Schüler in der Stuntschule: Feuer und Flamme für Actiontricks

Von Almut Steinecke

Streitschlichtung fruchtete bei Düsseldorfer Sechstklässlern nicht mehr. Darum schickten Lehrer und Eltern sie zu einem besonderen Training gegen Aggressionen: In der Stuntschule "Movie Kids" lernten die Schüler Bühnenboxen, Höhenstürze, Feuertricks - und nein zu sagen, wenn man sich nicht traut.

Stuntschule Köln: Reichlich Feuerlöscher stehen bereit
Robert Hörnig

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"Wir begrüßen euch zu einer neuen Sendung von: Wie verprügele ich meine Mitmenschen, ohne ihnen dabei wehzutun?" Denis Ölmez, 23, breitet seine Arme aus und lächelt in die großen Augen der Schüler, die im Halbkreis vor ihm auf dem Boden hocken. In einem Satz hat der Stunttrainer auf den Punkt gebracht, worum es heute gehen soll, hier in den Übungshallen von "Movie Kids" im Hürth bei Köln.

Seit 1996 kann man in der Schule eine dreijährige Ausbildung zum Stuntman absolvieren. Darüber hinaus bietet sie Kindern und Jugendlichen auch Workshops an, in denen man Action- und Stunttricks trainiert, branchentypische Kniffe erlernt und auch über die vorgetäuschte Gewalt in Film und Fernsehen aufgeklärt wird. Nicht zu vergessen die "pädagogischen Aspekte", die Manfred Kaufmann, 40, Leiter der Stuntschule, bei der Arbeit mit Schülern abgedeckt sehen will: Leistungsdruck und Schulstress abbauen, zeigen, wie man Dampf ablassen kann, ohne dass man andere verletzt. Und so den Zusammenhalt fördern.

Das ist auch die Idee von Achim Kaewnetara, 40. Der Lehrer unterrichtet in der 6a des Düsseldorfer Leibniz-Gymnasiums Mathe, Physik und Chemie und begleitet heute seine 22 Schützlinge. Er schüttelt bestürzt den Kopf: Derart hässliche "Verbalauseinandersetzungen" wie unter seinen Schülern, "das habe ich in der extremen Form noch nicht erlebt, die Chemie stimmt überhaupt nicht". Deshalb wollten er und Regina Rieß-Dauer, 47, Vorsitzende des Elternrates, die Streitsüchtigen für 28 Euro pro Nase in die Rolle kleiner Jackie Chans schlüpfen lassen.

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Stuntschule für Schüler: Abheben wie die Großen

Anfangs zeigt sich die Bande auch bei "Movie Kids" ganz schön unruhig. Bisweilen hat Stunttrainer Denis Ölmez Mühe, sich Gehör unter den wispernden, zappeligen Kindern zu verschaffen, die am liebsten alle sofort aufspringen und drauflosprügeln würden. Aber eben darum geht es ja nicht beim "Bühnenboxen", das Denis Ölmez gerade vorführt: einem Schlagen und Treten geschickt am Körper vorbei, so dass Blessuren am Partner ausgeschlossen sind.

Das erfordert "gegenseitige Absprache und viel Vertrauen, wie in einer guten Ehe", erklärt Ölmez etwa anhand des pikanten "Tritts in die Weichteile". "Oberste Regel, damit nichts schief geht: Der Getretene kippt seine Hüften nach vorne und spannt die Pobacken feste an!" Spricht's, baut sich vor dem 19-jährigen Stunttrainer Daniel Helbig auf, dreht seinen Fuß, dass die Zehen ganz gerade nach oben zeigen - und fährt ihm so zwischen die Beine, dass sein Fußrücken auf Helbigs Allerwertestem landet.

Das Filmblut schmeckt nach Zahnpasta

Huch, das hat aber geklatscht, die Mädchen in der ersten Reihe zucken zusammen. "Keine Sorge, alles ist gut", beschwichtigt Denis Ölmez. Und zeigt, wie er seinem Kollegen schmerzfrei und effektvoll in den Magen schlägt. "Kurz, bevor mein Schwinger seinen Bauch treffen könnte, stoppe ich, und da hat sich Daniel auch schon zusammengekrümmt." Und am besten immer ganz laut jaulen und stöhnen und schimpfen dabei. "Gewalt im Film funktioniert vor allem über Ton, mit dem verkauft man den Schmerz, die Wucht einer Faust!"

Felix (links) und Jens schauen gebannt zu: Kunst des kumpelhaften Kloppens
Robert Hörnig

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Was sich die Schüler nicht zweimal sagen lassen. "Ey, was soll das?", schnauzt Celina, 12, Evelyn an, gibt ihr eine Backpfeife und tritt ihr auch noch kräftig auf den Fuß. Aber genau so wie es Stunttrainer Ölmez vorgemacht hat: "Eine Hand legst du auf ihre Schulter, konzentrierst dich darauf, an ihrem Gesicht vorbei auf deine eigene Hand zu schlagen. Und deine Schuhspitze knallt ganz knapp neben ihrem Fuß auf den Boden." Als Antwort reißt Evelyn scheinbar schmerzverzerrt ihr Bein empor und lacht - dabei zieht sich eine rote Spur von ihrer Nase bis zum Kinn.

Aber nein, verletzt hat sich das Mädchen nicht. Stunttrainer Denis hat ihr nur etwas Filmblut übers Gesicht geträufelt: "Das klebt und schmeckt nach Zahnpasta", Evelyn schnalzt begeistert mit der Zunge. Gruselige Effekte mit roter Farbe gehören ebenso zum heutigen Programm wie Höhenstürze in der angrenzenden Halle: Von einem Stahlgerüst lassen sich die Schüler hier aus zwei Metern Höhe in einen Berg aus fünffach übereinander geschichteten Schaumstoffmatratzen fallen - aber nur, wenn sie sich wirklich trauen.

"Stärke ist, Schwächen zuzugeben"

"Stärke ist nicht, sich oder anderen etwas beweisen zu müssen. Stärke ist, wenn ihr den Mut habt, nein sagen zu können, eure Schwächen und Ängste zuzugeben", schärft Stunttrainer Daniel den Kindern ein. So lernt man doch gerne die eigenen Grenzen kennen, besonders, wenn's am Schluss noch richtig heiß zur Sache geht.

Der "Feuerstunt" ist das Highlight am Ende jedes Workshops. Rana, die heute zwölf geworden ist, und ihr gleichaltriger Mitschüler Felix streifen sich mehrere Schichten Jeans und Baumwollpullis und einen feuerfesten Anzug aus dem Equipment der Stuntschule über. Dann schlüpfen sie in eine Sturmhaube und feuerfeste Handschuhe. Denis Ölmez und Daniel Helbig begießen die Kinder mit Wasser aus Eimern, zünden benzingetränkte Stoffläppchen an, die mit Sicherheitsnadeln in die Feueranzüge der Kinder verhakt sind. Rana und Felix laufen los, schmeißen sich auf eine feuerfeste Matte, wo die Trainer den Sekundenbrand mit einer Spezialdecke sorgfältig ablöschen.

Am Tag danach ist Felix immer noch Feuer und Flamme für den Teamgeist, den seine Klasse im Workshop gezeigt hat. "Das war ein tolles Erlebnis, und Erlebnisse bringen einen immer näher zusammen." Außerdem könne man die Lehrer jetzt so lustig verschaukeln - man tue ja nur so, als ob...

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