Schülerjob in der Notunterkunft: Nachtschicht am Rand der Gesellschaft

Von Mathias Hamann

Wenn ihre Freunde feiern gehen, kümmert sich Jana Grösche um Odachlose. Die Schülerin arbeitet nachts in einer Berliner Notunterkunft. Unter ihren Gästen sind Junkies, psychisch Kranke, Kriminelle. Der Job bringt Jana in Extremsituationen - doch entmutigen lässt sie sich nicht.

Nebenjob in der Notunterkunft: Nachtschicht am Rand der Gesellschaft Fotos
Mathias Hamann

"Jana, Jana, da ist ein Toter." Ein Mann steckt seinen Kopf durch die Luke der Geschirrrückgabe. Jana Grösche will eigentlich Brötchen fürs Frühstück verteilen, nun folgt sie dem Mann durch den Raum. Tatsächlich, auf dem Boden liegt ein Körper, die Haut schimmert bläulich-gelb. Die blonde Abiturientin fühlt den Puls, oder genauer, sie fühlt keinen. Acht Minuten später kommt ein Rettungswagen.

Jana Grösche, 18 Jahre alt, arbeitet in der Notunterkunft für Obdachlose der Berliner Stadtmission, 500 Meter entfernt vom Hauptbahnhof. Die Schülerin macht ein Fachabitur mit dem Schwerpunkt Soziales, dafür muss sie zweimal drei Monate ein Praktikum leisten.

Ihre Überlegungen: Will sie mit Alten, Kindern oder Gefangenen arbeiten? Sie entschied sich für Obdachlose und bewarb sich letztes Jahr bei der Stadtmission für ein Sommerpraktikum. Zunächst fuhr sie jeden Abend mit einem Hilfsbus durch die Stadt, besuchte Obdachlose und lernte so die Szene kennen.

Andere machen abends Party, Jana schiebt lieber Nachtschichten

Aus ihrem Praktikum im Bus wurde ein Nebenjob in der Winternotunterkunft. Unter der Woche arbeitet sie ein paar Abende im Spätdienst, von acht bis Mitternacht. An diesem Abend sind Winterferien in Berlin; andere machen da abends Party, Jana schiebt jetzt lieber Nachtschichten, an vier von fünf Wochentagen, von Mitternacht bis morgens halb neun. Sie bekommt 7,50 Euro die Stunde, das Geld geht aufs Konto für Führerschein und Sommerurlaub.

Diese Schicht beginnt eigentlich normal: Ab Mitternacht steht Jana mit drei anderen an der Theke, kocht Tee, putzt die Küche und gibt Suppe an die Gäste aus. Die Menschen kommen vor allem hierher, um der Kälte zu entkommen, etwas Warmes zu essen oder einfach nur um Gesellschaft zu haben. Jana spricht gern mit den Menschen, denen sonst keiner zuhört und hofft, so ein wenig Freude zu spenden. "Die Arbeit macht Spaß." Manche der Männer flirten sie an, "das muss man abkönnen".

Rund 130 Gäste haben sie heute Nacht, davon fünf Frauen, der Rest Männer. Hierher kommen entlassene Häftlinge, Diebe, Mörder, Deutsche, Polen, Rumänen, Alkoholiker, Junkies, Aussteiger und psychisch Kranke. Wer durch das soziale Netz fällt, kann auf dem harten Linoleumboden der Notunterkunft statt in der Kälte schlafen.

Aids, Krebs, Hepatitis, manchmal hat einer alles auf einmal

Jana zieht Latexhandschuhe an und macht einen Rundgang, Tassen einsammeln, Speisereste wegschmeißen. Bei manchen Tischen riecht es stark: "Das kommt von den Junkies mit eiternden, offenen Wunden", weiß sie. Unter den Gästen gibt es viele Krankheiten, Aids, Krebs, Hepatitis, manchmal hat einer alles auf einmal. Einige hauen aus dem Krankenhaus ab und kommen direkt hierher: "Man kann niemanden zwingen, sich helfen zu lassen", sagt die Schülerin. Dann setzt sie sich auf den Tresentisch: Ausruhen.

