Schärferes Waffenrecht: Liedermacher startet Schulboykott

Fassungslose Eltern rätseln, wie sie ihre Kinder vor Amokläufen schützen können. Schärfere Waffengesetze müssen her, fordert eine Gruppe von Autoren und Musikern und ruft zum Schulboykott auf - der soll ein Verbot von großkalibrigen Schusswaffen in Privathaushalten erzwingen.

"Keine Mordwaffen als Sportwaffen" - so lautet die Forderung einer Gruppe prominenter Eltern, die nach dem Amoklauf von Winnenden eine Verschärfung der Waffengesetze fordern. Die Eltern sehen das derzeitige Waffenrecht als Ursache der Bluttat, bei der am Mittwoch der 17-jährige Tim K. mit einer halbautomatischen Waffe über 100 mal schoss und während seines zweistündigen Amoklaufs 15 Menschen und am Ende sich selbst tötete.

Liedermacher Schöne: "Solange die Schulen kein sicherer Ort sind, bleiben meine Kinder zu Hause"
DPA

Liedermacher Schöne: "Solange die Schulen kein sicherer Ort sind, bleiben meine Kinder zu Hause"

Der Liedermacher und Mitinitiator der Aktion Gerhard Schöne schickt nach dem Amoklauf von Winnenden seine Kinder ab diesem Freitag nicht mehr zur Schule. "Solange die Schulen kein sicherer Ort sind, bleiben meine Kinder zu Hause", begründet der 57-Jährige am Freitagmorgen bei einer Protestaktion vor der Freien Werkschule in Meißen seinen Schulboykott.

Gemeinsam mit seinen beiden Söhnen, die in die dritte und erste Klasse der Freien Werkschule gehen, sammeln Schöne und seine Mitstreiter Unterschriften gegen den Besitz von Schusswaffen. Vater und Kinder hielten Plakate in der Hand mit der Aufschrift "Sportwaffen sind Mordwaffen" und "Wir bleiben zu Hause".

Der Boykott des Musikers folgt einem bundesweiten Aufruf einer Initiative von Autoren und Liedermachern, Kinder erst wieder zur Schule zu schicken, wenn tödliche Sportwaffen verboten werden. In dem Aufruf, der auf der Website www.sportmordwaffen.de einzusehen ist, heißt es: "Nach dem Schulmassaker in Erfurt hatten Bundesregierung und Bundestag sieben Jahre Zeit, den Besitz von tötungsfähigen Waffen für den Schießsport zu unterbinden."

Amokläufer benutzte großkalibrige Militärpistole

Bei der Amoktat am Erfurter Gutenberg-Gymnasium hatte der 18-jährige Täter als Mitglied im Schützenverein die Waffen legal erworben. Auch der Vater des Amokschützen von Winnnenden hatte die großkalibrige Pistole besessen, weil er die Waffe im Schützenverein nutzte.

Die Pistole der Marke "Beretta", die der Vater als Sportgerät legal besaß, feuert 15 Schuss hintereinander in schneller Abfolge und wird seit 1990 als Standardpistole von der US-Armee einsetzt. Sie kann nach geltendem Waffenrecht von Besitzern eines Waffenscheins für Sportschützen gekauft und in einem speziellen Tresor der Privatwohnung getrennt von der Munition aufbewahrt werden.

Zu den Unterzeichnern des Aufrufs zum Schulboykott gehören neben dem Musiker Schöne auch die Autoren Hubertus Knabe, Lutz Rathenow und Ines Geipel. Geipel ist ehemalige Leistungssportlerin, Germanistin und Professorin der Berliner Schauspielschule Ernst Busch. Sie war wenige Monate nach der Amoktat am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt in die Stadt gezogen und hatte 2002 über die Amoktat ein Buch veröffentlicht ("Amok in Erfurt"), für das sie in der Stadt stark angefeindet wurde.

Wie viele Eltern sich bisher an der am Donnerstag ins Leben gerufenen Aktion beteiligen, ist derzeit noch nicht bekannt. Gerhard Schöne will den Schulboykott bis mindestens Ende nächster Woche fortsetzen. "Die Waffengesetze müssen verschärft werden", fordert Schöne.

CDU und SPD gegen schärfere Waffengesetze

Unterdessen verwies Kultusminister Roland Wöller (CDU) auf die Schulpflicht in Sachsen. "Ein solch schreckliches Verbrechen darf nicht zum Anlass genommen werden, um Kinder zu instrumentalisieren", sagte der Minister. Wöller riet den Lehrern im Freistaat, mit Schülern offen über den Amoklauf von Winnenden zu sprechen.

Mehrere Politiker von CDU und CSU haben sich in den vergangenen Tagen gegen schärfere Waffengesetze ausgesprochen. Auch die große Koalition will Bürgern ihre Waffen lassen. Die Argumentationslinie der Unionsparteien fasst Innenminister Wolfgang Schäuble so zusammen: Es sei für ihn nicht erkennbar, dass eine "wie auch immer geartete Änderung des Waffenrechts" das Unglück von Winnenden hätte verhindern können, sagte Schäuble.

Nach dem Amoklauf von Erfurt war das Waffenrecht verschärft worden, unter anderem dürfen seitdem großkalibrige Schusswaffen nur noch an über 21-Jährige verkauft werden, unter 25-Jährige erhalten einen Waffenschein erst nach medizinisch-psychologischer Untersuchung. Die Altergrenze im novellierten Waffengesetz wollte Innenminister Schäuble zwischenzeitlich wieder auf 18 Jahre senken. Kritiker vermuteten die Schützen-Lobby hinter den Vorschlägen, die massiv für die Interessen der rund zwei Millionen Waffenträger in Deutschland streitet. Nach massivem öffentlichen Druck knickte Schäuble ein.

In der SPD ist die Meinung geteilt, Bundesvertreter der Partei sehen in schärferen Gesetzen allerdings ebenfalls keine Lösung. Dieter Wiefelspütz, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sagte, Deutschland sei angesichts von elf Millionen Schusswaffen in Privatbesitz "nicht reif" für ein Waffenverbot bei Privatleuten. Der Vorsitzende des Innenausschusses im Bundestag Sebastian Edathy (SPD) argumentiert, das derzeitig geltende Waffenrecht sei "auf der Höhe der Zeit".

Schulboykotteur Gerhard Schöne zählte zu den bekanntesten Liedermachern der DDR. Nach der Wende veröffentlichte der Musiker insgesamt 21 Alben. Schöne lebt heute mit seiner Frau und seinen fünf Kindern in Meißen.

cht, dpa

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