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Schavan zum Bildungsstreit in der Union: "Wie die Schule heißt, ist mir egal"

Die CDU-Spitze will die Hauptschule abschaffen und entfacht damit den nächsten Streit in der Union: Traditionalisten verdammen das Konzept, Reformern geht es nicht weit genug. Im Interview verteidigt Bildungsministerin Schavan ihren Kurs - und damit ihre bildungspolitische Wende.

Hauptschule: "Wenn die Schülerzahl sinkt, kann es nicht immer mehr Schularten geben" Zur Großansicht
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Hauptschule: "Wenn die Schülerzahl sinkt, kann es nicht immer mehr Schularten geben"

SPIEGEL ONLINE: Frau Ministerin, die CDU leitet die nächste Wende ein, diesmal in der Bildungspolitik. Sie wollen die Hauptschulen abschaffen und mit Realschulen zusammenlegen - zur sogenannten Oberschule. Dagegen stemmen sich konservative Parteifreunde, vor allem aus Süddeutschland…

Annette Schavan: …Es gibt beides, Zustimmung und Kritik, auch im Südwesten. Es ist doch gut, dass die Partei ein so wichtiges Thema diskutiert. Im Übrigen: Wir zetteln ja keine Revolution an.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt bei Ihren Kritikern anders: "Irrweg", "pädagogischer Fehler", "Weltverbesserungsphantasie" wettern Bildungspolitiker aus der Union. Wie wollen Sie die überzeugen?

Schavan: Wenn die Schülerzahl um ein Drittel sinkt, kann es nicht immer mehr Schularten geben. Deswegen diskutieren wir jetzt das Zwei-Wege-Modell aus Oberschule und Gymnasium, aus einer erstklassigen Vorbereitung auf den Beruf einerseits und der Vorbereitung auf ein Studium andererseits. Wichtiger als solche Struktur-Debatten sind aber die Lerninhalte und die pädagogischen Konzepte.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben doch die Struktur-Debatte gerade eröffnet.

Schavan: Wer Leitsätze über das Bildungssystem der Zukunft schreibt, kann Strukturfragen nicht ignorieren. Aber sie sind nicht vorrangig. Es geht darum, wie die Schulen ihre Lehrpläne moderner machen, welche Inhalte sie vermitteln und wie ihre Abschlüsse wieder vergleichbar werden, auch über Ländergrenzen hinweg. Wie die Schule dann heißt, ist mir egal.

SPIEGEL ONLINE: Es ist nicht lange her, da sagten Sie und die Kanzlerin: Die CDU wird die Hauptschule nicht abschaffen. Warum gilt das nicht mehr?

Schavan: Wir wollen auch jetzt keine erfolgreichen Schulen schließen, wir wollen sie weiterentwickeln. Aber manche Hauptschule wird in wenigen Jahren kaum noch Schüler haben. Schon heute gehen in Hessen nur noch vier Prozent, in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen nur noch neun Prozent der Kinder auf eine Hauptschule. Bis zum CDU-Parteitag im Herbst diskutieren wir jetzt, wie wir den Wandel gestalten können. Nochmal: Es geht dabei um Pädagogik, nicht um Etiketten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Abschlüsse soll Ihre neue Oberschule denn anbieten?

Schavan: Die Schüler sollen überall den mittleren Schulabschluss erreichen können, der für immer mehr Berufe erforderlich ist - und dafür keine weiten Wege zurücklegen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht auch das Abitur? Wenn Sie sich schon mit den Traditionalisten in der Union anlegen und einen Großkonflikt riskieren, könnten Sie den großen Sprung zur Gemeinschaftsschule wagen.

Schavan: Die CDU will keine Einheitsschule, sondern ein differenziertes Schulsystem. Das Gymnasium hat eine große Tradition in Deutschland, ist bei Eltern und Kindern anerkannt und hat bewiesen, dass es zur Weiterentwicklung fähig ist.

