Von Heike Sonnberger
Wer schwänzt oder zu spät kommt, erhält einen Eintrag ins Klassenbuch, so war das früher, und so ist es vielerorts noch immer. Doch Berliner Schulen sollen technisch aufrüsten und künftig auch eine SMS an die Eltern schicken, und zwar automatisch. Das soll es den Jugendlichen in der Hauptstadt erschweren, dem Unterricht fernzubleiben. Zunächst drei Schulen testen in den kommenden Monaten eine neue Software, mit der Lehrer den Unterrichtsverlauf, die Noten und eben auch die Fehlstunden ihrer Schüler elektronisch erfassen können. Das Programm sorgt auch dafür, dass die Eltern von minderjährigen Schwänzern eine SMS erhalten.
Das Oberstufenzentrum Kraftfahrzeugtechnik im Stadtteil Wilmersdorf gehört zu den Schulen, die in diesen Tagen in den Pilotbetrieb starten. "Mit den SMS wollen wir den Schülern vermitteln: Wir haben gemerkt, dass ihr fehlt und wir warten auf euch", sagte Schulleiter Ronald Rahmig. Dabei gehe es nicht um Überwachung, sondern darum, das Gespräch mit den Eltern zu suchen und die Schüler an ihre Verpflichtungen zu erinnern. "Vielen ist gar nicht klar, wie oft sie verspätet waren oder gefehlt haben", sagte Rahmig. Mit der Software könne das sehr einfach und schnell dokumentiert werden.
Datenschützer sehen die Pläne kritisch. "Telefonnummern können sich ändern, und die Eltern müssen sicher sein können, dass die Information auch von der Schule kommt", sagt der Berliner Datenschutzbeauftragte Alexander Dix. Bevor das elektronische Klassenbuch flächendeckend eingeführt werden könne, müsse der Senat ein Datenschutzkonzept vorlegen. Das sei bis zum Jahresende angekündigt, aber bereits in der Vergangenheit mehrfach verschoben worden.
Ob und wann alle Schulen auf das elektronische Klassenbuch umstellen, ist noch offen. Zuerst sei eine zweite Testrunde mit sieben weiteren Schulen geplant, sagte Beate Stoffers, Sprecherin der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Technische Probleme haben die Einführung der neuen Software immer wieder verzögert.
"Sicherheit ist nicht zu gewährleisten", warnt die Pirtatenpartei
Das elektronische Klassenbuch ist Teil des Regierungsvorhabens, die Verwaltung der rund 700 Berliner Schulen zu modernisieren. Dazu gehört auch eine einheitliche Datei, die jede Schule mit Informationen über ihre Schüler füttern soll. Was manche Schulen bisher noch handschriftlich auf Karteikarten notierten - also Name und Geburtsdatum, aber auch Daten zum Migrationshintergrund und zur Lernmittelbefreiung -, sollen sie nun elektronisch speichern. Die Datei werde derzeit schrittweise aufgebaut, sagte Stoffers.
Bestimmte Schülerdaten sollen dann auch die Polizei, das Schulamt und die Senatsschulverwaltung einsehen können. "Der weitgehende Austausch zwischen Schule, Jugendamt, Polizei, Familiengerichten und Schulaufsicht muss systematisch ausgebaut werden", zitiert die Tageszeitung "Die Welt" Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).
Es sei dabei klar begrenzt, wer auf welche Daten zugreifen könne, sagte Datenschutzexperte Dix. So soll die Polizei lediglich erfahren können, auf welche Schule ein Jugendlicher geht, den sie beim Schwänzen erwischt. "Die Schülerdatei ist notwendig", sagte der Vorsitzende des Berliner Landeselternausschusses, Günter Peiritsch. Damit könne zum Beispiel die Vergabe von Schulplätzen besser koordiniert und Doppelanmeldungen vermieden werden.
Der bildungspolitische Sprecher der Piratenpartei, Martin Delius, warnt allerdings vor der Schülerdatei und vor dem elektronischen Klassenbuch: "Aus der Erfahrung der letzten Jahre mit ähnlich großen Datenmengen wissen wir, dass Sicherheit nicht zu gewährleisten ist." Eine Zugriffsbeschränkung reiche nicht aus, um zu verhindern, dass vertrauliche Schülerdaten in die falschen Hände geraten können.
Wie viele Interna seine Schule ins elektronische Klassenbuch einspeist, haben Schulleiter Rahmig und seine Kollegen noch nicht entschieden. Auf jeden Fall sollen dort die Fehlstunden und der Unterrichtsverlauf dokumentiert werden und vielleicht auch die Noten der Schüler. Theoretisch sei es später auch möglich, dass sich kranke Schüler von zu Hause einloggen und Unterrichtsinhalte abfragen. Oder dass Eltern sich dort über die Noten ihrer Kinder informieren. Das schaffe weitere "Einfallstore", die schlimmstenfalls die "lückenlose Überwachung des gesamten Schulbetriebs" im Internet ermöglichten, warnt Delius.
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