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Privatinternat nimmt Flüchtlinge auf: Jogginghosen verboten

Eine Multimedia-Reportage von und

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Ruhe, Frieden - und eine Menge Regeln: Das norddeutsche Privatinternat Marienau hat syrische Flüchtlinge aufgenommen. Die müssen sich nun in die behütete Schulgemeinschaft einfügen. Eine schwierige Aufgabe, für beide Seiten.

Draußen ein Wintermärchen: Der erste Schnee des Jahres rieselt vom Dach des kleinen Klinkerhäuschens, Wildgänse ziehen nach Süden, schnatternd, über die verschneiten Baumwipfel. Der See vor dem alten Gutshaus der Privatschule Marienau bei Dahlem in der Lüneburger Heide funkelt in der Morgensonne.

Drinnen in der warmen Stube hat Nasser Abazid einen Kloß im Hals, und sein Sohn Abed hat Tränen in den Augen. Sie erzählen von Heimat und Heimweh und dem Leben, das sie zurückließen, als sie vor dem Krieg flüchteten. "Wer Syrien verlässt, gilt als Verräter", sagt Nasser. Der 48-Jährige sitzt auf einem Bett, barfuß, die Schultern vornübergebeugt. Er weiß, dass er wahrscheinlich nie wieder als Anwalt arbeiten kann, seine Kanzlei in Daraa ist verloren, geplündert, abwechselnd von Rebellen und vom Assad-Regime.

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Flüchtlinge im Privatinternat Marienau: Was ist bitte ein Landschulheim?
Trotzdem ist Nasser dankbar. "Wir haben es sehr gut, wir haben ein ganzes Haus für uns", sagt er. Die Bestimmung oder der Zufall haben ihn und seine Söhne Ahmed, 10, und Abed, 20, in eine Idylle geführt. Anfang Oktober nahm das private Internat Marienau die drei auf.

So kamen Abed und Ahmed mit ihrem Vater aus einem überfüllten Bremer Notlager in eine Schule im niedersächsischen Wald, mit 230 Schülern, von denen 120 auf dem malerischen Gelände wohnen. Ihre Mutter, die achtjährige Schwester Aya und der 24 Jahre alte Bruder Jamal wohnen noch bei einem Onkel in der Türkei.

Ahmed geht seit einigen Wochen in die fünfte Klasse. Die Schulgebühren, jährlich rund 7000 Euro, sowie die Kosten für Unterkunft und Verpflegung der Familie übernehmen die Schule und ihr Ehemaligenverein. Dem aufmerksamen, zierlichen Jungen fiel es leichter als seinem Vater und dem großen Bruder, sich in den Internatsalltag einzufinden. Er freut sich über die Natur und über den Schnee.

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Mittlerweile haben sich auch Nasser und Abed an die Abgeschiedenheit gewöhnt. "Als wir am ersten Abend auf Marienau zufuhren, dachte ich: Oh Gott, wo sind wir gelandet? Wo sollen wir einkaufen? Das ist das Ende der Welt", erinnert sich Nasser. Jetzt kennen sie den Weg zum Supermarkt und zum Deutschkurs in Dahlenburg, zu dem sie viermal in der Woche radeln. Bis sie die Sprache gelernt haben, hilft ihnen Frau Raslan-Alaoui, eine deutsch-syrische Mitarbeiterin der Schule, sich zu verständigen. Abed geht zum Training der Badminton-AG, und Nasser kickert zwischendurch mit Ahmed im Freizeitraum.

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Das klingt, als wäre nun alles gut für Marienau und seine syrischen Flüchtlinge. Dabei fängt die Arbeit erst an.

Die Jungen in Ahmeds Klasse waren in den vergangenen Tagen etwas genervt von ihm. Ahmed habe sich, ohne zu fragen, Stifte und Radiergummis genommen, und Jaspers Longboard. Sie können nicht selbst klären, was los ist, denn Ahmed spricht noch kaum Deutsch. "Unsere Biolehrerin hat uns gesagt, dass das in Syrien so ist", sagt Jasper.

Frau Raslan-Alaoui erklärt es später genauer: "Es ist ein Zeichen der Vertrautheit. Unter Freunden teilt man einfach. Das bedeutet, dass Ahmed angekommen ist und die anderen Jungen sympathisch findet."

Hört die Freundschaft beim Longboard auf - oder beginnt sie dort? Und werden es die Syrer schaffen, sich in die enge Welt eines Landerziehungsheims einzufügen, wo es für so vieles eine Regel gibt?

Noch gilt eine Schonfrist für die syrischen Mitbewohner

Dreimal am Tag gehen Ahmed, Abed und Nasser in den Speisesaal, um mit allen Lehrern und Schülern gemeinsam zu essen. Dort setzt man sich mittags erst an den Tisch, wenn alle da sind. Man nimmt sich erst Nachtisch, wenn die anderen den Hauptgang beendet haben. Und: Man kreuzt nicht in Jogginghosen auf.

Nasser hatte heute eine Jogginghose an. Noch darf er das. Noch gilt für ihn eine Schonfrist. "Aber nach zwei, drei Monaten werden wir sagen: 'Keine Jogginghose beim Mittagessen'", sagt Schulleiterin Heike Elz.

Die 60-Jährige weiß, dass Integration kein "Zuckerschlecken" ist, wie sie das nennt. Dass sich zur Jogginghose die Pünktlichkeit gesellt und zur Pünktlichkeit das Thema Müllentsorgung. "Wir werden uns aneinander reiben", sagt sie. "Es ist auch anstrengend, für alle."

Doch die Schule hat einen großen Vorteil vor anderen Gemeinschaften, die in diesen Monaten Flüchtlinge aufnehmen: Sie hat sich bewusst dafür entschieden. Rektorin Elz sieht die Schule auch in einer pädagogischen Verantwortung:

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Man könnte Marienau vorwerfen, einen PR-Coup eingefädelt zu haben, um das Image einer exklusiven Eliteschmiede loszuwerden. Doch das wäre ein ziemlich aufwendiger Coup - und dafür sind die Schüler viel zu engagiert und durchweg überzeugt von ihrer Idee, wie es diese beiden aus der neu gegründeten Flüchtlings-AG erzählen:

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Nun wird es für Nasser darum gehen, eine Beschäftigung zu finden, mit der er seine Tage sinnvoll füllen kann. Abed möchte irgendwann IT studieren. Ahmed soll, wenn alles gut geht, in Marienau Abitur machen. Und alle drei wünschen sich so sehr, dass auch der zweite Teil der Familie nach Deutschland kommen kann.

Für Marienaus Schüler und Lehrer wird es darum gehen, die Integration zum Alltag zu machen. Nicht müde zu werden, die drei Syrer behutsam zu lehren und von ihnen zu lernen. Und offen zu bleiben für neue Herausforderungen: Vor einigen Tagen hat das Internat drei weitere Flüchtlinge aufgenommen.

Es sind Jugendliche aus dem kurdischen Norden Syriens, zwei Geschwister und ein Cousin, die fast den ganzen Weg nach Deutschland gelaufen sind. Auch sie kamen abends in Marienau an. Auch sie waren verstört und verwirrt und hatten nie von Landschulheimen gehört. Auch sie sprechen noch kein Deutsch. Und sie tragen beim Mittagessen gern Jogginghosen.

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