Schülerzeitung vor Gericht: "Bazillus" gewinnt gegen Freistaat Bayern

Von Heike Sonnberger

Noch eine Schülerzeitung? Brauchen wir nicht, wir haben schon eine - fand eine Schulleiterin im bayerischen Landsberg und verbot den Verkauf. Doch die jungen Blattmacher wollten nicht kuschen. Also zog der 12 Jahre alte Herausgeber Stephan Albrecht kurzerhand vor Gericht.

Schülerzeitung in Bayern: Siebtklässler gegen Schulleiterin Fotos
DPA

Die Artikel waren geschrieben, das Layout fertig, die Fahne bei der Direktorin - eigentlich stand der zweiten Ausgabe der Schülerzeitung "Bazillus" nichts mehr im Weg. Chefredakteur und Herausgeber Stephan Albrecht, 12, und seine Mitschüler am Ignaz-Kögler-Gymnasium in Landsberg am Lech hatten wochenlang daran gearbeitet.

Die erste Ausgabe, erschienen im Juli, soll Schulleiterin Ursula Triller in einer E-Mail noch gelobt haben. Doch dann änderte die Oberstudiendirektorin ihre Meinung. Im Oktober verbot sie den Sechst- und Siebtklässlern, die zweite Ausgabe auf dem Schulgelände zu verteilen. Begründung: Es kann an jeder Schule nur eine Schülerzeitung geben. Und an ihrem Gymnasium gebe es schon den etablierten "Virus". Damit sei der pädagogische Auftrag der Schule erfüllt.

"Den Sinneswandel kann sich keiner von uns erklären", sagt der Junge, der die Klasse 7c besucht. Seit September sei Frau Triller der Redaktion gegenüber "fies" gewesen. "Wir durften uns nicht mehr in der Schule treffen und keine Aushänge und Durchsagen machen", sagt Stephan Albrecht. Mehrmals habe ihn Triller aus dem Unterricht geholt und zur Rede gestellt. Zwei Schülerzeitungen seien zu viel.

Geeignet, den Schulfrieden zu stören?

Ursprünglich war Stephan Albrecht seit der 5. Klasse Mitarbeiter des "Virus". Die Redaktion habe mehrheitlich aus älteren Schülern bestanden und sei mit der neuen Ausgabe nicht vorangekommen. Da habe er sich entschieden, eine eigene Zeitung für die jüngeren Schüler zu machen. Dass Schulleiterin Triller ihn nun, bei der zweiten Ausgabe, am Verkauf hindern wollte, ärgerte den Siebtklässler - und er zog gegen den Freistaat Bayern, vertreten durch seine Schule, vor Gericht. Anfang Dezember entschied das Verwaltungsgericht München: Albrecht darf den "Bazillus" in der Schule verkaufen.

Triller sagte SPIEGEL ONLINE nichts zu dem Fall, die Schule verweist bei Anfragen auf das bayerische Kultusministerium. In einer Stellungnahme an das Gericht teilte die Schulleitung Ende November mit, der Siebtklässler bestehe mit "Hartnäckigkeit (...) auf einer privaten Schülerzeitung", die "aus pädagogischer Sicht äußerst fragwürdig" sei. Albrechts Verhalten sei "geeignet, den Schulfrieden zu stören".

Im Kultusministerium heißt es, man habe die Schulleiterin in der Angelegenheit beraten und ihr gesagt, dass laut bayerischem Schulgesetz zwei Schülerzeitungen nicht vorgesehen seien. Da gebe es "unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten", so die Ministeriumssprecherin. Das Gericht in München sah es dagegen unzweideutig: "Dem Wortlaut des Gesetzes kann nicht entnommen werden, dass es nur eine Schülerzeitung in jeder Schule geben darf", entschieden die Richter.

Im Namen Trillers erklärt das Ministerium außerdem, inhaltlich habe es nie Einwände gegen den "Bazillus" gegeben. Blattmacher Stephan Albrecht beteuert, die Direktorin habe alle Artikel der neuen 60-seitigen Ausgabe gekannt - darunter Texte über London, die Anschläge vom 11. September, Haustiere, Halloween, Modellautos. "Wir haben wirklich nichts Schlimmes geschrieben", sagt der junge Herausgeber.

Lehrreicher Streit für Schule und Schüler

Ein "mulmiges Gefühl" habe er schon gehabt, sich als Siebtklässler gegen die Schulleitung zu stellen. Doch man müsse für seine Rechte schließlich eintreten und könne nicht "bei jedem Pieps" zurückweichen. Hilfe bekam Albrecht vom Verein Junge Presse Bayern, der ihm einen Anwalt vermittelte. "Wir haben ihm gesagt, dass es anstrengend werden könnte", sagt Mutter Marion Albrecht. "Er wollte es unbedingt."

