Premiere als Lehrer: "Immerhin hast du nicht geheult"

Sollte man als Lehrerkind Lehrer werden? Bastian Bielendorfer hat es versucht. In seiner ersten Stunde kämpfte er mit 50er-Jahre-Methoden und reihenweise Platzverweisen um die Aufmerksamkeit der Schüler. In einem Buch schildert er die Pein - die ihn zur einzig richtigen Entscheidung führte.

Vom Lehrerkind zum Lehrer: Grandios gescheitert Fotos
DPA

Montagmorgen, 10 Uhr, meine erste Stunde als Lehrer. Ich räusperte mich, an jeder meiner ungelenken Bewegungen klebten 30 Augenpaare. Nein, eher 31 Augenpaare, auch der starre Blick von Herrn Klober, dessen Stunde ich heute anleitete, brannte mir fast ein Loch in die Stirn. Er hatte einen Notizblock aufgeschlagen, auf dem er jede meiner Bewegungen notierte.

Vor mir saß die 10a der Heinrich Böll Gesamtschule. Mein Geist machte aus den clerasilbetupften Teenagern eine messerschwingende Armee aus Mongolen, eine Gruppe Irrer mit brennender Kreissäge, das Hohe Gericht der ewigen Verdammnis. Ich hatte keinen Frosch, sondern die gesamte amphibische Abteilung des Kölner Zoos im Hals, als ich anfing über die "Küchenuhr" von Wolfgang Borchert zu referieren. Erst einmal schrieb ich den Titel der Kurzgeschichte an die Tafel, seit Jahren hatte meine Sauklaue keine Kreide mehr benutzt, weshalb dort statt der Küchenuhr nun ein klar lesbares "Kirchenhure" stand.

Ich war weniger bedeutend als der Hund des Hausmeisters

"So, erst einmal Guten Morgen, liebe Klasse, mein Name ist Bastian Bielendorfer."

Stille. Kein Laut. Erst recht kein "Guten Morgen, Herr Bielendorfer", nur der iPod von Suleyman summte einen Song von Lady Gaga.

"Was sagt man, wenn der Lehrer den Raum betritt?", fragte ich im Ton jenes Pädagogentums, das schon vor fünfzig Jahren abgeschafft worden war. Es fehlte nur noch, dass ich meine Fliege zurecht zog und mit einem Zeigestock auf das Pult hämmerte. Jämmerlich.

"Aber Sie sind doch gar kein Lehrer", schallte es aus der letzten Reihe. Das Argument war nicht von der Hand zu weisen, ich war Praktikant und damit weniger bedeutsam als der Hund vom Hausmeister, und anscheinend waren sich die Schüler darüber noch mehr im Klaren als ich selbst. Langsam verstand ich, warum die Laune meines Vaters immer so mies war, wenn er von der Schule nach Hause kam.

Meine Schüler sprechen Trümmersprache

"So, heute geht es ja um die Küchenuhr von Wolfgang Borchert", ich zeigte auf die "Kirchenhure" an der Tafel, "bitte schlagt eure Deutschbücher auf Seite 124 auf."

"Hab kein Buch!", tönte Tillmann. Auf seinem T-Shirt war ein Gangsterrapper abgebildet, der eine Waffe auf den Betrachter richtete.

"Wie, du hast kein Buch?"

"Vergessen…", sagte der Junge.

"Dann schaust du halt bei deinem Nebenmann rein", riet ich genervt.

"Hat auch kein Buch… vergessen", sagte Tillmann. Borcherts Trümmersprache wurde hier anscheinend immer noch praktiziert.

"Gut, dann setzt euch so zusammen, dass ihr gemeinsam ins Buch schauen könnt." Trubel setzte ein, Stühle wurden gerückt, Tische knallten gegeneinander, es klang, als würde das Gebäude saniert oder gleich niedergerissen.

"Wer möchte denn jetzt etwas zu der Kurzgeschichte sagen?"

Stille. Ich konnte eine Mücke durch den Raum schwirren hören, mir war, als hätte sie mich gerade ausgelacht.

"Wer hat die Geschichte denn gelesen?", fing ich bei den Basics an. Insgesamt streckten sich zwei Arme zaghaft in die Luft, beide in der ersten Reihe.

"Gut, zwei immerhin, der Rest liest die Geschichte jetzt noch mal leise nach" sagte ich.

Die erste rote Karte nach rund 20 Minuten

Zwanzig Minuten später meldete sich der erste Schüler. "Bin schon halb durch, kann ich aufs Klo?"

