Römische Impressionen: Wo nicht nur Zitronen blühen

Vier Redakteure der Schülerzeitung „Rückenwind", Gesamtsieger beim SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb 2006/2007, wurden im November für eine Woche in die Redaktionsvertretung des SPIEGEL nach Rom eingeladen. Ihre Eindrücke beschreibt Raphael Geiger im SchulSPIEGEL.

Gäbe es eine Definition für Rom im Jahr 2007, ginge sie etwa so: ein Mittelding irgendwo zwischen den Massen an Touristen, der unvergänglichen Schönheit dieser Stadt, den Pilgern, die kreischen, wenn der Papst winkt, und schließlich den Italienern, die ihre Rolle täglich zu perfektionieren suchen. Der Versuch, all dem in einem einzigen Text beizukommen, ist zu vermessen, um überhaupt in Angriff genommen zu werden - einige Impressionen sind das maximal Denkbare.

In der Bibel steht: Im Anfang war das Wort. Beginnen wir also mit dem Glauben und dem Mann, der ihn für eine Milliarde Menschen verkörpert.

Bayerische Blasmusik: Ständchen für den Papst
Alexander Eckmeier

Bayerische Blasmusik: Ständchen für den Papst

Mittwoch, kurz vor zehn Uhr morgens am Petersplatz. Regen prasst von einem grauen römischen Himmel hinunter auf Tausende, die warten und ausharren, um - sei es nur für ein paar Sekunden - Joseph Ratzinger zu sehen.

Dabei sind die Chancen gar nicht schlecht, nahe an einer der Schneisen zu stehen, die nur durch Holzbarrikaden getrennt durch die Stuhlreihen am Petersplatz gehauen wurden und durch die sich der Papst auf seinem weißen Mercedes-Jeep durch die Massen winkt, bevor er zu einem Podest vor dem Eingang zum Petersdom gebracht wird. Die Bühne hat ein ovales, ebenso weißes Dach, das nur durch einige bunte Lichter, die aus der Decke strahlen, ein wenig farbig und dadurch auch ein bisschen kitschig wirkt.

Eine halbe Stunde dauert es noch bis die allwöchentliche Generalaudienz des Papstes auf dem Petersplatz beginnt. Der Regen wird stärker, wer keinen Schirm mit sich hat, hält irgendwas Robustes über seinen Kopf, manche nehmen aus ihrer Not heraus einfach ihre kleinen Stadtpläne. Es sind jene, die so beliebt sind, weil auf ihnen jede römische Sehenswürdigkeit als kleines Bildchen aufgemalt ist. Leider bestehen sie nur aus sehr dünnem Papier, das sich eher als Schreibunterlage in Reisebüros eignet denn als Regenschutz.

Vorne, unter der Papstbühne, trotzt eine Glaskapelle aus dem Allgäu dem Wetter und bringt hörbar bayerische Lebensart in den Vatikan. Sie spielen den Defiliermarsch. Das ist die Melodie, die früher den Märchenkönig begleitete, in jüngster Zeit Edmund Stoiber, wenn er beim Politischen Aschermittwoch in Passau in die Halle einzieht. Jetzt spielen sie ihn dem Papst, der noch gar nicht da ist.

Erst kommt ein Priester auf die Bühne. Der geht zu einem Mikrofon und setzt an: "Zur heutigen Generalaudienz mit Papst Benedikt XVI. sind erschienen folgende Gruppen aus der Bundesrepublik Deutschland..." Seine Stimme ist wie sein Gang: langsam und bedächtig. Er betont jedes einzelne Wort, spricht jeden Vokal, als sei er sein letzter, eine Oktave höher als normal und vor allem stark durch die Nase. Kurz: Er versucht mit allen Mitteln, besonders fromm zu wirken.

Jonas "misst" sich mit dem Petersdom
Alexander Eckmeier

Jonas "misst" sich mit dem Petersdom

An die zehn Minuten verliest er feierlich alle Pilgergruppen, von der Christlich-Sozialen Arbeitnehmerschaft Amberg-Sulzbach aus der Oberpfalz bis zum Frauenbund aus Tauber-Bischofsheim.

Als der Papst endlich durch die Mengen fährt, darf man ein seltenes Schauspiel erleben: Ein bisschen wie im falschen Film fühlt sich, wer die Würdenträger der katholischen Kirche plötzlich kreischend, auf ihre Plasttikstühle springend und beide Arme in die Höhe reißend sieht. Da kommen Nonnen derart in Empathie, dass sie springen, als seien sie Cheerleader bei den New York Yankies und der Papst Joe diMaggio. Die Wachen der Schweizergarde haben schließlich den schwierigen Job, alle wieder dazu zu bringen, sich zu setzen und doch - bitte - endlich aufzuhören, zu kreischen.

Wer sich da nach dem wahren Kern der Papstbegeisterung fragt, liegt vermutlich nicht ganz falsch: Selbst wenn den anwesenden Geistlichen ihr Glaube nicht abzusprechen ist, er allein kann es ja wohl denn doch nicht sein, der diesen Schub an Adrenalin auslöst, in dessen Folge manche ganz das christliche Besinnen vergessen, das in aller Regel still abläuft. Die Wahrheit ist wohl doch, dass dieser Papst zu einem Pop-Symbol nicht verkommen, aber es ganz einfach geworden ist und dass der davon ausgehenden Faszination auch Menschen unterliegen, von denen man es nie angenommen hätte. Die Generalaudienz ist dafür ein Beispiel.

