Rocker als Lehrer: Kraftklub versprüht Ruhmaroma

Berlin? Muss echt nicht sein, sagen die Chemnitzer Musiker von Kraftklub - und ecken damit bei der neunten Klasse des Berliner Dathe-Gymnasiums an. Die Hauptstadt-Schüler halten die Vertretungslehrer des Jugendmagazins "Spiesser" für eine Castingband. Bei so viel Missmut hilft nur Lebkuchen.

Kraftklub als Vertretungslehrer: Seid ihr nicht 'ne Castingband? Fotos
Tony Haupt

10:35 Uhr. Die 9b des Dathe Gymnasiums in Berlin sitzt vorbildlich auf ihren Plätzen und wartet auf die Vertretungslehrer für die heutige Ethik-Stunde. Endlich: Die fünf Jungs von Kraftklub betreten das Klassenzimmer - mit allerlei Weihnachtsleckereien im Schlepptau. Vorweihnachtliche Bescherung oder Bestechungsversuch?

Felix: Um uns einzuschleimen, haben wir Kekse mitgebracht. Möchtet ihr?

Was für eine Frage. Die Klasse macht sich sofort über das Weihnachtsgebäck her und dann geht's auch schon los. Thema: Der Drang nach Ruhm - auch ohne Ehre.

Felix: Kennt ihr Andy Warhol?

Ratloses Gemurmel in der Klasse.

Felix: Das ist ein Künstler, der gesagt hat, dass jeder Mensch in der Zukunft 15 Minuten lang berühmt sein wird. Jetzt ist die Zukunft und wir schauen alle "Deutschland sucht den Superstar", "X Factor" und "Das Supertalent". Meine kleinen Schwestern sind so alt wie ihr und voll heiß auf solche Formate. Guckt ihr so was auch?

Erwin: Nicht wenn ich was Besseres zu tun habe.

Felix: Und selbst dann schaut man bei "Deutschland sucht den Superstar" nur die Vorrunden, weil die lustiger sind. In manchen Formaten wird das alles sogar geschrieben. Also, da schreibt jemand: "Es wäre schön, wenn sie die Spaghetti von seinem Bauch isst."

Gelächter. Den Mitten-im-Leben-Insider kennen wohl alle.

Felix: Warum denken die Leute, dass sie sich im Fernsehen zeigen müssen?

Mark: Manchen geht es ums Geld und viele wollen nur Aufmerksamkeit. Die machen sich dann ein Hobby daraus und gehen zu zehn Talentshows.

Lale: Vielleicht haben sie auch keine Freunde, die ihnen sagen, dass sie nicht singen können.

Till: Oder sie haben so liebe Freunde, dass die sich nicht trauen, ihnen zu sagen, dass sie scheiße sind.

Wer Freunde hat, braucht keine Feinde - oder wie sollen wir das jetzt verstehen, lieber Bassist?

Felix: Bei uns im Nachbardorf hat eine Familie bei "Mitten im Leben" mitgemacht und wurde schließlich aus dem Dorf gemobbt. Es hat niemand geglaubt, dass dahinter ein Script steckt. Alle dachten, die wären die vollkommenen Oberassis. Das sind doch total traurige Figuren. Auf der Straße würden wir niemals einfach jemand Wildfremden auslachen, aber im Fernsehen läuft das auf einmal so: Haha, dieses Opfer, dieses Opf...

Lautes Gerumpel von oben unterbricht Felix.

Felix: Was ist da oben? Da ist bestimmt auch gerade eine Band, aber die macht coolere Sachen... Bankrutschen oder so.

Konzentration, liebe Band. Wo waren wir stehen geblieben?

Felix: Wie ist denn das mit euch? Wollt ihr auch mal "berühmt" werden?

Erwin: Berühmtwerden kommt nicht in Frage. Dieser ganze Aufwand! Stell dir vor, du bist Lady Gaga: Jeder kennt dich und wenn du dir einmal was leistest, dann weiß es die ganze Welt.

Lale: Das ist ja schon Stalking in legaler Form. Echt unheimlich! Und Berühmtsein um jeden Preis à la Reality-TV geht gar nicht...

Da ist sich die Klasse einig. Die einzigen, die das mit dem Berühmtsein zumindest ein bisschen beurteilen können, sitzen außerdem ganz vorn.

Kenneth: Wie findet ihr das denn, berühmt zu sein?

Felix: Wir sind ja nicht Lady-Gaga-berühmt. Wenn wir rausgehen, passiert... absolut gar nichts. Oder habt ihr vielleicht Handyvideos gemacht, als wir reinkamen?

Jule: Na, bei uns sind Handys nicht erlaubt.

Marlene: Ihr habt ja eben voll über Castingshows abgelästert. Aber der Bundesvision Song Contest, bei dem ihr mitgemacht habt, ist doch eigentlich nichts anderes, oder?

Felix: Nee nee nee, die sind zwar beide im Fernsehen, aber trotzdem unterschiedlich. Die Bands da sind ja fertig. Wir haben davor schon ganz viel gespielt, waren schon mit Fettes Brot, den Beatsteaks und Casper auf Tour und dann kam erst irgendwann der Bundesvision Song Contest.

Marlene: flüstert ihrer Banknachbarin "leise" zu: Castingband!

Die Band stopft sich erst mal Lebkuchen rein - was können sie da schon sagen?

Felix: Also bei uns war das so mit dem Berühmtwerden: Am Anfang haben wir nur Musik für unsere Kumpels gemacht. Und die fanden das so cool, dass wir es irgendwann ins Internet gestellt haben.

Michelle: Und muss man dann zum Berühmtwerden nach Berlin? Ihr singt, dass ihr nicht hierher wollt und seid jetzt doch da, für die Vertretungsstunde. Das ist doch total bescheuert.

Schon holen die Jungs wieder den Lebkuchen hervor. Nervennahrung?

Felix: Unser erstes Management wollte, dass wir nach Berlin ziehen, weil die ganzen Medienleute hier sitzen. Aber hier ging uns die Art der Menschen in diesem Business so auf die Nerven, dass wir den Song "Ich will nicht nach Berlin" geschrieben und gesagt haben: Wir kommen gerne wieder, aber wir wohnen weiter in Chemnitz.

So viel dazu. Bevor die Klasse aber berühmt wird, muss erst einmal die Schulzeit überstanden werden.

Felix: Wollt ihr einen Spicker-Tipp?

Er nimmt Erwins Mäppchen und demonstriert, wo der Spicker hin muss. Die Klasse ist begeistert, die Klassenlehrerin weniger. Zeit für die Band, sich aus dem Staub zu machen.

Felix: Vielen Dank, Klasse 9b!

Von Lien Herzog für das Jugendmagazin "Spiesser"

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Vertretungsstunde: Promi-Alarm im Klassenzimmer

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1. Rocker? Muss echt nicht sein
tritop 27.12.2011
Als Ing. würde ich mir dort eher einen Besuch von Prof. Lesch wünschen.
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