Rentner in der Fahrschule: "Vorfahrt ist mein Lieblingsschild"

Die letzte Fahrt ist lange her, jetzt wagen sich Annelie, 65, und Inge, 67, noch einmal ans Steuer: Für das Jugendmagazin "Spiesser" absolvieren die Senioren eine Fahrstunde. Drei Pedale, Bordsteine, Gegenverkehr - schwer den Überblick zu behalten. Gott sei Dank ist Fahrlehrer Holger, 48, dabei.

Senioren am Steuer: "Ich hab' ja drei Pedale" Fotos
Frank Grätz

Bevor es für die beiden Fahrschülerinnen unter strenger Beobachtung des Fahrlehrers hinters Steuer geht, wird in Erinnerungen geschwelgt.

Annelie: 1987, in meiner ersten Fahrstunde, habe ich mit meinem Lehrer eine Autobahn befahren. Angeschrien hat der mich, ich solle endlich mal Gas geben. Fasst sich entrüstet auf den Brustkorb. Seitdem habe ich höchstens meinen Mann von der Kneipe abgeholt.

Inge: Ich habe mich immer gnadenlos gegen meinen Mann durchgesetzt, dass ich auch mal fahren durfte.

Genug geschnackt: Zeit für Taten, und zwar auf dem Übungsplatz. Bis dorthin spielt Holger den Chauffeur. Annelie nimmt nervös auf dem Beifahrersitz Platz, während Inge sich entspannt auf dem Rücksitz anschnallt.

Annelie: Wir haben Vorfahrt, oder?

Holger: Jap.

Annelie: Vorfahrt ist mein Lieblingsschild.

Auf dem Industriegelände angekommen, darf Annelie gleich beginnen. Freundin Inge feuert an.

Inge: Na da mach mal los Annelie!

Annelie: Ich hab ein bisschen Bammel. Ist ja alles Neuland für mich.

Inge: Du, rede jetzt nicht so dummes Zeug, sondern sag: "Ich schaffe das!"

Annelie: Rechts war die Bremse?

Inge: Das kann ich dir gar nicht sagen, das geht bei mir automatisch.

Annelie: Ich habe ja drei Pedale!

Holger: Ja, das ist Luxus.

Das Anfahren klappt problemlos, das Abbiegen funktioniert... na ja, fast.

Holger völlig ruhig: So, da haben wir ein kleines Ruckeln gemerkt.

Annelie: Wie? Was war das? Sichtlich aufgeregt Was habe ich da gemacht?

Holger: Ein Stein...

Annelie: Ein kleiner Stein?

Holger: Ein Bordstein.

Unbeeindruckt dreht Annelie Kreise.

Annelie: Dass der von alleine rollt... Ich geb gar kein Gas!

Holger: Ja, gutes Auto. Streichelt die Armatur.

Aber alles kann selbst das fleißigste Auto nicht allein. Annelie braust auf eine Kurve zu, setzt den Blinker und...

Holger: Langsam, langsam, langsam fahren!

Inge: Ach, du hast Platz.

Holger: So, und jetzt lenken, lenken, LENKEN! Greift beherzt ins Lenkrad.

Inge: Uuuuuh, halt, halt, halt! Sie kneift die Augen zusammen.

Und fast wäre das Rentner-Kompetenz-Team auf der Wiese gelandet.

Annelie: Och Mensch, ich muss an so vieles denken.

Mit gesenktem Kopf parkt unsere Rennfahrerin und schaltet den Motor aus. Annelie ist sichtlich fertig und wird sogleich von Inge gelobt und ermutigt.

Inge: Schön, Annelie. Hast ihn ja nicht mal abgewürgt.

Annelie tupft sich die Schweißperlen von der Stirn.

Annelie: Wenn Holger nicht wäre, dann hätte ich längst aufgegeben. Ich würde jetzt gerne wechseln... Ich muss mich auch mal erholen.

Mit zittrigen Händen schnallt sie sich ab. Inge setzt sich ans Steuer.

Holger: So, jetzt müssen Sie hier erst mal Strom geben.

Inge: Na ja, ich würde erst einmal alles einstellen wollen.

Holger: Dazu brauchen Sie aber Strom.

Inge: Ach so.

Inge ist zwar cooler als Annelie, Holger hat aber auch hier etwas zu beanstanden.

Holger: Ja, da ist jetzt eindeutig der Profi hinterm Steuer. Nur eine Hand am Lenkrad.

Inge: Hihi, genau.

Zwischendurch gibt's auch etwas Theorie. Das Auto wird geparkt und mal unter die Motorhaube gelugt.

Annelie: Jetzt habe ich mal ne dumme Frage: Wo fülle ich denn jetzt hier im Motor Benzin hinein?

Holger: Das zeige ich Ihnen.

Er geht um das Auto herum zur Tankklappe. Die Ahnungslose ist sichtlich beschämt.

Annelie: Ach, jetzt weiß ich wieder. Man muss ja hier irgendwo das Ding reinstecken. Ach, ich bin manchmal so ein Dussel.

Durchatmen, Tanken steht ja nicht auf dem Programm. Jetzt geht's heim!

Holger: Annelie, Sie fahren uns jetzt zurück zur Fahrschule.

Annelie: Aber nicht in die Stadt!

Holger: Die Fahrschule liegt am Rand der Stadt.

Annelie: Heißt das, ich soll wirklich zurückfahren?!

Holger: Genau. Ich will nicht.

