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Verhinderter Bachelor: Felix im Pech

Von Heike Sonnberger

Felix Weimer brach mit 13 Jahren die Schule ab und ging studieren. Begründung: Die Langeweile machte ihn krank. Nun will er ein externes Abi machen, aber das hessische Schulrecht erlaubt das nicht. Felix' Dilemma: Ohne Abi kriegt er keinen Studienabschluss.

Externes Abitur: Zu jung fürs Abi ohne Schule Fotos
DPA

Felix Weimer ging sieben Jahre zur Schule, bis er und seine Mutter 2010 fanden: Das reicht. In der Grundschule habe er zwei Klassen übersprungen, sagt der heute 16-Jährige, der im hessischen Main-Taunus-Kreis lebt. Dann habe er sich im Gymnasium so gelangweilt, dass er krank geworden sei. Seine Mutter berichtet von Bauchschmerzen, Übelkeit und Migräne.

Nur mit einem Hauptschulabschluss ging Felix deshalb nach der neunten Klasse ab. Neben der Schule hatte er schon Kurse an der Fern-Uni Hagen belegt, nun widmet er sich ganz dem Studiengang Informatik. Die nordrhein-westfälische Universität lässt besonders begabte Schüler, deren Schule nichts einzuwenden hat, als sogenannte Jungstudenten zu. Vorher müssen sie in einem Akademiestudium bewiesen haben, dass sie an der Hochschule mithalten können.

Seit zwei Jahren studiert Felix nun schon. Doch auch wenn er sich einschreiben konnte, ein Bachelor-Zeugnis darf ihm die Fern-Uni ohne Abitur nicht geben. Felix' Einfall: Er will ein Abi ohne Schule, das sogenannte Nichtschülerabitur. Für eine externe Abi-Prüfung muss man laut hessischer Oberstufen- und Abiturverordnung jedoch 19 Jahre alt sein. Folglich lehnte das Schulamt den Antrag ab.

Felix antwortet auf Fragen von SPIEGEL ONLINE nur schriftlich. Er sagt, er war "entsetzt" und habe fest daran geglaubt, dass er die Erlaubnis bekommt. Wäre er an seiner Schule geblieben, er hätte im Frühjahr 2013 Abi schreiben können. Nun versteht der junge Informatikstudent vor allem eins nicht: "Wo liegt der Unterschied zwischen internen und externen Schülern?"

Das Nichtschülerabitur ist nichts für Schüler, sagt das Ministerium

Schuld sind aus Sicht von Felix, seiner Mutter und ihrer Anwältin Sibylle Schwarz, die sich um den Fall kümmert, die hessischen Schulbehörden. Die jedoch verweisen auf die Rechtslage und darauf, dass Felix nun mal in eine Schule gehöre. Dort hätte er die Möglichkeit gehabt, weitere Klassen zu überspringen, sagt der Sprecher des Kultusministeriums, Christian Henkes. Den Vorwurf der Familie, das hessische Schulrecht bremse begabte Schüler aus, weist er zurück. Das Nichtschülerabitur sei für Erwachsene, die den Abschluss nachholen wollen, und nicht für Schüler, denen es im Unterricht zu langsam gehe.

Einfach zurück aufs Gymnasium - das wiederum wollen weder Mutter Heike Weimer noch ihr Sohn. Die Schule, sagt die Mutter, könne ihren Sohn wieder krank machen. Jetzt lerne Felix in seinem eigenen Tempo fürs Informatikstudium und das sei für ihn gerade richtig. "Warum das mutwillig zerstören?", fragt sie.

Felix' alte Schule hatte ihm angeboten, ein drittes Mal eine Klasse zu überspringen. Doch hier stieß Felix an eine G8-Hürde, denn weil der G9-Jahrgang über ihm denselben Stoff behandelte, hätte er mit zwölf Jahren direkt in die Oberstufe springen müssen. Felix sagt, er habe sich nicht vorstellen können, dort Freunde zu finden.

Man habe vorsichtshalber geklagt, sagt die Anwältin

Ganz unschuldig ist sein Bundesland allerdings nicht an seiner Misere. Es ist eine weitere Volte des Bildungsföderalismus, dass in Hessen für das Nichtschülerabitur eine Altersgrenze gilt. Die Kultusministerkonferenz schreibt als Rahmen lediglich vor, dass die Prüflinge im vergangenen Jahr nicht Schüler einer gymnasialen Oberstufe gewesen sein dürfen. Dass sie mindestens 19 sein müssen, ist eine hessische Regel, in Bayern oder Berlin hätte Felix als externer Abiturient mit 16 kein Problem.

