problemen umgeht? Und wo könnten wir heute stehen, wenn ein Bundesland wirklich wüsste, was dessen Schulen wissen - wenn wir das Kapital in den Köpfen der Menschen, die mit Bildung befasst sind, wirksam vernetzen und optimal nutzen könnten? Bei uns funktioniert Bildungspolitik immer noch zu oft nach der Idee: Oben dreht jemand an einer Schraube, dann ändern unten alle ihr Denken und Handeln.
SPIEGEL ONLINE: Bayern und Baden-Württemberg werden wieder gut abschneiden im Ländertest. Beide Länder halten eisern an der Hauptschule fest. Zurecht?
Schleicher: Um wirklich Spitze zu sein, reicht es nicht, Erster in der zweiten Liga zu sein - und Deutschland hat bildungspolitisch noch einen langen Weg vor sich, um in die erste Liga zu kommen. Pisa-E wird durchaus differenziert aufschlüsseln, wer Grund zum Jubeln hat. Schon frühere Untersuchungen haben gezeigt: In Ländern mit vielen verschiedenen Schulformen, in denen Schüler sitzenbleiben können, haben soziale Faktoren einen besonders hohen Einfluss auf Leistungen.
- 1. Teil: "Erster in der zweiten Liga zu sein, reicht nicht"
- 2. Teil: Warum "Mr. Pisa" das Sitzenbleiben für Unsinn hält
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