Jana erzählt ihrem Schichtpartner Vladimir von ihrem Experiment während des Sommerpraktikums. Eines Abends traf ihr Team einen Junkie, der saß gekrümmt am Berliner Bahnhof Friedrichstrasse und verkaufte eine Straßenzeitung. "Lass mal tauschen", schlug Jana vor. "Man verschwindet aus dem Blickfeld der Leute, statt Menschen sieht man deren Schuhe", erinnert sie sich.

Doch anders als der Junkie wurde sie nicht ignoriert. Sie verkaufte in nur 20 Minuten mehrere Zeitungen, bekam Schokolade und Zigaretten geschenkt. Nächstenliebe? Sie schüttelt den Kopf. Einige Männer boten dem blonden Mädchen an, sie nach Hause mitzunehmen oder sprachen gar von einem möglichen Job: "Für eine Nacht, 100 Euro, aber was zu tun sei, wollte der Typ mir erst bei ihm daheim sagen." Da war ihr alles klar. "Schon krass, wie einige Leute so eine Situation gleich ausnutzen wollen."

"Alle finden es gut, aber keiner will mitmachen"

Es klingelt, Jana zieht sich wieder Handschuhe an und geht zur Tür. Den Ankömmling muss sie abtasten; Waffen, Drogen, Alkohol sind hier verboten. Bei Junkies klopft sie vorsichtig, um nicht in Spritzen zu greifen. Dann hört sie Stimmen aus dem Hauptraum und guckt nach. Manchmal kommt es zu Schlägereien zwischen einzelnen oder zwischen Gruppen. Polen gegen Deutsche - klingt wie ein Fußballspiel, ist aber trauriger Ernst.

Hat sie da keine Angst, einzuschreiten? "Ach nö, schreitet man früh ein, verschärfen sich Konflikte nicht." Manchmal sei es sogar besser, wenn sie hingeht, weil die Männer aufhören, um sie nicht unabsichtlich zu verletzen. Ist die Stimmung zu gefährlich, versucht ein männlicher Kollege zu deeskalieren, sonst rufen sie die Polizei. "Meistens ist es aber so ruhig wie jetzt", sagt Jana.

Stille, Schnarchen, die Stunden ziehen sich hin. Um fünf beginnt sie, mit Vladimir das Frühstück zu machen, sie schmieren und belegen 120 Brötchen.

Was sagen eigentlich ihre Mitschüler zu ihrer Arbeit? "Alle finden es gut, aber keiner will mitmachen", sagt sie und überprüft nebenher das Mindesthaltbarkeitsdatum der gespendeten Wurstpackungen. Die meisten in ihrer Klasse möchten lieber mit Alten oder Kindern arbeiten. "Bei mir sind es eben Obdachlose."

Die Polizei kommt und schreibt ein Protokoll

Sie schläft allerdings schlecht, nicht weil sie Schlimmes sieht oder hört, nein, die Spät- und Nachtschichten ändern ihren Tagesrhythmus: "Ich kann oft nicht vor drei Uhr die Augen zumachen." In den Ferien kein Problem - sonst schon: Da muss sie um sechs Uhr aufstehen und zur Schule. "Meine Mitschüler jammern manchmal, wenn sie bis 21 Uhr arbeiten müssen, da beginnt erst meine Abendschicht", sagt Jana.

Nach einer kurzen Morgenandacht verteilen die Mitarbeiter die Tabletts mit den Brötchen - und dann kommt der Moment, in der der Mann seinen Kopf durch die Luke der Geschirrrückgabe steckt und sagt: "Jana, Jana, da ist ein Toter."

