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29. November 2011, 06:33 Uhr

Schüler und Lehrer bei Facebook

Die Regeln der Freundschaft

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Peinliche Partyfotos, Lästereien, Liebesschwüre: Sollten Schüler und Lehrer das voneinander sehen? Dürfen sie sich bei Facebook befreunden? Regeln dafür hat kaum eine Schule. Jetzt verraten im SchulSPIEGEL je drei Pädagogen und Jugendliche, was sie online preisgeben - und wer neugieriger ist.

Die Antwort kommt schnell, als ein Schüler bei Facebook fragt: "Jemand Schubert in der 10. in Chemie gehabt? Bräuchte die 1. KA vom letzten Jahr!" Es dauert nur fünf Minuten, bis eine Schülerin schreibt: "Ja, ich." Sie hat die Klausur bei Lehrer Schubert schon einmal geschrieben und lästert: "Der ist echt dämlich, der macht immer die gleichen Klausuren..."

Was die Schüler nicht bedachten: Ihr angeblich so dämlicher Lehrer ist auch bei Facebook. Am Abend kommentiert er: "Da habe ich heute Nacht wohl noch was zu tun. Ihr aber auch."

Ob dieser Dialog, der als Screenshot im Internet kursiert, echt ist oder ein Witz, ist nicht ganz klar. Sicher ist, dass das Aufeinandertreffen von Lehrern und Schülern bei Facebook Alltag ist. Und dass nicht nur Schüler, sondern auch Lehrer sich im Netz entblößen und so Schwierigkeiten kriegen, wie der Fall unvorsichtig lästernder Lehrer in England kürzlich zeigte. Allein in Deutschland will Facebook 20 Millionen aktive Nutzer haben; eine Generation wächst mit der Plattform auf. Und auch in den Lehrerzimmern sitzen technikbegeisterte Pädagogen, die sich mit Facebook beschäftigen.

Das wirft neue Fragen auf: Wie sollen Schüler und Lehrer im Netz miteinander umgehen? Dürfen sie sich virtuell befreunden? Geht es Lehrer etwas an, was ihre Schüler in ihrer Freizeit in dem sozialen Netzwerk veröffentlichen? Und wie ist es umgekehrt?

Kaum Empfehlungen gibt es bisher dazu. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, sagt zum Thema Facebook-Freunde: "Wir haben keine Leitlinien. Generell raten wir Lehrern zur Zurückhaltung, vor allem bei Freundschaftsanfragen. Es wird eine Kommunikationsebene vorgegaukelt, die sich in der Schule nicht widerspiegeln kann." Kraus selbst hat bislang keinen Facebook-Zugang, erkennt aber an: "Für junge Leute sind die Netzwerke Teil ihrer Lebensrealität." Sollten Pädagogen nicht Teil dieser Realität sein?

Vor kurzem hat eine Hauptschule in Hamm, NRW, Regeln für die Facebook-Nutzung ihrer Lehrer festgelegt. Wenn ein Lehrer der Schule mit seinen Schülern interagiert, muss er dafür ein zweites Profil anlegen. Nicht jeder im Kollegium ist damit glücklich: "Ich muss nun zwei Profile pflegen, das ist umständlich und zeitaufwendig", sagt Lehrerin Marie-Theres Johannpeter.

Der SchulSPIEGEL hat Lehrer und Schüler gefragt, wie sie Facebook handhaben. Je drei verraten, was sie von sich preisgeben - und was sie der anderen Seite raten. Zum Weiterlesen klicken Sie auf die Fotos und Überschriften...

"Klar kann man als Lehrer bei Facebook mit Schülern befreundet sein. Man braucht nur die Kompetenz, mit dem Netzwerk umgehen zu können - auch technisch. Ich selbst habe rund 50 Schüler als Facebook-Freunde, eingeordnet in eine Liste mit dem Titel 'Öffentlich'. Das heißt: Alle, die auf dieser Liste stehen, bekommen nur das mit, was auch für jeden anderen Facebook-Nutzer sichtbar ist. Das sind Dinge, die ich so auch öffentlich auf einem Marktplatz herausschreien würde.

