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Schülerstreik: Schwänzen für bessere Bildung

Sie fordern kleinere Klassen, mehr Lehrer, die Abkehr vom Turbo-Abitur: In 40 Städten demonstrieren Zehntausende von Schülern für bessere Bildung. In Berlin stürmten Jugendliche die Humboldt-Universität, vor dem niedersächsischen Landtag flogen Steine.

Der Wunschzettel ist lang, der Ton vehement, bei weitem nicht alle wollen das gleiche: In 40 Städten hocken Zehntausende von Schülern heute nicht in ihren Klassenräumen, sondern ziehen mit Transparenten durch die Straßen, legen den Verkehr lahm und fordern - so einiges. Sie wollen "Bildungsblockaden einreißen", Studiengebühren und Noten abschaffen, das dreigliedrige Schulsystem am liebsten auch. Es geht gegen überfüllte Klassen, Prüfungsstress und das "Turbo-Abitur" nach zwölf Jahren.

Demo in Stuttgart: Schüler sind bundesweit auf den Straßen
DPA

Demo in Stuttgart: Schüler sind bundesweit auf den Straßen

In Berlin zogen über 5000 Schüler vom Roten Rathaus am Alexanderplatz die Straße unter den Linden hinunter. Wie Reporter von SPIEGEL TV berichten, stoppte der Demonstrationszug zur Zwischenkundgebung auf dem Bebelplatz vor der Humboldt-Universität. Dort machten die Schüler ihrem Protest mit Trillerpfeifen, Lautsprecherwagen und lauter Punk-Musik Luft.

Kleine Gruppen von Schülern stürmten durch das Tor der Universität und die Treppe hinauf in den ersten Stock des Hauptgebäudes; bis zu 1000 versammelten sich in der Hochschule. Von den Fenstern aus warfen die Jugendlichen Klopapier in die Bäume vor dem Uni-Gebäude, von außen wurde eine Scheibe eingeworfen. Eine Ausstellung zu jüdischen Unternehmen in Berlin in der NS-Zeit wurde erheblich beschädigt. Einige Jugendliche zündeten Klopapier an, aber Mitdemonstranten und einige Studenten griffen sofort ein und löschten.

An der Helmholtz-Statue im Vorhof der HU hängten Aktivisten einer offenbar linksautonomen Gruppe ein Schild mit der Aufschrift "Rütli Guerilla Bildungskommando" auf. Das Grüppchen trank Bier, über ihren schwarzen Kapuzenpullovern trugen sie gelbe Warnwesten mit der Aufschrift "Konfliktteam", berichten die SPIEGEL-TV-Reporter.

Die Demo wurde am Bebelplatz lediglich von rund 30 uniformierten Polizisten begleitet. Ihnen gelang es zunächst nicht, den Sturm auf das Uni-Hauptgebäude zu stoppen. Schüler und Studenten beendeten die spontane Besetzung nach kurzer Zeit, gegen 13.30 Uhr setzte sich der Zug wieder Richtung Brandenburger Tor in Bewegung. Polizisten versperrten derweil das schmiedeeiserne Tor vor der Humboldt-Uni, um ein erneutes Eindringen zu verhindern.

Ein bisschen Krawall gab es auch in Hannover: Hunderte junge Leute durchbrachen die Bannmeile vor dem niedersächsischen Landtag, es flogen Steine, und die Polizei versuchte, das Parlamentsgebäude abzuriegeln. Der Landtag, in dem die Abgeordneten über die Bildungspolitik debattiert hatten, unterbrach seine Sitzung. Die Politiker stellten sich allerdings nicht den Demonstranten.

"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut"

Ansonsten verliefen die Demonstrationen friedlich. In Frankfurt blockierten rund 400 Schüler am Mittwochvormittag den Berufsverkehr. In Stuttgart boykottierten 4000 den Unterricht, in Hamburg marschierten 6000 vom Hauptbahnhof aus durch die Innenstadt. Jeweils einige hundert waren unterwegs in Aachen, Stralsund, Northeim, Gießen. In Erfurt besetzten hundert Schüler das Schulamt.