Bereits nach wenigen Metern läuft Annelie der Schweiß übers Gesicht. Nebenbei erklärt Holger noch den Umgang mit "Kollegen" im Gegenverkehr.

Holger: Ne Fahrschule müssen Sie immer grüßen.

Annelie: Achso? Guten Tag!

Holger: Und jetzt bitte bremsen.

Annelie: Bremsen? Da brauche ich die Bremse. Die war doch in der Mitte, oder? Wo sind wir denn jetzt?

Inge: Autobahnzubringer.

Annelie: Aber wir fahren jetzt doch nicht Autobahn?! Panik kommt auf.

Holger: Nein, wir fahren einfach weiter geradeaus.

Annelie: Da bin ich ja beruhigt.

Beruhigt sieht anders aus. Und jetzt das: Annelie soll vor der Fahrschule rückwärts einparken. Totenstille im Auto.

Annelie: Mir läuft der Schweiß, mein lieber Himmel.

Inge: Ach, schau mal, die Katze!

Annelie: Wie, Katze? Sie bremst abrupt.

Holger: Das hätten Sie jetzt nicht sagen dürfen...

Annelie: Ich dachte schon, ich hätte eine überfahren.

Nach einer Verschnaufpause steigt Annelie schweißgebadet aus dem Auto.

Annelie: Ja, wenn man es richtig könnte, würde es Spaß machen.

Inge reicht Annelie ihr Taschentuch.

Inge: Hier, wisch' dir mal den ganzen Schweiß ab. Das kann ich gar nicht mit ansehen.

Von Victoria Gütter, 19, für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Senioren
Clawog 18.04.2011
Wie werden diese rüstigen Damen denn erst mit 90 fahren? Davon gibt es sehr viele, und sie fahren sehr sicher. Jüngere, welche die "totale" Übersicht haben, sind die schlimmsten. Die Unfallstatistiken zeigen das auch.
2. Fahrtauglichkeit
Exclam 18.04.2011
Hallo, meine Meinung ist da eindeutig: Ich habe nichts dagegen, wenn ältere Leute Auto fahren. Aber nur weil es einige gibt, die bis ins hohe Alter gesund bleiben, darf man es trotzdem nicht zulassen, dass andere, die leider nicht mehr die nötige Sehstärke oder Reaktion haben, Leben gefährden. Wie häufig kommt es vor, dass man seine eigenen Schwächen nicht einsehen will oder dass man diese gesundheitlichen Probleme runterspielt. Gerade wenn diese Altersbedingt sind, fällt es sicher schwer, sich einzugestehen, dass man nicht mehr fahrtauglich ist. Daher ist die Lösung relativ einfach: In regelmäßigen Abständen sollte ein Test gemacht werden, der die Fahrtüchtigkeit überprüft, mit Konsequenzen für die Fahrerlaubnis. Leider scheinen die Verantwortlichen in der Politik zu häufig selbst kurz vor dem Problem zu stehen, so dass es dort keine Änderung gibt. Um der älteren Generation gerecht zu werden, sollte man vielleicht über eine Unterscheidung zwischen Tag/Nachtfahrten machen, und auch eine Zurücknahme des Verbots bei Gesundung ermöglichen. beste Grüße, Guido
3. Hmm...
Retiramas 18.04.2011
die Argumentation mit der Unfallstatistik erschließt sich mir nicht. Die Statistik sollte mal prüfen, wie oft Senioren Auslöser für Unfälle sind, und objektiv kontrollieren in wie weit des Verhalten der Rentner zum Unfall beitrug. Ich werde von meinen Freunden mit "wie ein Opa fahrend" beschrieben, doch hatte ich viele gefährliche Momente im Straßenverkehr. Oft durch Senioren. Viel zu langsames Fahren gefährdet auch. Nur sind da eben immer die Anderen Schuld, nicht die, die mit 5 km/h in der 50 Zone abbiegen und dafür schon 100 m vorher eine Bremsung hinlegen. Die fehlende Übersicht (keine Schulterblicke, weniger Aufmerksamkeit im Alter, grauer Star) kommt da ja noch dazu Die Anderen fahren immer zu schnell, wenn man zu den Langsamsten gehört
4. ....
DasLaecheln 18.04.2011
Nicht nur nie ältere Generation, auch jüngere Verkehrsteilnehmer sollten öfters mal einen Sehtest machen müssen bzw. vielleicht alle x Jahre eine erneute Prüfung bestehen müssen.
5. Rentner = Minderleistung?
exminer 18.04.2011
Wenn man von dieser Warte aus das Problem betrachtet,liegt man nicht ganz daneben.Aber verallgemeinern läßt sich diese Sache nicht so einfach.Da gibt es die Erkenntnis, Erfahrung ist nur durch Erfahrung zu erlangen.Und wenn auch die Formel der kinetischen Energie nicht das Oberbewußtsein beherrscht,so ist sie doch gefühlsmäßig vorhanden.Das ist nicht unbedingt ein Nachteil.Menschen deren Einstellung zum Individualverkehr von Vordenkern mit falschen Parolen beeinflußt wird,können oder wollen diese Zusammenhänge nicht erkennen. Das Führen von Fahrzeugen beruht auch auf dem Vetrauensvorschuß anderen Teilnehmern gegenüber,daß sie sich regelkonform verhalten,und zu einem nicht geringen Teil auf der Ausblendung der Betriebsgefahr. Erfahrung!!
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