Reformbaustelle Schule: Unsere Lehrer müssen besser werden

Ein Essay von Dietmar Pieper

Spielfilm "Der Club der toten Dichter": Begeisterung ist der wichtigste Treibstoff Zur Großansicht
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Spielfilm "Der Club der toten Dichter": Begeisterung ist der wichtigste Treibstoff

Schulreform ja, aber richtig: Finnland lässt nur die junge Elite auf die Kinder los, in Deutschland dagegen werden zu viele aus den falschen Gründen Lehrer. Ein Plädoyer für Pädagogen als begeisterte Dienstleister.

Tests, Prüfungen, Lernstandserhebungen. Zum Leben der Schüler gehört es, dauernd kontrolliert zu werden. Noten und andere Kennziffern sind bewährte Steuerungsinstrumente, die den Schülern zeigen, wo sie sich genügend anstrengen (oder wenigstens Glück haben) und wo sie mehr tun müssen. Über die Leistungen der Schüler wissen wir also gut Bescheid.

Was aber wissen wir über die Leistungen der Lehrer? Es wird Zeit, die Eignung der Lehrer für ihren Beruf zu einem großen Thema zu machen. Denn Schule, so einfach ist das, findet in der Schule statt. Die Verantwortung für das Gelingen oder Scheitern im Unterricht liegt bei den Lehrkräften.

Sie sind die Erwachsenen im Klassenzimmer, sie sind die Profis. Seltsam eigentlich, dass man so schlichte Tatsachen betonen muss. Aber man muss es, weil die bildungspolitische Debatte in Deutschland in einem speziellen Kosmos stattfindet, in dem manche Regeln des gesunden Menschenverstands außer Kraft sind.

Heilige Standards der Auslese

Seit dem enttäuschenden Abschneiden unserer Schüler bei den Pisa-Tests wird oft gefragt, was sich am deutschen Schulsystem verändern muss, um mit den Besten der Welt mithalten zu können. Es ist aber genau diese Systemfrage, die uns in die Irre führt. Denn sie geht am Unterricht, dem entscheidenden Faktor der öffentlichen Bildung, völlig vorbei.

Wenn es ums System geht, formieren sich nicht nur die gesellschaftsutopisch generell begeisterungsfähigen Linken, sondern auch eingefleischte Konservative: In der Dreigliedrigkeit der Schulorganisation, in der harten Auslese nach der vierten Klasse sehen sie heilige Standards.

Sie geben sich damit - ganz gegen ihr sonstiges Weltbild - als überzeugte Sozialtechniker zu erkennen, die für den Erhalt menschengemachter Strukturen zu Felde ziehen. Manche diskutieren die Systemfrage schon wieder so verbissen wie in den siebziger Jahren, als der Glaubenskrieg um Gesamtschule und Gymnasium die Bildungspolitik beherrschte.

Wer will heute noch Lehrer werden?

Ein SPIEGEL-Essay hat diesen Schulkampf zum Thema gemacht. Und er hat auch gleich Position im alten Schützengraben der Gymnasiallobby bezogen, der es davor graust, dass zu viele Kinder eine höhere Bildung bekommen, weil die höhere Bildung dann angeblich nichts mehr wert ist.

Aber in den Schützengräben gibt es weder auf der rechten noch auf der linken Seite etwas zu gewinnen. Sprechen wir also über Unterrichten als Beruf. Fangen wir an mit der Frage, wer sich dafür entscheidet, Lehrer zu werden.

Sind es vor allem Menschen, die gern mit Kindern und Eltern Umgang haben? Die erzählen können, bis die Augen der Zuhörer leuchten? Die wissen, wie man ein Rudel kleiner Wölfe führt? Zum Glück ist das bei nicht wenigen der Fall. Das Problem sind die anderen, die sich vielleicht für ihr Fach interessieren, ohne sich über ihre pädagogischen und sozialen Fähigkeiten große Gedanken zu machen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Hier wird kein schulisches Utopia gepredigt, in dem alle Lehrer so phantastisch unterrichten können wie im Hollywood-Film über den "Club der toten Dichter" mit Robin Williams. Es geht um etwas Nüchternes: Personalsteuerung.

Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur besseren Schule ist: Wir müssen den Lehrerberuf zu etwas Besonderem machen. Wer Musik studieren will, muss vorher zeigen, dass er seine Instrumente beherrscht und dazu ein gutes Gehör und Rhythmusgefühl besitzt.

Kinderdienst statt Schuldienst

Aber wer später das Kostbarste veredeln soll, was unsere Gesellschaft besitzt, unsere Kinder, kann pädagogisch total unmusikalisch sein - und niemand vermag ihn zu stoppen. In der Lehrerausbildung wird zwar bereits mehr Wert auf die Praxis gelegt als früher. Aber das bleibt zu zaghaft. Eignungstests für angehende Pädagogen wären der klare, folgerichtige Schritt.

Wie weit man es mit einem ebenso strengen wie durchdachten Prüfungsverfahren bringen kann, lässt sich in Finnland beobachten: Tausende wollen dort jedes Jahr Lehrer werden, nur ein paar hundert dürfen mit dem Studium beginnen.

Die herausragenden Pisa-Ergebnisse der Nordeuropäer sind vor allem eine Leistung des hochqualifizierten Personals. Die finnischen Lehrer gehen ihrem Selbstverständnis nach nicht in den Schuldienst, sondern in den Kinderdienst. Als professionelle Dienstleister wollen sie etwas für den Nachwuchs ihres Landes und damit für die Gesellschaft tun. Ihr Prestige ist hoch, obwohl sie weniger verdienen als ihre deutschen Kollegen.

Damit sind wir bei einer zentralen Frage angekommen: Was ist Schule? Für wen ist sie da?

In Deutschland ist sie immer noch viel zu sehr für die Lehrer da. Nur so lässt sich der bemerkenswerte Satz erklären, der im SPIEGEL-Essay zu lesen war: Die Lehrer, heißt es dort, "drohen endgültig den Kürzeren zu ziehen gegen eine Armada aus bildungsbeflissenen Eltern, die für ihr Kind nur das Beste wollen, nämlich möglichst das Abitur". Wer als Lehrer so denkt, möchte bei seiner Arbeit am liebsten nicht gestört werden. Archivar wäre die bessere Alternative.

Mit qualifizierteren Fachkräften kann Schule das werden, was sie sein sollte: ein Dienstleistungsbetrieb. "Wie bitte?", werden viele Lehrer fragen. "Wir sollen Dienstleister für nervige Eltern und ihre ungezogenen Rotzlöffel werden? So weit kommt's noch!"

Ja, so weit muss es kommen. Kundenorientierung ist das Ziel. Schule ist der Ort, an dem über die künftige Leistungsfähigkeit unseres rohstoffarmen, aber erfindungsreichen Landes entschieden wird.

Lernen, weil es sich wirklich lohnt zu lernen

Es gibt also eine Menge für die Bildungspolitiker zu tun. Sie müssen das Geplärre, das ihre Welt beherrscht, ignorieren. Sie müssen ihr Amt als das begreifen, was es im Kern ist: eine Management- und Führungsaufgabe mit Personalverantwortung für die 670.000 Lehrer in Deutschland. Wenn es gelingt, die Schulen zu einem Dienstleistungsort aus Leidenschaft zu machen, dann könnten ganz neue Kräfte freigesetzt werden.

"Begeisterung ist der wichtigste Treibstoff für die Entwicklung des Gehirns", das sagt der Hirnforscher Gerald Hüther. "Schüler brauchen vor allem das Gefühl, keine Nummer zu sein", das sagt der Pädagoge und Lehrerausbilder Michael Felten. Lehrer, die das verstehen, werden sich über die Stärken ihrer Schüler freuen und an den Schwächen arbeiten. Felten sagt es so: "Möglichst viele Schüler möglichst weit bringen, das ist die Aufgabe von Lehrern heute."

Wer also soll Abitur machen? Möglichst viele. An dieser Stelle setzt bei etlichen Freunden guter Bildung ein Reflex ein: "Um Himmels willen, was ist das Abitur noch wert, wenn es fast alle machen?" Die kühle Antwort lautet: Es ist so viel wert wie das, was in den Abertausenden von Unterrichtsstunden passiert, die ein Schüler bis zum Abitur absitzen muss.