Lehrer und Direktoren reagieren unterschiedlich: Einige sympathisieren mit den Aktionen der Schüler und "vergessen", die Fehlzeiten einzutragen, wie eine Lehrerin aus Bremen sagt, die ungenannt bleiben will. In Berlin wurden Klassenarbeiten verschoben. An den meisten Schulen jedoch gibt es keinen Unterschied zwischen streiken und schwänzen: Der Tag gilt als unentschuldigtes Fehlen. "Da gab es vorher keine Diskussion, sondern eine Ansage", sagt Horst Oehr, Leiter des Hamburger Gymnasiums am Doerpsweg. In Stuttgart drohten einige Direktoren, die Aktivisten müssen mit Zusatzaufgaben rechnen.

In Nordrhein-Westfalen hatte die Bezirksregierung Köln Demonstrationen während der Unterrichtszeit verboten. "Die Schüler können sich nicht einfach vom Unterricht entfernen", sagte Thomas Breuer, Sprecher des Schulministeriums in Düsseldorf. Nach Schulschluss bleibe genügend Zeit für Kundgebungen. Doch viele Schüler setzten sich darüber hinweg.

"Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", stand auf einem Transparent in Bonn. Weiter hinten ragten Schilder mit "Köpft die Kopfnoten" oder "Kein Blitz-Abi" in den Himmel. Die Schüler klagten über schlechte Ausstattung ihrer Schulen, zu große Klassen und zu viel Lernstress. Der Stoff von früher 13 Schuljahren werde jetzt in nur 12 Jahre gepresst; für Musik oder andere Hobbys bleibe da keine Zeit mehr. Bei einer Kölner Demo forderten Schüler einhellig die Rückkehr zu 13 Schuljahren.

Sozialismus-Vorwürfe gegen die Organisatoren

Während die Lehrergewerkschaft GEW dazu aufrief, die Schüler nicht zu hart zu bestrafen, und für die Schüler Flugblätter druckte, wetterten die Kollegen vom Bayerischen Realschullehrerverband: "Lasst unsere Schüler in Ruhe lernen!" Der Verbandsvorsitzende Anton Huber fürchtet gar, die Jugend werde von linken Kräften instrumentalisiert, "um über das Bildungssystem die Gesellschaftsordnung zu ändern". Einen ähnlichen Verdacht hat Walter Scheuerl von der Initiative "Wir wollen lernen" aus Hamburg, die für den Erhalt von Gymnasien kämpft: Die Initiatoren seien "in sozialistischen Studentenorganisationen aktiv".

Der Sozialismus-Verdacht stützt sich vor allem auf Internet-Seiten, auf denen der Protest koordiniert wird. Zwar sind es in allen Bundesländern Schul- und Klassensprecher aus den Landesschülervertretungen, die zum Streik aufrufen, aber als Verantwortliche sind auf den Websites diverse Namen und Organisationen angegeben. Die bundesweite Info-Seite www.schulaction.org ist registriert auf einen Studenten aus Berlin, der sich in der "Sozialistischen Alternative" engagiert, einer Organisation, die "die Diktatur der Konzerne überwinden" will, wie es auf der Homepage heißt.

Auch das Impressum der lokalen Protestseite in Hamburg wies nach links: Als Kontakt hatten die Schüler die Adresse der Partei "Die Linke" angegeben. "Ein Fehler von uns", sagt der Berufsschüler Hauke Hörhold, einer der Organisatoren. Er sei zwar bei der linken Jugendorganisation "Solid" aktiv, der Streik aber überparteilich: "Wir sind 60 Leute in der Organisationsgruppe, gerade mal fünf gehören zu Solid." Mittlerweile steht er als Kontakt im Impressum.

Geplant wurde der bundesweite Schülerstreik im Oktober an der Technischen Universität in Berlin. "Dort haben wir unsere Forderungen diskutiert und ausgearbeitet", sagt die Hamburger Gymnasiastin Ina Drascher, 17. Heraus kam ein bunter Katalog von Wünschen und Forderungen: Unter der recht allgemeinen Überschrift "Kostenlose und gute Bildung für alle" fordern sie kleinere Klassen, mehr Lehrer, weniger Unterrichtsausfall.

Umstritten aber ist vor allem die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems. Die Forderung führte zu einiger Wortklauberei bei Schülern und Unterstützern. "Wir fordern nicht die Abschaffung von Gymnasien", sagt Kai Padberg, 19, aus Northeim in Niedersachsen, weil das im Vorfeld zu Missverständnissen geführt habe. Die GEW in Baden-Württemberg einigte sich auf die Formulierung, dass man die Schülerforderungen "weitestgehend" unterstütze. "Wir können nicht überblicken, was da bundesweit alles gefordert wird", sagt ein Sprecher.

otr/cht/jol/dpa/AFP/ap

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