Schüler gegen Rechts: "Thor Steinar ist eindeutig rechter Lifestyle"

Seit Neonazis ihn verprügelten, engagiert Lukas Holfeld sich noch stärker gegen die rechte Szene. Der 18-jährige Schüler ist empört über "Thor Steinar" - die Lieblingsmarke von Neonazis, die in Weimar ausgerechnet in einem früheren jüdischen Kaufhaus angeboten wird.

Vor dem heruntergekommenen Haus hängt eine rote Fahne vom Giebel, die Wände sind voll mit Graffiti, aus einem Fenster dröhnt laute Punkmusik in den ruhigen Sonntag der Kleinstadt. Auf den Stufen vor der Tür des "Soziokulturellen Zentrum Gerberstraße" sitzt ein Pulk Menschen, drinnen stehen ein Kicker und ein paar Sofas. Dort treffen wir Lukas, in schwarzem Pullover und langen Haaren.
Lukas Holfeld: Blutige Lippe beim Volksfest
Christian Fuchs

Lukas Holfeld: Blutige Lippe beim Volksfest

Der 18-Jährige ist linker Aktivist. Er hat eine kritische Schülerzeitung gegründet, spielt in einer experimentellen Theatergruppe, singt in einer Hardcore-Band und engagiert sich in der Antifagruppe Weimar. Lukas will sich nicht damit abfinden, dass "Thor Steinar", eine der Lieblingsmarken von Neonazis, in den Läden neben der anderen Kleidung hängt.

"Die haben komisch geguckt, ich hab' komisch zurückgeguckt. Dann bin ich einfach weitergelaufen. Ich trug eine schwarze Kapuze, deshalb habe ich erst gar nicht gemerkt, dass die Rechten hinter mir herlaufen. Ich bin dann in eine Gasse abgebogen, und da standen sie plötzlich vor mir: Einer schlug mir ins Gesicht, dann der zweite, bis ich eine blutige Lippe hatte. Mehrere Passanten, die ich angesprochen habe, mir ein Handy zu geben, sind einfach vorbeigelaufen. Ich konnte dann doch die Polizei rufen. Bis sie kam, habe ich versucht, einen festzuhalten. Das ist mir zwar gelungen, hat mir aber immer wieder Schläge ins Gesicht eingebracht.

Leider gefällt die Bierbudenatmosphäre auf dem Zwiebelmarkt-Volksfest eben auch vielen Neonazis, denen man sonst nicht begegnet. Ich kannte die beiden Schläger nicht. Mir war nur aufgefallen, dass einer von denen einen Pullover mit einem Aufdruck trug, der mich an Runen und das SS-Zeichen erinnerte. Mir ist dann eingefallen, dass das ja das Logo von dem Bekleidungshersteller 'Thor Steinar' ist."

Lukas erzählt ruhig und unaufgeregt. Gedankenverloren spielt er mit den drei Eintrittsbändern von Open-Airs und Dark Wave-Konzerten an seinem rechten Arm, während er spricht.

"Ich habe mich dann erkundigt: Die Marke 'Thor Steinar’ wird von der Firma Mediatex hergestellt, die der Verfassungsschutz wegen Verbindungen zur rechten Szene beobachtet. Der Brandenburger Verfassungsschutz hat dazu 2004 erklärt: "Es gibt Rechtsextremisten, die der Firma angehören." Das alte Logo ähnelte der Wolfsangel, die im Nationalsozialismus von der SS verwendet wurde. Nach Beschlagnahmungen und Prozessen benutzt die Firma inzwischen ein anderes Logo.

Rechter Lifestyle in poppigem Laden

Thor-Steinar-Pulli mit altem Runenlogo (in einem Prozess gegen die verbotene Neonazi-Gruppe "Skinheads Sächsische Schweiz"; 2002): Liebling der Rechten
DPA

Thor-Steinar-Pulli mit altem Runenlogo (in einem Prozess gegen die verbotene Neonazi-Gruppe "Skinheads Sächsische Schweiz"; 2002): Liebling der Rechten

Die Sweatshirts, Kappen und T-Shirts gibt's in Weimar nur in einem Laden. Dort werden eigentlich normale, sportliche Klamotten verkauft. Doch irgendwo dazwischen finden sich eben auch T-Shirts mit Wehrmachtssoldaten und 'Our German Army'-Aufdruck.

Dieser Laden befindet sich mitten in Weimar, neben dem berühmten Nationaltheater – und ausgerechnet in einem ehemaligen jüdischen Kaufhaus. Das sehe ich als die neue Strategie der Rechten: Früher gab es mal einen Naziladen, der sehr militärisch und offen rechts aufgezogen war. Der neue Laden kommt dagegen poppig daher. Vordergründig soll die Marke zwischen all dem unpolitischen Kram auch als ganz normaler jugendlicher Lifestyle rüberkommen.

Ich denke, mit 'Thor Steinar’ will die Szene mehr in die Mitte rücken und ihre Symbole und Ideologie in den Mainstream tragen. 'Thor Steinar' ist eindeutig rechter Lifestyle. Wer diese Klamotten trägt, kann doch nur rechts oder dumm oder beides sein.

Darum haben wir schon zweimal gegen den Laden demonstriert mit Flugblättern und Transparenten, auf denen stand 'Thor Steinar stinkt' und 'Gegen rechten Lifestyle'. Ich glaube, auch der Inhaber des Ladens weiß genau, was er da verkauft, will aber offenbar seine rechte Kundschaft nicht verlieren. Als ich ihn angerufen habe, wollte er mit mir über die Marke nicht reden. Die Polizei hat uns nicht ernst genommen. Ein Beamter hat gefragt, ob er gleich ein Nazi ist, wenn er 'Thor Steinar' trägt."

Protokoll: Christian Fuchs

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