SPIEGEL ONLINE: Es geht nicht darum, das Gymnasium abzuschaffen. Aber viele Eltern und Schulträger wollen etwas anderes als Ihre Oberschule: Wenn sie die Wahl haben, dann entscheiden Sie sich für eine Gemeinschaftsschule mit Abitur, etwa im CDU-regierten Schleswig-Holstein, wo es mittlerweile über hundert Gemeinschaftsschulen gibt. Ähnlich sehen es viele CDU-Bürgermeister.

Schavan: Die Lage in Schleswig-Holstein mag eine andere sein als etwa in Ostdeutschland, wo das Zwei-Wege-Modell bestens ankommt. Wir als Bundespartei müssen aber Varianten für ganz Deutschland anbieten: Soll es an der Oberschule einen Haupt- und einen davon getrennten Realschulzweig geben? Werden manche Fächer gemeinsam unterrichtet? Das wird vor Ort entschieden, da werden die Schulen sich weiter individualisieren. Wichtig sind gemeinsame Standards.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie wollen die Kinder auch in Ihrer neuen Oberschule weiterhin nach ihren vermeintlichen Talenten auf verschiedene Zweige aufteilen?

Schavan: Für eine Übergangszeit finde ich das richtig. Aber wo sich die Schultypen verbinden lassen, ist es auch in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt ziemlich unentschlossen.

Schavan: Nein, denn es geht hier nicht um eine politische Frage, sondern um eine pädagogische. Auf die kann es in Frankfurt eine andere Antwort geben als auf einer Nordsee-Hallig oder im Südschwarzwald - und jede dieser Antworten kann richtig sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Hauptschule ist schon seit Jahren ein Auslaufmodell. Nur zwei Prozent der Eltern wollen sie noch, viele Bundesländer verabschieden sich von ihr - oder haben sie nie eingeführt. Läuft die Union bei ihrer Modernisierung wieder einmal der Wirklichkeit hinterher?

Schavan: Politik beginnt immer mit dem Betrachten der Wirklichkeit und auf diese haben wir uns einzustellen. Aber wir laufen nicht hinterher, im Gegenteil. Die CDU ist seit Jahrzehnten erfolgreicher in der Bildungspolitik als die SPD. Wo die Union regiert, schneiden die Schulen bei Leistungstests stets besser ab.

SPIEGEL ONLINE: Die Politik verabschiedet sich jetzt erst einmal in die Sommerpause. Sind Sie in diesem Jahr besonders froh, endlich Urlaub zu haben?

Schavan: Die zurückliegenden Monate waren sehr intensiv, das spürt jeder von uns. Wir mussten viele Entscheidungen treffen - und zwar viele, die mit dem Wort Wende verbunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Wir dachten eigentlich an den Zustand der schwarz-gelben Koalition. Es scheint, als könnten Union und FDP Abstand voneinander gebrauchen.

Schavan: Die Sommerpause tut jedem gut, auch den Koalitionären. Aber wenn wir uns wirklich auf die Nerven gehen würden, wären viele Entscheidungen gar nicht möglich gewesen. Umbau der Energieversorgung, Bundeswehrreform, ein Schwerpunkt bei Bildung und Forschung - der rote Faden ist, dass wir die Zukunftsfähigkeit des Landes sichern. Die Koalitionspartner haben größere Schnittmengen, als sich auf den ersten Blick vielleicht erschließt.

SPIEGEL ONLINE: Auf den ersten Blick? Schwarz-Gelb schleppt sich seit fast zwei Jahren dahin.

Schavan: Wir sollten nicht jede Nickeligkeit zum Staatsakt machen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland doch sehr gut da.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie ernsthaft, dass das Koalitionsklima nach dem Sommer besser wird?

Schavan: Wir sollten uns nicht aufhalten mit der Frage: Sind wir freundlich genug zueinander oder nicht? Natürlich wünsche ich mir das, und es gelingt auch vielen von uns. Aber entscheidend ist doch, dass wir weiter gute Arbeit machen.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie ein zünftiges Sommertheater um Steuersenkungen?

Schavan: Jedes Sommerloch hat viele Sprecher. Das wird auch diesmal so sein. Aber jeder sollte wissen: Am unwirksamsten für uns und die Bürger sind rhetorische Steuersenkungen. Deshalb sollten wir erst einen konkreten Plan haben und dann über diesen Plan reden.