Gestern habe ich zum Beispiel ein Foto meines Unterrichtsmaterials hochgeladen, mit dem Kommentar: 'Das muss alles noch laminiert werden.' Stelle ich dagegen ein Foto von der Einschulung meiner Tochter ins Netz, dann sehen das ausschließlich meine Familie und meine engen Freunde.

Obwohl die Schüler nicht alles von mir erfahren, ist es für sie von Vorteil, virtuell mit mir befreundet zu sein. Über Facebook können sie mir unkompliziert Fragen stellen oder Unterrichtsmaterial anfordern. Mittlerweile nutzen sogar Eltern die Plattform, um mich zu kontaktieren.

Und auch unter dem erzieherischen Aspekt ist es nicht verkehrt, einen Lehrer unter seinen Freunden zu haben. Peinliche Schülerfotos kommentiere ich manchmal mit: 'Bist du sicher, dass du willst, dass dein Lehrer das sieht?' Danach verschwinden die Bilder meistens ziemlich schnell aus dem Internet. Die Schüler lernen auf diese Weise, sich richtig nach außen darzustellen - oder sich zumindest mit den Privatsphäreeinstellungen von Facebook auseinanderzusetzen. Das machen in letzter Zeit immer mehr Schüler - ein gutes Zeichen.

Tabu sollte es für einen Lehrer sein, Freundschaftseinladungen an seine Schüler zu schicken. Sie wären praktisch gezwungen, die Einladung anzunehmen. Anderenfalls müssten sie befürchten, dass ihnen Nachteile entstehen. Allgemein sollte eine Internetfreundschaft nie überschätzt werden. Nur, weil ein Schüler mit mir bei Facebook befreundet ist, ist er im Unterricht nicht plötzlich der beste Freund des Lehrers."

Jan-Martin Klinge, 30, unterrichtet an einer Realschule in Siegen

"Ich bin bei Facebook mit fünf Lehrern befreundet. Für mich gibt es nichts, was dagegen spricht. Internetfreundschaften mit Lehrern bringen einem doch nur Vorteile. Zum Beispiel kann man seine Lehrer über Facebook rund um die Uhr kontaktieren. Das ist für mich super, weil ich als Schülersprecherin oft nach Schulschluss noch etwas mit ihnen abklären muss.

Über den Facebook-Chat kann ich die Lehrer anschreiben, wenn ich ein Problem habe, das lieber niemand anderes mitbekommen soll. Und wenn ich mal krank bin, dann melde ich das im Sekretariat, schreibe aber auch meinem Lehrer eine Nachricht, damit er Bescheid weiß, was mit mir los ist.

Über die Privatsphäreeinstellungen von Facebook kann ich bestimmen, wer was sehen darf. Soll ein Lehrer also etwas nicht mitbekommen, lässt sich das einstellen. So kann man die Nachteile, die eine Schüler-Lehrer-Freundschaft haben könnte, eigentlich alle abschalten.

Bei mir dürfen die Lehrer ruhig alles lesen. Das Schlimmste, was ich schreibe, sind Dinge wie 'Scheiße, die Ferien sind vorbei' und 'Schon wieder aufstehen'. Außerdem vertraue ich meinen Lehrern, dass sie nicht alles weitererzählen, was sie auf Facebook über mich erfahren.

Generell würde ich jeden meiner Lehrer als Facebook-Freund annehmen. Man weiß ja nie, ob man den Kontakt nicht noch mal braucht. Während der Schulzeit oder vielleicht nach dem Abschluss."

Veronika, 16, geht in Hamm, NRW, auf die Hauptschule

"Ein Schüler will mit mir auf Facebook befreundet sein? Gerne, aber er sollte in der Oberstufe sein. Das ist Voraussetzung, Anfragen von jüngeren Schülern lehne ich aus Prinzip ab. Sie bekommen einen freundlich verpackten Hinweis, dass ich Freundschaftseinladungen erst ab der 11. Klasse annehme. Dann sind die Schüler aus der Pubertät raus und sollten in der Lage sein, das Internet verantwortungsbewusst zu nutzen.