Der Notarzt stellt den Tod fest, die Polizei kommt und schreibt ein Protokoll. Die Mitarbeiter der Notübernachtung bitten die Gäste zu gehen. Jana wischt ruhig die Tische, aber natürlich denkt sie nach: "Wie hätte man das verhindern können?" Die Leitung der Notunterkunft erklärt den Kollegen der Nachtschicht, dass sie keine Kontrollpflichten haben: Das sei kein Krankenhaus, wo jedem der Puls gefühlt werden müsse. Die Gerichtsmedizin erscheint und nimmt den Toten mit.

Jana geht heim, sie ist müde, nicht traumatisiert: "Damit muss man rechnen", sagt sie leise. Der Tote heißt Jan, ein Drogensüchtiger, wahrscheinlich aus Russland. Er sah aus wie fünfzig, wurde aber nur 30. Todesursache: Noch unbekannt. "Vielleicht können wir so etwas verhindern, wenn wir wissen, woran er gestorben ist."

In der folgenden Nacht steht Jana wieder ab Mitternacht am Tresen und gibt Suppe aus, an der Wand fünf Meter gegenüber leuchtet eine Kerze neben einer Rose. Für Jan.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Find ich klasse.
derTeebeutel 07.02.2011
Was für eine tolle junge Frau.
2. gutmenschin.
zynik 07.02.2011
Zitat von sysopWenn ihre Freunde feiern gehen,*kümmert sich*Jana Grösche*um*Odachlose. Die Schülerin arbeitet nachts in einer Berliner Notunterkunft. Unter ihren Gästen sind Junkies, psychisch*Kranke, Kriminelle.*Der Job bringt Jana in Extremsituationen - doch entmutigen lässt sie sich nicht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,743319,00.html
Respekt. Es macht Mut zu sehen, dass es in der nachwachsenden Generation wieder mehr Menschen gibt, die ihre Prioritäten nicht allein nach Karriere- und "Kosten/Nutzen"-Rechnungen setzen. Andererseits wird Jana wohl damit Leben müssen von bestimmten Individuen als "Gutmenschin" verspottet zu werden. Aber das gehört zu sozialem Engagement eben dazu. Daumen hoch und weiter so.
3. Super
neu_im_forum 07.02.2011
Tolles Engangement! Weiter so! Man müsste den Stellenwert von sozialem Engagement in der Gesellschaft heben...
4. Es muss solche geben - und solche!
Der_M 07.02.2011
Hut ab, wirklich toll, was die junge Frau macht. Soziales Engagement ist wichtig, keine Frage, aber ich wage doch zu bezweifeln, ob es wirklich nötig ist, dass "alle" sowas machen. Mal ein ganz einfaches, vollkommen überspitzes Beispiel: Wenn alle jetzt anfingen, in Kinderheimen, Obdachlosenzufluchten, Drogenentzugskliniken, etc. zu arbeiten, wer würde denn dann noch dazu kommen, was für diese Einrichtungen zu spenden? Was ich damit sagen will: Es gibt auch viele Leute, die - selbst, wenn sie es gar nicht so sehr wegen ihrer sozialen Ausrichtung oder derart tun - trotzdem z.B. was spenden, oder ähnliches tun, was aber nie gesehen wird oder noch schlimmer als "den Schein wahren" abgetan wird. Sicher, kann gut sein, dass viele nur ihr Gewissen beruhigen wollen und nichts dabei empfinden, aber ganz ehrlich, lieber das, als die "Konsequenten": "Nö, die sind mir egal, ich tue nicht so, als ob, das wäre ja geheuchelt"... Ganz toll auch, bestimmt kommen bald wieder die Kommentare zu den Reichen, die ja alle so niederträchtig sind und nur aus besagten Gründen spenden. Wäre ich reich, ich würde es auch nicht mehr an die Glocke hängen, wenn ich Gutes täte...
5. Respekt...
Walther I. 07.02.2011
aber noch besser wäre es, wenn die junge Frau sich um ihre eigenen Kinder kümmern würde. Oder heiraten, zwecks Familiengründung.
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