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Schüler-Lotto: "Ein bildungspolitischer Skandal"

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Nach der Grundschule werden die Weichen für Gymnasium, Real- und Hauptschule gestellt - häufig falsch und meist unwiderruflich für den Rest der Schulzeit. Wilfried Bos, Leiter der deutschen Iglu-Studie, übt jetzt harte Kritik an den Empfehlungen der Lehrer.

Grundschüler: Passable Leistungen beim Lesen
DPA

Grundschüler: Passable Leistungen beim Lesen

Wer verantwortlich bei einem internationalen Schulvergleich mitarbeitet, muss zunächst stumm bleiben. Monate- oder gar jahrelang horten die Bildungsforscher Daten, erstellen Statistiken, bauen Grafiken, basteln an allgemeinverständlichen und dennoch wissenschaftlich seriösen Zusammenfassungen. Und in der ganzen Zeit dürfen sie kein Wort über die Ergebnisse preisgeben. Ist die Untersuchung dann veröffentlicht, lassen die Wissenschaftler endlich ihre Zurückhaltung fahren - und setzen Kultusministern und Lehrern oft mit ihren Einschätzungen und bildungspolitischen Forderungen hart zu.

Das war bei Andreas Schleicher, dem internationalen Koordinator der Pisa-Studie bei der OECD in Paris, so wie beim deutschen Pisa-Leiter Jürgen Baumert. Und Wilfried Bos macht keine Ausnahme: Bis zur offiziellen Veröffenlichung der Iglu-Ergebnisse gab der Hamburger Professor für Internationale Bildungsforschung sich betont reserviert, jetzt mischt er sich mit deutlichen Worten in die Debatte über die deutschen Grundschulen ein.

Iglu-Studie: Kritik an Schulempfehlungen

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Bos leitet den deutschen Teil der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung mit dem einprägsamen Kürzel Iglu. In einem bemerkenswerten Interview der "Zeit" verteilte er jetzt Noten: für die Grundschule eine Zwei minus, für die Sekundarstufe "mangelhaft, Klassenziel nicht erreicht". Über die positiven Ergebnisse der deutschen Grundschüler im Leseverständnis, in Mathematik und Sachkunde zeigt sich Bos sehr angenehm überrascht: "Ich wollte sie gar nicht glauben und habe die Rohdaten deshalb alle noch einmal nachrechnen lassen."

Umso härter geht er jetzt mit den Klassen fünf bis neun ins Gericht. "Da läuft in Deutschland irgendetwas schief." Die Klagen aus den weiterführenden Schulen über Schwächen der Grundschüler hält Bos für eine "schlichte Fehleinschätzung" und wirft den Lehrern vor, mit unterschiedlich leistungsstarken Schülern nicht umgehen zu können und Problemfälle einfach abzuschieben.

Iglu-Ergebnisse: Deutschland auf Platz 11
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Iglu-Ergebnisse: Deutschland auf Platz 11

Im "Zeit"-Interview fordert der Hamburger Wissenschaftler mehr Kindergartenplätze und eine bessere Sprachförderung von Migrantenkindern, wie es in Schweden oder den Niederlanden der Fall sei. Den "eigentlichen bildungspolitischen Skandal" allerdings sieht er in den Entscheidungen nach der Grundschule: Kein anderes Land mit Ausnahme Österreichs sortiert die Schüler so früh wie Deutschland. Die Lehrer sprechen für jedes Kind Empfehlungen für die richtige weiterführende Schule aus - und liegen dabei offenbar häufig daneben.

"Schüler, die gerade einmal ein paar Sätze lesen und verstehen, bekommen eine Gymnasialempfehlung, während sehr gute Leser auf der Hauptschule landen", zürnt Bos. Korrigiert werden können solche Fehler kaum noch, weil das dreigliedrige deutsche Schulsystem wenig durchlässig ist: Ein Wechsel von der Haupt- auf die Realschule oder von der Realschule aufs Gymnasium sei sehr schwierig, der Abstieg in eine niedrigere Schulform dagegen komme häufig vor, so Bos.

Pisa-Studie: Unter ferner liefen
DER SPIEGEL

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Dass die Fehlplatzierungen am Votum der Eltern lägen, hält der Bildungsforscher für "ein Märchen, das von Lehrern gern erzählt wird". Elternurteil und Lehrermeinung stimmten oft überein. Um die "diagnostische Kompetenz" der Lehrer zu verbessern, empfiehlt Bos allgemein verbindliche Bildungsstandards und frühe Tests. Das gegliederte System habe versagt, meint er - und spricht sich dennoch nicht eindeutig für Gesamtschulen aus, aber auf jeden Fall für eine weit größere Durchlässigkeit des Schulsystems nach oben.

Unterdessen melden sich auch die Kritiker an der Iglu-Studie zu Wort. Methodenkritik an statistischen Vergleichen in der Bildungspolitik ist ein altbekanntes Spiel; vielfach dient sie dazu, die Diskussion von den Inhalten auf die Verfahren umzuleiten, Ergebnisse zu relativieren oder zu entwerten. Zwei Punkte allerdings sind bei Iglu interessant: Einerseits wurden, anders als bei Pisa, nicht Schüler der gleichen Altersstufe, sondern der gleichen Klassenstufe untersucht. Die Lesetests absolvierten also Viertklässler - und die sind in Deutschland wegen der späteren Einschulung im Durchschnitt älter als in den meisten anderen Ländern.

Andererseits gibt es Zweifel an der Vergleichbarkeit der Pisa- und der Iglu-Ergebnisse. Während Wilfried Bos wegen der zeitnahen Tests keine Probleme sieht und der Sekundarstufe ein überaus schlechtes Zeugnis ausstellt, warnt das Institut für Arbeit und Technik (IAT) vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Das Argument der Gelsenkirchener Forscher: "In Iglu werden die deutschen Schüler mit einem völlig anderen Spektrum an Ländern verglichen als in Pisa." Nur 14 Ländern nahmen an beiden Studien teil, und nur unter ihnen hält das IAT einen seriösen Vergleich für möglich.

Und dann fällt das Iglu-Ergebnis etwas anders aus: Bei Pisa rangiert Deutschland auf Platz 10 von 14, bei Iglu etwas besser auf Platz 8 - aber immer noch unter dem Durchschnitt. Die IAT-Wissenschaftler befürchten, dass in der Bildungspolitik jetzt nur noch über die Sekundarstufe diskutiert und die bessere Förderung der Grundschulkinder schnell ad acta gelegt werden könnte.

Lesen Sie im zweiten Teil:

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