Wer den Vatikan verlässt, kommt in eine sehr deutsche Welt. Die Umgebung des kleinsten Staats der Welt wird dominiert von deutschen Pilgern. Über jedem zweiten Geschäft steht "Articoli Religiosi", dort ist der Katholiszismus vom Papstkalender bis zum Ministrantengewand käuflich. das Personal spricht Deutsch, ebenso die Kellner in den Restaurants und im Scottish Pub an der Ecke kann man gar Benedikt-Bier trinken.

Doch Rom ist vielfältig. Es sind nur ein paar Gehminuten bis zu afrikanischen Händlern an den Tiber-Brücken. Scheinbar nicht enden wollend reihen sich die dünnen Decken am Gehsteig, auf denen säuberlich nebeneinander aufgereiht gefälschte Designertaschen liegen. Direkt gegenüber liegt Roms Justizpalast, doch die Bürokraten dort stört der Schwarzmarkt vor ihrer Haustür offenbar nicht.

Es ist das erste Symptom dafür, dass in Italien nicht nur Zitronen blühen, sondern auch so unschöne Dinge wie Korruption und alles, was mit ihr verbunden ist. Die Guardia Finanza, in der doppelt so viele Beamten Dienst tun wie beim deutschen Zoll, kommt nicht an gegen die afrikanischen Händler, schafft es nicht, dem Schwarzmarkt mitten in der Stadt beizukommen. Ein erstes Symptom für ein Problem, das immer deutlicher wird, je näher man dem italienischen Zentrum Roms kommt.

Man könnte es umschreiben als der italienische Komplex, doch eine wirkliche Eingrenzung ist schwierig - zu weitschweifig, zu schwammig ist die Sache. Manche nennen es einfach einen "einzigen Sumpf". Doch das klingt kriminell, aber ist es das wirklich, wenn man an einen Arzttermin nur mit Beziehungen kommt, wenn sich Konzertveranstalter so und so viele Karten für "Freunde" reservieren? Ist der Polizist kriminell, weil er im Dienst Zigarette im Mund und Handy am Ohr im Bistro ausgiebig einen Cappuccino schlürft?

Verschnaufspause im Park
Alexander Eckmeier

Verschnaufspause im Park

Man muss nicht lange in Italien leben, um eine Ahnung davon zu bekommen, was das Problem ist. Aber schon etwas länger, um zu begreifen, woran es liegt. Es gibt Menschen in Rom, die leben dort seit Jahrzehnten und ziemlich genauso lang fragen sie sich, wie diese Stadt und das Land, dessen Hauptstadt sie ist, überleben kann. Nichts funktioniert - aber es klappt, irgendwie, trotzdem alles.

Es stimmt, dass die Italiener mit dem häufig unzivilisierten Benehmen ihrer Landsleute durchaus hart ins Gericht gehen und oft gestehen sie ihre eigenen Unzulänglichkeiten ein. Wehe aber, man stimmt ihnen zu. Dann gehen sie in Verteidigung und finden sogar für das schlimmste Benehmen einen guten Grund.

Italien ist heute eine sehr ambivalente Gesellschaft zwischen dem mediterranen Klischee, das oft durchaus keines ist, und dem ganz offensichtlichen Problem, dass Italien in wirtschaftlicher Hinsicht in der Globalisierung nicht mehr mithalten kann. Italien ist nicht wettbewerbsfähig, Aufträge und Investitionen gehen in andere Länder.

Die Statistik von Transparency International, einer Organisation, die weltweit gegen Korruption kämpft, sieht Italien vor Griechenland in der alten Europäischen Union auf dem vorletzten Platz, und das nur wegen des reichen Nordens, der das Land besser dastehen lässt. Im Süden Italiens sind die Verhältnisse ähnlich denen in Schwarzafrika - und der Süden Italiens beginnt im Zentrum Roms.

Frau W. stammt aus Wien und lebt seit 35 Jahren in Rom. Man könnte sie Italien-Kritikerin nennen. Sie weiß wovon sie spricht, beschäftigt sich mit dem Thema seit Jahrzehnten und das Ergebnis dieser Langzeitstudie fällt für die Untersuchten, die Italiener, ziemlich miserabel aus.

Frau W. hat eine Brille mit breitem, schwarzem Rahmen, dessen Ecken etwas abgerundet sind. Wenn sie zu einem Satz ansetzt, deutet sie ein stilles Lächeln an, auch wenn das, was sie sagen will, gar nicht amüsant ist. Sie sagt: "Überqueren Sie eine Straße!" Einfach in Deutschland, ein Kampf in Italien. "Ampeln stehen zur Dekoration herum. Zebrastreifen scheinen nur Ausländer zum Überqueren der Straße anzuregen. Wir Einheimischen vermeiden diese Streifen tunlichst. Sie sind auch gefährlich. Wenn nämlich das erste Auto Anzeichen zum Stehenbleiben macht, kann man sicher sein, dass die Autos dahinter den Fahrer ungeduldig anhupen und aufs Gas steigen. So steht man häufig mitten auf der Kreuzung und kann nur hoffen, dass ein Bus an der Haltestelle stehen bleibt und die Wagenkolonne dahinter blockiert. Das ist oft der rettende Augenblick, den man nicht verschlafen darf."

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