SPIEGEL ONLINE: Das Kabinett hat aber keinen konkreten Plan beschlossen, sondern eine schwammige Absichtserklärung.

Schavan: Wir haben Eckpunkte für Steuersenkungen zur Kenntnis genommen. Ich hätte mir gewünscht, dass erst etwas veröffentlicht wird, wenn das Paket geschnürt ist. Aber ich akzeptiere, dass es einem Partner in der Koalition wichtig war, genau jetzt eine Grundaussage zu treffen. Vielleicht hilft's ja.

Das Interview führten Oliver Trenkamp und Philipp Wittrock

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insgesamt 116 Beiträge
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1. Schavan willdie Hauptschulen abschaffen
Akkin, 12.07.2011
Was will denn Frau Schavan mit den Hauptschülern machen? Ungefähr 5 bis 10 % der Kinder wollen oder können nicht in einer Realschulklasse mithalten oder kommen aus Familienverhältnissen, in denen Bildung unwichtig ist. Lehrer und Schule werden kaum Einfluss auf diese Schüler haben. Sitzenbleiben wird abgeschafft, Hauptschulen werden abgeschafft aber wie wird die Wurzel des Übels bekämpft. Mit der Abschaffung des Schultyps werden die Kinder nicht abgeschafft und am Ende gehen diese Kinder aus der Schule und haben nichts auf dem Kasten.
2. Schulen
papayu 12.07.2011
So etwas kann nur ein Akademiker aussagen. Wo sind denn die Migrantenkinder. Mein Sohn hatte das Pech- die naechste Schule war weit entfernt- in einer Klasse zu sitzen, die aus 28 Migranten und nur 3 Deutsche hatte. Mir tat die Lehrerin leid, denn kaum einer sprach deutsch. Als ich zur Schule ging war die Sache ganz einfach.1945-1954. Von der 1. bis zur neunten Klasse blieben wir beieinander. Aussortiert wurden nach Pruefung die Real- und Gym. Schueler und die Sitzenbleiber. 1 Einziger schaffte das Gym, 6 die Real, von denen 3 wiederkamen. Die 3Klassengesellschaft wird es auch in Zukunft geben. Wenn jemand faehig genug ist, kann er sich emporarbeiten. Das Beste an meiner Schulzeit waren die getrennten Gebaeude fuer Knaben und Maedchen. Nichts stoert den Unterricht so wie Pubertierende.Aber da besitzt Frau Schawan keine Erfahrung.
3. Warum das Rad neu erfinden, wenn das Auto nicht funktioniert?
yanasa 12.07.2011
Was mich an dieser Diskussion maßlos ärgert ist, daß der Schule ein Schwarzer Peter zugeschoben wird, der nicht nötig ist (der Schwarze Peter, nicht die Schule!). Da wird behauptet, daß den Schülern ein höherer Bildungsabschluß ermöglicht werden soll, weil der in immer mehr Berufen nötig sei. Warum eigentlich? Was ist denn an einem ehrlichen, handwerklich begabten Hauptschüler falsch? Der ist wahrscheinlich besser in einem handwerklichen oder technischen Beruf als ein desinteressierter Realschüler. Solange das nicht in die Köpfe der Bevölkerung geht - und da vor allem in die Köpfe gewisser (leider zu 90% in der Wirtschaft vertretenen) Personaler, solange wird unser Schulsystem nie (!) passen. Denn die eierlegende Wollmilchsau gibt es in keinem Schulsystem. Nur im Wunschdenken so mancher Personalabteilung, die dann, wenn sie besagte Sau tatsächlich einstellen kann, keine Ahnung hat, was damit anfangen - und sich wundert, wenn Sau sich einen anspruchsvolleren Arbeitsplatz sucht. Denn die Berufsrealität sieht nun mal so aus: gesucht wird ein Sachbearbeiter mit einem Technik- oder Wirtschaftsstudium. Drunter gibt es weder ein Vorstellungsgespräch, geschweige denn eine Einstellung. Geboten wird allerdings ein Arbeitsplatz, an dem keinerlei selbständige Entscheidungen getroffen werden können, und der zu 90% aus Datenherfassung und -plege besteht. Der Rest ist Ablage und Besprechungsprotokolle schreiben.... Das kann ein hochmotivierter Hauptschüler besser als ein desillusionierter Akademiker - der an anderer Stelle dringend gesucht wird und dort durch eine schlecht ausgebildete Arbeitskraft aus dem Osten oder werweißwoher besetzt wird. Und warum bilden so viele Betriebe intern so gut wie garnichts mehr weiter? Oder schicken interessierte Mitarbeiter nicht auf gute Fortbildungen? Nur weil die keinen Doktor im Pass stehen haben und 'nur' auf der Hauptschule waren? Fachkräftemangel? Glaube ich nicht. Wir haben zu über 90% eine Realitätsverschiebung.