Und am besten ist es natürlich, wenn er sie nicht absitzt. Sondern wenn die Kinder lernen, weil es sich wirklich lohnt. Weil sie sinnvoll finden, was im Unterricht geschieht. Kurz: weil sie Lehrer haben, die mit dem Herzen dabei sind - und nicht mit dem gleichen Satz kopierter Zettel wie im letzten, vorletzten und vorvorletzten Jahr.

Masse und Klasse, ja, das geht. Wer es nicht glaubt, sollte einen Blick auf die Pisa-Zahlen werfen. Die meisten Spitzenländer sind nicht nur in der Spitze gut, sondern auch in der Breite: In Südkorea, Finnland, Japan, Kanada, Neuseeland und Australien liegt die Quote der Schüler, die mit der Berechtigung zum Studieren von der Schule abgehen, um einiges höher als in Deutschland.

Die Ländervielfalt zeigt nebenbei: Der Erfolg kann in sehr unterschiedlichen Gesellschaften heimisch werden. Wer ernsthaft möchte, dass Deutschland in die Top Ten der internationalen Bildungselite aufrückt, sollte eines mit Sicherheit nicht tun: eine verstaubte Systemdebatte führen. Auf die Lehrer kommt es an.


Dietmar Pieper, 49, leitet das Ressort Sonderthemen beim SPIEGEL und ist u.a. verantwortlich für die Heftreihe SPIEGEL WISSEN, die sich immer wieder mit Bildungs- und Erziehungsthemen beschäftigt. Seine Kinder sind 9 und 11 Jahre alt.

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insgesamt 555 Beiträge
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1. Oh Captain, mein Captain
thorsten wulff 12.03.2013
Das föderale Bildungssystem hat genauso versagt wie all die Landesämter für Verfassungsschutz und ihre Armeen von V-Männern und Frauen. Panikreaktionen wie die Profiloberstufe zeigen die Notwendigkeit bundeseinheitlicher Regelungen und langfristiger Planung mit dem Interesse der Kinder im Blick. Zuviele Leute ohne Plan studieren "erstmal auf Lehramt."
2. Finnland
belize73 12.03.2013
Finnland: Der Ausländeranteil ist mit rund 4 % im Vergleich zu den Nachbarländern Norwegen und Schweden gering, hat sich aber seit dem Ende des Kalten Krieges vervielfacht. Der Grund für diese niedrige Ziffer ist zum einen die bis heute recht restriktive Einwanderungspolitik des finnischen Staates, zum anderen war Finnland zur Zeit der großen Arbeitsmigration in den ersten Jahrzehnten der Nachkriegszeit insbesondere im Vergleich zu Schweden wirtschaftlich schwach und selbst eher Auswandererland denn Einwanderungsziel.
3.
franko_potente 12.03.2013
Zitat von sysopddp imagesSchulreform ja, aber richtig: Finnland lässt nur die junge Elite auf die Kinder los, in Deutschland dagegen werden zu viele aus den falschen Gründen Lehrer. Ein Plädoyer für Pädagogen als begeisterte Dienstleister. http://www.spiegel.de/schulspiegel/reform-der-schule-lehrer-muessen-dienstleister-werden-a-887750.html
Ein Lehrer ist KEIN Dienstleister. Seine Arbeit kann nicht "abgerechnet und optimiert" werden. Das Problem sind nicht die ehrer, sindern ebne besagte eltern, die auf Teufel komm raus ihre Brut zum Abi prügeln. Wir können nicht alle Akademiker werden, gebt den Lehrern endlich wieder die Hoheit über ihre Klassen. Mit Rauswurf und scharfem Wort, Nachsitzen, Strafarbeiten, kurz: Sanktionsoptionen. Je niedriger das Bildungsniveau, desto höher die Optioen. Totales Handyverbot im Unterricht, keine Wasserflaschen und ähnlicher Stuhlkreisunsinn. Rückkehr zur Benotung vn anfang an, Kopfnoten dazu und verdammt nochmal, Frontalunterricht. Schule für Leben und nicht DIenstleistung. Was soll der Mist?
4. Hervorragend auf den Punkt gebracht
streckengeher 12.03.2013
Und wie kommen wir dahin, im Dschungel von Föderalismus, Parteiidelogie und Spardruck?
5. Na...
der_horst 12.03.2013
endlich mal ein vernünftiger Artikel zu diesem Thema! Und jetzt, liebe Lehrer, frohes Jammern.
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