"Dürfen ja, ob du kannst, weiß ich nicht…", antwortete ich keck und kam mir reichlich witzig vor. Die Schüler schauten mich an, als hätte ich gerade das große Fips-Asmussen-Witzebuch auf der Jahresversammlung der Hamas ausgepackt.

"Möchte sonst noch irgendjemand etwas zu der Geschichte sagen?", fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte. "Na gut, dann sag ich halt etwas dazu. Offensichtlich wird ja in diesem Text eine sehr wortkarge Sprache verwendet, weiß jemand wie man dieses Stilmittel nennt?"

"Trümmersprache", raunte es aus der Ecke.

"Richtig, wer war das?"

Keiner meldete sich, bis sich plötzlich eine bleiche Hand durch die schwüle Stille des Klassenraums schraubte. Es war Olaf Maiwald, ein Junge der das unvorteilhafte Schicksal hatte, wie eine aufgeblasene Weißwurst auszusehen: dicke Backen und helle Haut, die schlaff über einem zu breiten Körper hing.

"Streeeeba", schallte es direkt hinter ihm, dann schlug jemand Olaf in den Nacken und es machte ein Geräusch, als hätte man mit einem Nudelholz auf ein Kotelett gehauen.

"Raus", schrie ich.

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1. Die Schüler können ja nichts dafür...
anjusha 16.12.2011
Lieber Herr Bielendorfer, die Stunde, die Sie hier beschreiben, konnte ja nur schiefgehen. Wo ist die Hinführung zum Thema am Anfang der Stunde, die Einordnung in bereits Gelerntes? Können Sie keine konkreten Fragen zum Text stellen? Selbst wenn die Stunde tatsächlich nur halb so schlimm war wie Sie es hier beschreiben, bedauere ich die Schüler, die weiterhin bei Ihnen Unterricht haben.
2. Wo haben Sie studiert, Herr Bielendorfer?
msmt 16.12.2011
Zitat von sysopSollte man als Lehrerkind Lehrer werden? Bastian Bielendorfer hat es versucht. In seiner ersten Stunde kämpfte er mit 50er-Jahre-Methoden und reihenweise Platzverweisen um die Aufmerksamkeit der Schüler. In einem Buch schildert er die Pein - die ihn zur einzig richtigen Entscheidung führte. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,803242,00.html
Wenn die Stunde wirklich so gelaufen sein sollte, was ich Ihnen nicht glaube, dann frage ich mich nur, Wie hat Ihr Studium ausgesehen? Ich habe 37 Jahre Arbeit an Sonderschulen und Grundschulen hinter mir und ich war in diesen Jahren mehr als einmal Mentorin fuer Referendare. In diese Stunde haette ich eingegriffen. Aber wie gesagt, ein Mentor hilft seinem Referendar bei der Vorbereitung der Stunde. Eine Stunde wird doch nicht in den luftleeren Raum hinein gehalten, vor Schuelern, die den Referendar ueberhaupt nicht kennen. Wo soll das bitte so gelaufen sein? Nur weil man einen etwas witzigen Artikel schreiben will, sollte man sich doch trotzdem an die Wahrheit halten.
3. ...
misterpresident75, 16.12.2011
Zitat von anjushaLieber Herr Bielendorfer, die Stunde, die Sie hier beschreiben, konnte ja nur schiefgehen. Wo ist die Hinführung zum Thema am Anfang der Stunde, die Einordnung in bereits Gelerntes? Können Sie keine konkreten Fragen zum Text stellen? Selbst wenn die Stunde tatsächlich nur halb so schlimm war wie Sie es hier beschreiben, bedauere ich die Schüler, die weiterhin bei Ihnen Unterricht haben.
Brauchen Sie nicht: Bastian Bielendorfer hat nach der Pein dieser Schulstunde entschieden, dass Unkündbarkeit und ein gutes Salär mit wenig Abzügen nicht alles sind. Vermutlich ein Glück für ihn und für die Schüler. Er studiert nun Psychologie in Köln.
4. kein Titel
almeo 16.12.2011
Zitat von misterpresident75Brauchen Sie nicht: Bastian Bielendorfer hat nach der Pein dieser Schulstunde entschieden, dass Unkündbarkeit und ein gutes Salär mit wenig Abzügen nicht alles sind. Vermutlich ein Glück für ihn und für die Schüler. Er studiert nun Psychologie in Köln.
