Protest gegen Schüler-Verschickung: Eltern treten in Hungerstreik

Seit den sechziger und siebziger Jahren ist der Hungerstreik etwas aus der Mode gekommen. Jetzt greifen Eltern in Brandenburg zu drastischen Mitteln: Sie hungern öffentlich, weil eine kleine Schule zu verwaisen droht und die Kinder künftig stundenlang im Bus sitzen sollen.

Heckelberg-Brunow - Wer sich ungerecht behandelt fühlt, sucht nach Möglichkeiten, seinem Ärger Luft zu machen. Im Normalfall sammelt man dann Unterschriften, organisiert Demonstrationen oder Eingaben an Beschwerdeausschüsse, lässt auch schon mal symbolisch die "Bildung baden gehen" oder trägt sie im Pappsarg "zu Grabe".

Zu wenig, meint die Elternschaft der Grund- und Gesamtschule Heckelberg-Brunow, die allmählich ausdörrt und auf längere Sicht geschlossen werden könnte: "Auf unsere Protestsschreiben hat fast niemand geantwortet", so Elternvertreterin Karina Hermann gegenüber UniSPIEGEL ONLINE. Dabei reichten die Adressaten vom Schulamt bis zum Bundespräsidenten. Auch Berichte aus der Lokalpresse blieben ohne Wirkung. Also griff die Elternschaft zu einem Mittel, dass bei Schulstreitigkeiten in Provinz sonst eher nicht als opportun gilt: zum Hungerstreik. Seit Dienstag verweigern fünf Eltern - vier Frauen und ein Mann - jedwede Nahrung.

Die Aktion richtet sich gegen das befürchtete Ende für die Schule, in der derzeit 342 Schüler in zehn Jahrgangsstufen unterrichtet werden. Im nächsten Schuljahr werde es dort keine siebten Klassen mehr geben, erklärt Schulleiterin Ingrid Freier. Die Protestler ahnen nun, das bald das gesamte Schulgebäude verwaist: "Die Gesamtschule soll auslaufen, und damit ist auch die Grundschule nicht mehr zu halten. Daher mussten wir dieses drastische Mittel ergreifen", meint Mitorganisatorin Karina Hermann kampfeslustig.

"Dann ketten wir uns ans Schulgebäude"

Lediglich 32 Schüler seien bis zum Stichtag für die Klassen angemeldet gewesen; die Mindestzahl für die zweizügige Schule liege aber bei 40. Fünf weitere Eltern hätten später die Anmeldung eingereicht, sagt die Schulleiterin. Die Kinder sollen nun auf Schulen in der Umgebung verteilt werden. "Manche Schüler haben dann einen täglichen Fahrtweg von bis zu 50 Kilometern in jede Richtung", sagt Hermann - was eine Fahrtzeit von über zwei Stunden täglich bedeutet.

"Ein Hungerstreik ist eine völlig unangemessene Reaktion", sagte Martin Gorholt, Sprecher des Brandenburger Bildungsministeriums, am Dienstag. An etwa 90 Standorten landesweit könnten auf Grund des "dramatischen Schülerrückgangs" keine siebten Klassen eingerichtet werden. "Wir haben Heckelberg aber als besonderes Problem im Blick." Die Schüler könnten unter Umständen näher gelegene Schulen benachbarter Landkreise besuchen.

Unterdessen protestieren die Eltern tagsüber auf dem Schulhof, nachts quartieren sie sich im Foyer mit Schlafsäcken und Luftmatratzen ein. Die hungernde Mutter Gundula Mensfeld verspricht die Fortsetzung der Aktion: "Wenn wir nicht mehr können, werden andere Eltern unsere Stelle einnehmen." Und sollte der Hungerstreik keine Wirkung zeigen? "Dann werden wir uns vielleicht an das Schulgebäude anketten."

Von Reiner Kramer

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