Für die Nutzung von Facebook spricht meiner Meinung nach vor allem der direkte Kommunikationsweg - bei Facebook schauen die meisten Schüler öfter rein als in ihr E-Mail-Postfach. Deshalb erleichtert die Plattform zum Beispiel die Planung des Sommerfestes, das die Schüler und ich gemeinsam organisieren.

Jeder, der auf meiner Freundesliste steht, sieht alles, was ich ins Netz stelle - und das ist so in Ordnung. Ich verwende Facebook als Kommunikations- und Unterhaltungsmedium, nicht, um Probleme von mir und anderen zu diskutieren. Weil mir bewusst ist, dass meine Schüler mitlesen könnten, poste ich bei Facebook im Wesentlichen neutrale, manchmal auch banale Inhalte, etwa 'Auf zum Volleyball' und 'Gruseliger Tatort'. Einige Privatsphäreeinstellungen habe ich vorgenommen, etwa, dass mich niemand an dem Ort markieren darf, an dem ich mich gerade aufhalte.

Die Seiten meiner Schüler sehe ich mir selten an. Und wenn, dann am ehesten, um dort auf interessante und lustige YouTube-Links zu stoßen. Manchmal erwähne ich auch im Unterricht, dass ich etwas auf Facebook gelesen habe. Dabei geht es aber meistens um Harmloses wie Gejammer über den Übungsaufsatz oder über bevorstehende Prüfungen.

Praktisch ist Facebook übrigens auch, um Kontakt zu ehemaligen Schülern zu halten. Manche Schüler schicken mir bewusst erst nach dem Abitur eine Freundschaftseinladung. Die Absolventen machen bei mir mittlerweile den Großteil meiner Freunde aus dem Schulumfeld aus. Konkret stehen in meiner Freundesliste momentan 35 Schüler - und 85 Ehemalige."

(die Lehrerin bleibt auf eigenen Wunsch hin anonym)

"Ich habe zwar mehrere hundert Facebook-Freunde - meine Lehrer sind allerdings nicht darunter. Ich fände es komisch, wenn einer von ihnen in der Freundesliste auftaucht. Einerseits, weil die Lehrer viel älter sind als ich. Andererseits, weil ich sie nur in ihrer beruflichen Rolle kenne. Sie gehören für mich nicht zur Gruppe der Freunde und Bekannten, mit denen ich online Kontakt halten will.

Was ich privat mache, welche Fotos und Links ich im Internet meinen Freunden zeige, das geht meine Lehrer nichts an. In der Schule sollen sie ja auch nur das hören, was ich laut, sozusagen öffentlich im Unterricht sage - und nicht das, was ich mit meinen Freunden vor und nach der Stunde bespreche.

Wenn ein Lehrer unbedingt über Facebook mit seinen Schülern kommunizieren will, dann soll er eine Gruppe für seine Klasse aufmachen. In einer Gruppe kann man miteinander schreiben und Material austauschen, ohne befreundet zu sein. So muss sich niemand darüber Gedanken machen, welche Folgen es haben könnte, wenn er eine Freundschaftseinladung ignoriert.

Obwohl ich Lehrer-Schüler-Freundschaften ablehne, finde ich es gut, wenn uns die Schule im Umgang mit Facebook unterstützt. Im vergangenen Schuljahr hatte ich zum Beispiel eine Lehrerin, die sich unsere Profile angeschaut hat, ohne uns als Freunde hinzufügen zu wollen. Später hat sie uns dann auf mögliche Sicherheitslücken aufmerksam gemacht. Das war sehr praktisch.

Sinnvoll fand ich auch einen zweistündigen Kurs, den wir vor kurzem hatten: Darin wurden uns die Privatssphäreeinstellungen des Netzwerks erklärt. Diese Einstellungen nutze ich schon lange: Ich habe zum Beispiel eingestellt, dass man mein Privatprofil nicht über Google findet."