Naja, das mit der Unkündbarkeit und dem guten Gehalt stimmt ja nur eingeschränkt. Neue Lehrkräfte werden eigentlich gar nicht mehr verbeamtet, sondern stattdessen per "Kettenvertrag" eingstellt. Es ist ja inzwischen durchaus schon normal, dass Lehrer vor den Sommerferien entlassen und danach wieder eingestellt werden. DIe Sommerferien über können sie dann einen Nebenjob annehmen oder ALG beantragen. Den Rest des hier Gesagten kann ich aber nur unterstreichen: Eine offensichtlich stark migrantengeprägte Klasse mit Inhalten eines Wikipedia-Artikels kommen, diejenigen die das erkennen rauswerfen und sich dann wundern dass es mit der Karriere nix wird... Meine Fresse! Da kann ich mich ja auch mal als Chefarzt für innere Medizin bewerben, viel schlechter werde ich es dort ja auch nicht machen können. Das man darüber aber ernsthaft einen Artikel schreibt, der nicht nur aufzeigt, dass man sich selbst weder vorbereitet hat noch Ahnung hat noch sonst etwas... Wirklich mehr als Peinlich! Mein Seminarleiter hätte mir für eine Stunde nicht auf die Schulter geklopft, sondern mir gehörig den Kopf gewaschen! Viel schlimmer als die Stunde selbst sehe ich aber den Umstand, dass er das Lehramt STUDIERT hat. Ich meine, war dieser Kerl jemals in auch nur einer Vorlesung? Nicht mal an der Uni hat Wikipedia bestand... Über so etwas könnte ich mich stundenlang aufregen, nehmen den Lehrkräften nahe der 70, die seit 20 Jahren den gleichen Stoff durchnudeln sind es solche Absolventen, die zum Bild des dummen, faulen und völlig inkompetenten Lehrers beitragen... Btw.: Wer mit so einem "Einfühlungsvermögen" in seine Klasse nun Psychologie studiert...
5. ... setzen, sechs
misterpresident75, 16.12.2011
Zitat von almeoNaja, das mit der Unkündbarkeit und dem guten Gehalt stimmt ja nur eingeschränkt. Neue Lehrkräfte werden eigentlich gar nicht mehr verbeamtet, sondern stattdessen per "Kettenvertrag" eingstellt. Es ist ja inzwischen durchaus schon normal, dass Lehrer vor den Sommerferien entlassen und danach wieder eingestellt werden. DIe Sommerferien über können sie dann einen Nebenjob annehmen oder ALG beantragen. Den Rest des hier Gesagten kann ich aber nur unterstreichen: Eine offensichtlich stark migrantengeprägte Klasse mit Inhalten eines Wikipedia-Artikels kommen, diejenigen die das erkennen rauswerfen und sich dann wundern dass es mit der Karriere nix wird... Meine Fresse! Da kann ich mich ja auch mal als Chefarzt für innere Medizin bewerben, viel schlechter werde ich es dort ja auch nicht machen können. Das man darüber aber ernsthaft einen Artikel schreibt, der nicht nur aufzeigt, dass man sich selbst weder vorbereitet hat noch Ahnung hat noch sonst etwas... Wirklich mehr als Peinlich! Mein Seminarleiter hätte mir für eine Stunde nicht auf die Schulter geklopft, sondern mir gehörig den Kopf gewaschen! Viel schlimmer als die Stunde selbst sehe ich aber den Umstand, dass er das Lehramt STUDIERT hat. Ich meine, war dieser Kerl jemals in auch nur einer Vorlesung? Nicht mal an der Uni hat Wikipedia bestand... Über so etwas könnte ich mich stundenlang aufregen, nehmen den Lehrkräften nahe der 70, die seit 20 Jahren den gleichen Stoff durchnudeln sind es solche Absolventen, die zum Bild des dummen, faulen und völlig inkompetenten Lehrers beitragen... Btw.: Wer mit so einem "Einfühlungsvermögen" in seine Klasse nun Psychologie studiert...
Bitte noch einmal richtig den Bericht lesen, bevor Sie mich kritisieren. Mein Zitat stammt aus dem Spon-Artikel. Tipp... gaaaaaaanz unten.
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  • Michael Herdlein
    Bastian Bielendorfer, geboren 1984 in Gelsenkirchen, ist Lehrerkind Stufe 3. Besondere Merkmale: "Kind zweier Pädagogen, ein oder beide Elternteile unterrichten an der eigenen Schule. Nicht zur Nachahmung empfohlen." Trotz dieser Vorgeschichte hat er selbst auf Lehramt studiert. Er beendete seine Lehrerkarriere jedoch nach dem ersten Praktikum und studiert seitdem Psychologie. Zusammen mit seiner Freundin versteckt er sich vor den guten Ratschlägen seiner Eltern in Köln.
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