Im Clinch mit den hessischen Behörden liegt Felix' Familie allerdings nicht nur wegen der Altersgrenze für das externe Abi, die sie nicht akzeptieren will. Vor zwei Jahren zogen sie vor Gericht, um durchzusetzen, dass Felix bereits nach der neunten Klasse die Mittlere Reife erhält. Anwältin Sibylle Schwarz argumentierte mit dem auf acht Schuljahre verkürzten Gymnasium, denn nach der neunten Klasse beginne für G8-Schüler die Oberstufe.

Das Verwaltungsgericht Frankfurt wies die Klage 2011 ab, nun liegt das Verfahren beim hessischen Verwaltungsgerichtshof. Es sei nicht sicher, ob Felix überhaupt den mittleren Abschluss bräuchte, um die Prüfung zum Nichtschülerabitur abzulegen, sagt Schwarz. Doch man habe vorsichtshalber geklagt, denn auf die Aussagen des Schulamts habe man sich nicht verlassen wollen. Ob die Berufung zugelassen werde, sei noch offen.

Merkwürdig mutet an, dass Felix' Mutter zumindest ahnen konnte, dass ihr Sohn ohne Schule auch kein Abitur bekommen würde. Die Verordnung über das Nichtschülerabitur habe sie gekannt, sagt Weimer. Doch das Schulamt sei über den geplanten Werdegang ihres Sohnes informiert gewesen und habe sich nicht dagegen ausgesprochen. Daher habe sie mit "einer Sondergenehmigung" gerechnet.

Und Felix? Zu Ende studieren ohne Abi kann er vorerst nicht. Zurück an eine Schule will er nicht. Ein externes Abi in Hessen bekommt er nicht. Auch ein Internat für Hochbegabte kommt für die Familie nicht in Frage. Nun bereitet sich der 16-jährige Informatikstudent mit Hauptschulabschluss in Heimarbeit aufs Abitur vor - und drückt sich die Daumen, dass es irgendwie doch noch klappt.

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insgesamt 149 Beiträge
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1.
cs01 09.10.2012
Sollte vieleicht einfach das Bundesland wechseln. Zieht einfach zu Bekannten/Verwandten in ein Bundesland, in dem alles passt und macht sein externes Abi.
2.
Obi-Wan-Kenobi 09.10.2012
Zitat von sysopfotografieschmitzFelix Weimer brach mit 13 Jahren die Schule ab und ging studieren. Begründung: Die Langeweile machte ihn krank. Nun will er ein externes Abi machen, aber das hessische Schulrecht erlaubt das nicht. Felix' Dilemma: Ohne Abi kriegt er keinen Studienabschluss. http://www.spiegel.de/schulspiegel/schueler-im-studium-nach-der-mittelstufe-ohne-abi-an-die-universitaet-a-860301.html
wenn es in Bayern möglich ist würde ich mir an seiner Stelle die billigste Wohnung dort suchen, mieten, polizeilich melden, Abi machen und dann mit dem Abi in der Tasche wieder nach Hessen einwandern :-) Aber warum einfach wenn man das auch über die Instanzen klagen kann?
3.
doitwithsed 09.10.2012
Imerhin eines hat der junge Mann nun gelernt: Das man mit den Folgen eigener Entscheidungen auch leben muss. Diese Lektion ist vielleicht wichtiger als ein Abi.
4.
Skeptische Skepsis 09.10.2012
Ich will dies nicht, ich will das nicht, ich will jenes nicht und das da ist auch doof. Hey, ich bin doch viel zu schlau für Regeln! Wenn der Junge irgendwann reif genug sein sollte, um zu verstehen, dass das Leben eben nicht der berühmte Ponyhof ist und eben auch nicht glitzert, dann sollte man ihm vielleicht auch die Reifeprüfung gönnen...
5. REIFEzeugnis
topaz75 09.10.2012
Frueher hiess das auch mal Reifezeugnis, und auch heute noch ist Schule mehr als reine Wissensvermittlung. Da geht es auch um das erreichen einer gewissen Reife in einer Gesellschaft, indem man sich in einem komplexen sozialen System (=Schule) bewiesen hat. Wer das nicht hat, sondern eigenbroetlerisch seinen Sonderweg geht, der ist halt NICHT reif in diesem Sinne, also bekommt er auch kein Abitur.
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