Privatschule in Bayern: Ein Jahrgang fällt durchs Abi

Private Fachoberschule in Schweinfurt: 27 Schüler fielen im schriftlichen Abi durch Zur Großansicht
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Private Fachoberschule in Schweinfurt: 27 Schüler fielen im schriftlichen Abi durch

27 Schüler schrieben an der privaten Fachoberschule in Schweinfurt ihr Fachabi - und 27 Schüler fielen durch. Während der Schulleiter sich "wie erschlagen" fühlt, bereiten die Eltern schon eine Klage vor: Sie wollen, dass die Schule schließt.

Die Schule wirbt mit einer familiären Atmosphäre, mit kleinen Klassen, mit motivierten Lehrern. "Lernen - frei von Angst und Überforderung", so steht es auf ihrer Webseite.

Doch davon haben die Schüler der Abschlussklasse der Ersten Privaten Fachoberschule Schweinfurt (EPFOS) und deren Eltern mittlerweile genug. In diesem Jahr schrieb erstmals ein Jahrgang der jungen Privatschule sein Fachabitur - und von den 27 Schülern wird vielleicht niemand bestehen.

Die Schüler haben - wie überall in Bayern - zentral gestellte Abiturprüfungen geschrieben. Am vergangenen Montag haben sie ihre Ergebnisse der schriftlichen Klausuren bekommen: In den Kernfächern, Mathematik und Wirtschaft beispielsweise, soll der Jahrgang eine Durchschnittnote von weniger als einem Punkt erreicht haben, berichtet die "Süddeutsche Zeitung".

Erschreckend sei das, sagt der Klassensprecher Ali, 21. Ja, ein schlechteres Ergebnis hätten sie durchaus erwartet, schließlich hätten sie sich nicht gut vorbereitet gefühlt. Aber dass niemand besteht, damit habe keiner gerechnet. Noch laufen die mündlichen Prüfungen. Helfen wird das allerdings, wenn überhaupt, nur einzelnen.

Und wer trägt die Schuld? Die Lehrer, sagen die Schüler. Planlos seien manche gewesen, sagt der Klassensprecher. In der elften Klassen hätten sie mit guten Noten um sich geschmissen, in der zwölften dann plötzlich damit gegeizt. Über lange Zeit sei auch wichtiger Unterricht ausgefallen, berichtet der Bayerische Rundfunk (BR). Auch der Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, Ludwig Unger, sagt: "Es wäre höchst unwahrscheinlich, dass 27 Schüler aus eigenem Verschulden die Prüfungen nicht bestehen."

Deswegen überlegen einige Schüler und deren Eltern nun gegen die Schule vorzugehen: Die Rechtsanwältin Patricia Fuchs-Politzki prüft eine Klage auf Schadensersatz. Eine Mutter sagte dem BR sogar: "Wir wollen auf keinen Fall, dass diese Schule weiterläuft."

Kultusministerium lässt Schule überprüfen

Ganz unrealistisch ist dieser Wunsch nicht. Schließlich werde das Ministerium die Privatschule jetzt genau überprüfen. Am Ende könnte der Schule ein Entzug der Genehmigung drohen, als "Ultima Ratio", betont Ministeriumssprecher Unger.

Dann allerdings hätte die Schule nicht sonderlich lang überlebt: Erst im Jahr 2011 öffnete sie, 140 Euro verlangt sie seitdem von ihren Schülern pro Monat. Der Betreiber, die Privaten Schulen Schwarz, unterhält neben der EPFOS zwei weitere Schulen, die Erste Private Realschule Schweinfurt und die Private Wirtschaftsschule Müller. Beide Schulen liefen erfolgreich, sagt Sprecher Unger; deswegen hätte das Ministerium ein so schlechtes Abschneiden der Fachoberschüler auch nicht erwartet.

Die private Fachoberschule ist "staatlich genehmigt". Erst wenn in zwei Jahrgängen hintereinander zwei Drittel der Schüler ihren Abschluss bestanden haben, bekommt eine Schule den Stempel "staatlich anerkannt". Bis dahin müssen die Schüler ihre Abschlussklausuren als Externe an einer staatlichen Schule schreiben. Für das Fachabi zählen bei ihnen deshalb nur die Ergebnisse dieser Prüfungen, nicht die vorher erbrachten Leistungen.