4. Wenn nach intellektuellen Fähigkeiten
leonardo01 12.07.2011
Zitat von AkkinWas will denn Frau Schavan mit den Hauptschülern machen? Ungefähr 5 bis 10 % der Kinder wollen oder können nicht in einer Realschulklasse mithalten oder kommen aus Familienverhältnissen, in denen Bildung unwichtig ist. Lehrer und Schule werden kaum Einfluss auf diese Schüler haben. Sitzenbleiben wird abgeschafft, Hauptschulen werden abgeschafft aber wie wird die Wurzel des Übels bekämpft. Mit der Abschaffung des Schultyps werden die Kinder nicht abgeschafft und am Ende gehen diese Kinder aus der Schule und haben nichts auf dem Kasten.
auf die Schulformen verteilt würde und alle Schulformen noch mehr Niveau hätten als sie heute haben, wäre der Anteil der Hauptschüler noch viel höher als 10 %! Rein statistisch müssten genauso viele Kinder zur Hauptschule wie zum Gymnasium gehen, denn alle Begabungen, sowie auch die Intelligenz sind gaußförmig und damit symmetrisch verteilt. Frau Schavan reiht sich ein in den Kreis der Niveauabsenker, die nur danach gehen, was Eltern wollen, aber nicht nach dem, was Schüler zu leisten im Stande sind. Ergo senkt man das Niveau solange, bis letztlich auch der Dümmste ein Abizeugnis in der Hand hält.
5. Klassisches Politikerinnengeschwätz
berniecook 12.07.2011
Schon dieses Eigenlob wie "wir haben gute Arbeit geleistet" zeigt, das Frau Schavan (wie fast alle dieser Kaste Politik abgehörenden Menschen) nur von einem ablenken will: von Ihrer persönlichen Unfähigkeit, die eigentlichen Probleme der Schulen, der Kinder und der Eltern zu erkennen. Dieses Interview zeigt deutlich: Nichtssagende Reden schwingen und es vermeiden das eigentliche Ziel dieser Reformen zu nennen: Eine möglichst kostengünstige Schulart zu finden auf Kosten der Kinder, Eltern und Schulen. Schon heute müssen viele Kinder lange Busreisen in Kauf nehmen um in die Schule zu kommen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass immer wieder versucht wird aus Kostengründen Schulen zu schließen, weil die Anzahl der Schüler zu gering sei. Wie es dabei den Schülern und Ihren Eltern dabei geht, ist solchen Politikerinnen wie Frau Schawan doch völlig gleichgültig. Es werd nur die Kosten gesehen und nicht das Wohl vor allem der Kinder!
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Zur Person
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Annette Schavan (CDU), 56, ist seit 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Die Theologin mit Professoren-Titel ist zudem stellvertretende CDU-Vorsitzende. Bevor sie ins Kabinett Merkel eintrat war sie Kultusministerin in Baden-Württemberg. Unter ihrem Vorsitz hat eine Parteikommission bildungspolitische Leitlinien erarbeitet, dazu gehört: Haupt- und Realschulen sollen zur Oberschule zusammengelegt werden. Die CDU-Spitze hat sich dem angeschlossen. Offiziell verabschiedet werden soll das Papier im Herbst bei einem Parteitag, der sich vor allem um das Thema Bildung drehen soll. Einige Unionspolitiker haben bereits Widerstand angekündigt.

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