Jan-Ole, 14, geht in Hamburg aufs Gymnasium

"Ich bin der Meinung, dass es sinnvoll ist, wenn Schüler bei Facebook mit ihren Lehrern befreundet sind. Von unseren etwa 300 Schülern stehen daher auch 200 auf meiner Freundesliste. Ich nehme jeden Schüler an, der mir eine Einladung schickt. So muss es auch sein: Niemand darf sich ausgegrenzt oder abgelehnt fühlen.

An Facebook schätze ich, dass ich meine Schüler auf diesem Weg schnell erreichen kann: Mit geringem Aufwand kann ich meine Klasse an Hausaufgaben erinnern oder sie informieren, dass eine Stunde ausfällt. Außerdem erscheint mir die Lebenswelt der Schüler greifbarer, wenn ich mich selbst in dem sozialen Netzwerk engagiere, in dem viele von ihnen eine Menge Zeit verbringen.

Im Sinne der pädagogischen Arbeit erlaubt mir Facebook einen Blick hinter die Kulissen, denn manchmal verstecken sich dort kleine oder größere Hilfeschreie der Schüler. Vor kurzem hat eine Schülerin einen stark depressiven Beitrag verfasst, in dem sie sich selbst und ihr Leben beschimpfte. Darauf habe ich sie natürlich angesprochen.

Dank der Chatfunktion kann ich mit Schülern über Probleme reden, ohne dass es ihre Klassenkameraden mitbekommen. Einigen Schülern fällt es leichter, sich in einem schriftlichen Vertrauensgespräch zu öffnen. Als Lehrer muss man allerdings aufpassen, dass man nicht zu viel seiner Zeit in diese Online-Sprechstunden investiert.

Im Klaren sollte man sich darüber sein, dass ein Lehrer durch Facebook-Freundschaften mit Schülern häufig eine uneingeschränkte Einsicht in deren Privatsphäre hat. Dieses Vertrauen darf der Lehrer nie ausnutzen, etwa, indem er Schüler ausspioniert oder Gelesenes bei der Notengebung gegen sie verwendet.

Ich habe das Gefühl, dass es mir mittlerweile gut gelingt, das Schulische vom Privatleben eines Schülers zu trennen. An einer Hauptschule im sozialen Brennpunkt ist das eine Herausforderung. Als ich hier anfing, musste ich aufpassen, dass ich Schüler nicht aus Mitleid bevorzugt beurteilte, weil ich ihre familiären Probleme kannte. Aber von denen erfuhr ich auch ohne Facebook."

Marie-Theres Johannpeter, 28, unterrichtet an einer Hauptschule in Hamm, NRW

"Ich bin bei Facebook nur mit zwei Lehrern befreundet, die ich sympathisch finde. Beide sind vergleichsweise jung, und ich habe sie nicht im Unterricht. Mit Lehrern, die mich unterrichten, will ich virtuell lieber nicht befreundet sein. Sie sollen mich auf der Basis dessen bewerten, was sie von mir in der Schule erleben.

Was ihre Schüler in ihrer Freizeit oder eben auf Facebook machen, geht Lehrer meiner Meinung nach nichts an. Sie sollten Privates vom Schulischen trennen, so wie ich es als Schülerin auch mache. Bei einigen Lehrern fällt mir das leichter als bei anderen: Zu ihnen reicht mir der Kontakt, den ich zwangsweise im Klassenzimmer habe.

Ich bin generell sehr vorsichtig im Umgang mit dem Internet und würde zum Beispiel nie Partyfotos ins Netz stellen. Meinen Facebook-Account habe ich so eingestellt, dass nur Freunde alles sehen können, was ich auf meine Pinnwand schreibe. Und wenn ich Freundschaftseinladungen annehme, dann nur von Leuten, die ich persönlich kenne.

Gut vorstellen kann ich mir, dass ich meine jetzigen Lehrer nach dem Abitur bei Facebook als Freunde hinzufüge. Zum Kontakthalten mit Leuten, die man nicht jeden Tag in der Schule sieht, ist die Plattform nämlich praktisch."

Annkathrin, 17, geht in Mettmann, NRW, aufs Gymnasium

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