Montagmorgen, 10 Uhr, meine erste Stunde als Lehrer. Ich räusperte mich, an jeder meiner ungelenken Bewegungen klebten 30 Augenpaare. Nein, eher 31 Augenpaare, auch der starre Blick von Herrn Klober, dessen Stunde ich heute anleitete, brannte mir fast ein Loch in die Stirn. Er hatte einen Notizblock aufgeschlagen, auf dem er jede meiner Bewegungen notierte.
Vor mir saß die 10a der Heinrich Böll Gesamtschule. Mein Geist machte aus den clerasilbetupften Teenagern eine messerschwingende Armee aus Mongolen, eine Gruppe Irrer mit brennender Kreissäge, das Hohe Gericht der ewigen Verdammnis. Ich hatte keinen Frosch, sondern die gesamte amphibische Abteilung des Kölner Zoos im Hals, als ich anfing über die "Küchenuhr" von Wolfgang Borchert zu referieren. Erst einmal schrieb ich den Titel der Kurzgeschichte an die Tafel, seit Jahren hatte meine Sauklaue keine Kreide mehr benutzt, weshalb dort statt der Küchenuhr nun ein klar lesbares "Kirchenhure" stand.
Ich war weniger bedeutend als der Hund des Hausmeisters
"So, erst einmal Guten Morgen, liebe Klasse, mein Name ist Bastian Bielendorfer."
Stille. Kein Laut. Erst recht kein "Guten Morgen, Herr Bielendorfer", nur der iPod von Suleyman summte einen Song von Lady Gaga.
"Was sagt man, wenn der Lehrer den Raum betritt?", fragte ich im Ton jenes Pädagogentums, das schon vor fünfzig Jahren abgeschafft worden war. Es fehlte nur noch, dass ich meine Fliege zurecht zog und mit einem Zeigestock auf das Pult hämmerte. Jämmerlich.
"Aber Sie sind doch gar kein Lehrer", schallte es aus der letzten Reihe. Das Argument war nicht von der Hand zu weisen, ich war Praktikant und damit weniger bedeutsam als der Hund vom Hausmeister, und anscheinend waren sich die Schüler darüber noch mehr im Klaren als ich selbst. Langsam verstand ich, warum die Laune meines Vaters immer so mies war, wenn er von der Schule nach Hause kam.
Meine Schüler sprechen Trümmersprache
"So, heute geht es ja um die Küchenuhr von Wolfgang Borchert", ich zeigte auf die "Kirchenhure" an der Tafel, "bitte schlagt eure Deutschbücher auf Seite 124 auf."
"Hab kein Buch!", tönte Tillmann. Auf seinem T-Shirt war ein Gangsterrapper abgebildet, der eine Waffe auf den Betrachter richtete.
"Wie, du hast kein Buch?"
"Vergessen ", sagte der Junge.
"Dann schaust du halt bei deinem Nebenmann rein", riet ich genervt.
"Hat auch kein Buch vergessen", sagte Tillmann. Borcherts Trümmersprache wurde hier anscheinend immer noch praktiziert.
"Gut, dann setzt euch so zusammen, dass ihr gemeinsam ins Buch schauen könnt." Trubel setzte ein, Stühle wurden gerückt, Tische knallten gegeneinander, es klang, als würde das Gebäude saniert oder gleich niedergerissen.
"Wer möchte denn jetzt etwas zu der Kurzgeschichte sagen?"
Stille. Ich konnte eine Mücke durch den Raum schwirren hören, mir war, als hätte sie mich gerade ausgelacht.
"Wer hat die Geschichte denn gelesen?", fing ich bei den Basics an. Insgesamt streckten sich zwei Arme zaghaft in die Luft, beide in der ersten Reihe.
"Gut, zwei immerhin, der Rest liest die Geschichte jetzt noch mal leise nach" sagte ich.
Die erste rote Karte nach rund 20 Minuten
Zwanzig Minuten später meldete sich der erste Schüler. "Bin schon halb durch, kann ich aufs Klo?"
"Dürfen ja, ob du kannst, weiß ich nicht ", antwortete ich keck und kam mir reichlich witzig vor. Die Schüler schauten mich an, als hätte ich gerade das große Fips-Asmussen-Witzebuch auf der Jahresversammlung der Hamas ausgepackt.
"Möchte sonst noch irgendjemand etwas zu der Geschichte sagen?", fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte. "Na gut, dann sag ich halt etwas dazu. Offensichtlich wird ja in diesem Text eine sehr wortkarge Sprache verwendet, weiß jemand wie man dieses Stilmittel nennt?"
"Trümmersprache", raunte es aus der Ecke.
"Richtig, wer war das?"
Keiner meldete sich, bis sich plötzlich eine bleiche Hand durch die schwüle Stille des Klassenraums schraubte. Es war Olaf Maiwald, ein Junge der das unvorteilhafte Schicksal hatte, wie eine aufgeblasene Weißwurst auszusehen: dicke Backen und helle Haut, die schlaff über einem zu breiten Körper hing.
"Streeeeba", schallte es direkt hinter ihm, dann schlug jemand Olaf in den Nacken und es machte ein Geräusch, als hätte man mit einem Nudelholz auf ein Kotelett gehauen.
"Raus", schrie ich.
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