Die Fachoberschüler können jetzt nicht problemlos auf eine staatliche Schule wechseln, sondern müssen eine Aufnahmeprüfung bestehen. Wobei das Ministerium immerhin an die betreffenden Schulen appelliert hat, die Aufnahmetests der Schüler großzügig zu bewerten.

An der Schule selbst wollte sich auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE niemand zu den Vorwürfen äußern. Eine Mitarbeiterin verwies lediglich auf laufende Prüfungen. Am Mittwoch, nach dem Fachabi, werde die Schule ein Statement veröffentlichen.

In der "Main Post" hatte Schul-Geschäftsführer Michael Schwarz Ende vergangener Woche Fehler eingeräumt: "Wir haben die Verantwortung", sagte er der Zeitung. Und: "Ich fühle mich wie erschlagen." Er wolle jetzt Lehrer austauschen, will aber nicht nur sie für das Ergebnis verantwortlich machen: Weil die Noten aus dem Schuljahr nicht zählten, habe der Druck gefehlt. Trotzdem wolle er mit der Schule weitermachen. Für die nächste elfte Klasse liegen bereits 29 Anmeldungen vor.

Klassensprecher Ali weiß nicht, ob er sein Fachabi noch mal an einer staatlichen Schule schreiben will. "Wir müssen ja von nichts eine Ahnung haben", sagt er. Den Stoff von zwei Jahren in einem Schuljahr nachholen? Schwierig. "Ich weiß nicht, ob ich das Risiko noch mal eingehe."

fln

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insgesamt 180 Beiträge
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    Seite 1    
1. Private Bildungseinrichtungen schließen
amerlogk 01.07.2013
Der Anspruch von privaten Bildungseinrichtungen ist unvereinbar mit neutralem Lernerfolg. Eine private Einrichtung muss Gewinne machen. Das geht nur über gute Noten, gleichzeitig muss sie einsparen wo es geht. Private Bildungseinrichtungen sind ein Beschleunigungsmittel für Ungleichheit in einer Gesellschaft.
2. Augen zudrücken hilft nicht immer
jonath2010 01.07.2013
Vor kurzem hat sich eine Bildungsexpertin über den hohen Zulauf an den Gymnasien beklagt: "Eine Schule für besonders Begabte, die von mitunter 70 Prozent aller Schüler besucht werde, stelle für Lernforscher einen Widerspruch in sich dar." Aber da hat die Expertin wohl nicht verinnerlicht, was uns der politische Mainstream seit einigen Jahren einhämmert: In Deutschland herrscht soziale Gerechtigkeit. Das heißt, es kann und darf keine Unterschiede mehr unter den Menschen geben. Alle Dinge sind gleich, auch wenn sie, für jedermann erkennbar, ungleich sind. Getreu dieser These haben alle Kinder den gleichen IQ, die gleichen Fähigkeiten, und wer Lust dazu hat, macht sein Abitur. Und dass dies auch klappt, dafür haben die Schulen zu sorgen, nicht etwa die Schüler. Die Schulen haben die Pflicht, alle Steine aus dem Weg zu räumen, und wenn die Steine noch so klein sind. Den Kids nur ja keinen unnötigen Stress bereiten. Doch diesmal ging die "Kultur des Augenzudrückens" gründlich in die Hose. Einfach deshalb, weil die privaten Fachoberschüler extern geprüft wurden.
3. typisch
TeslaTraX 01.07.2013
Diese Regelung ist ja absurd, da wird es um Geld gegangen sein, nicht um die Schüler. Wenn es schon so Testschulen gibt, dann sorgt dafür das der Untericht was taugt! Aber heute muss sich der Bürger ja um alles kümmern unter hinterfragen. Das ich noch Zeit zu atmen finden, wundertz mich manchmal schon
4. Ein ganzer Jahrgang
Lektorat Berlin 01.07.2013
Würg. Schande über das Lehrerkollegium! Und: arme Schüler! Eines ganzen Jahres haben sie Euch beklaut. Ich hoffe, dass die Eltern das nicht so hinnehmen werden.
5. Warum so negativ!
rieberger 01.07.2013
Zitat von amerlogk... Private Bildungseinrichtungen sind ein Beschleunigungsmittel für Ungleichheit in einer Gesellschaft.
Man kann es auch positiv sehen und sie als Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft betrachten. Auch wenn ich mich hiermit zum Advocatus Diaboli mache - ich selber habe mit privaten schulen nichts am Hute - Verbote gehören zu einer ideologischen Denke, die die Vielfalt einer Gesellschaft negiert!
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