Nicht nur die Schulleitung, sondern auch der Zwölfjährige konnte aus dem Streitfall lernen: Denn dem richterlichen Beschluss zufolge hätte er seine Schulleiterin nicht einmal um Erlaubnis fragen müssen, ob er und seine Schülerredakteure die Zeitung verkaufen dürfen.

Seit gut vier Jahren können Schüler an öffentlichen Schulen in Bayern nämlich wählen, ob ihr Blatt als Einrichtung der Schule oder als Druckwerk im Sinne des Bayerischen Pressegesetzes (BayPrG) erscheint. Davor unterstanden Schülerzeitungen im Freistaat der Aufsicht der Schulleitung, die Artikel auch aus inhaltlichen Gründen verwerfen durfte. Die Änderung sollte dazu dienen, "die Schülerzeitungen aus dem Verantwortungsbereich der Schulleitung herauszunehmen (…), damit keine irgendwie geartete Zensur stattfinden kann", schreiben die Verwaltungsrichter.

Für den Inhalt der Zeitung sind in diesem Fall die Schüler verantwortlich. Richten die Kinder allerdings Schaden an, haften die Eltern. Direktorin Triller hätte den Verkauf des "Bazillus" untersagen können, wenn die Zeitung beispielsweise das Recht der persönlichen Ehre verletzt hätte. Sie musste ihn aber nicht ausdrücklich genehmigen, so steht es im bayerischen Schulgesetz.

Weil Triller selbst nicht über den "Bazillus" reden will, teilte das Kultusministerium mit, die Direktorin akzeptiere die Entscheidung des Gerichts. Doch Stephan Albrecht und sein Team sind sich nicht sicher, dass sie fortan ungestört ihr Blatt machen können. "Die Schulleitung ist immer noch der Meinung, sie kann bestimmen, wie, wann und wo wir die Zeitung verkaufen dürfen", sagt er. Geht es nach den jungen Redakteuren, soll es auf jeden Fall eine dritte Ausgabe des "Bazillus" geben. Und später möchte Stephan Albrecht vielleicht weiter als Journalist arbeiten - oder sich mit Juristerei beschäftigen. Er findet: "Das sind beides schöne Sachen."

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insgesamt 113 Beiträge
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1. Schulfrieden
lichtwort.de 08.12.2011
Eine Konkurrenzzeitung mit einem Seitenhieb im Namen, beworben Pauken und Trompeten, stört den Schulfrieden nur unerheblich. Ganz im Gegensatz zu Gebetsgeflüster in einer Flurecke.
2. Weiter so
notbie 08.12.2011
Hier ist ein gutes Beispiel das Kinder denken und sich nicht als Dinge behandeln lassen , das Kinder ihre Meinung sagen ist manchen erwachsenen zu viel , und alt eingesessene die ehe nie auf Kinder hören , begleitet der spuch : es sind nur Kinder , die haben keine rechte , tübpisches CDU denken .
3. Pädagogisch wertvoll
friehm 08.12.2011
Die Schulleitung hat doch nur pädagogische Motivationen: Schülerzeitung am IKG — IKG Landsberg (http://www.ikg-landsberg.de/media/news_item.2011-12-08.7166424508) ROFL F.
4.
Rainer Helmbrecht 08.12.2011
Zitat von sysopNoch eine*Schülerzeitung? Brauchen wir nicht, wir haben schon eine -*fand eine Schulleiterin im bayerischen Landsberg und verbot den Verkauf. Doch die jungen Blattmacher wollten nicht kuschen. Also zog der 12-jährige Herausgeber Stephan Albrecht kurzerhand vor Gericht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,802564,00.html
Einerseits wirft man der Jugend vor, dass sie desinteressiert ist und außerdem zu faul sei, sich für etwas einzubringen. Ich finde, dadie Einmischung der Schule gar nicht vonnöten ist, sollte man die Gelegenheit nutzen und der Frau Direktor grundsätzlich die Flügelchen beschneiden. Das Äußerste könnte eine Beraterstellung sein, aber ohne die Befugnis, diese Beratung zu Kürzungen und Entstellungen des Textes zu erlauben. Wobei diese Direktorin offensichtlich überfordert ist, Jugendlichen die Gedanken der Demokratie näher zu bringen. Das erinnert mehr an den Bayrischen Rundfunk, der flächendeckend, das Fernsehprogramm für Bayern abschaltete, damit das Volk keine bösen Gedanken aufnehmen konnte. Franz-Josef lässt grüßen;o). MfG. Rainer
5. Chapeau
gandhiforever 08.12.2011
Zitat von sysopNoch eine*Schülerzeitung? Brauchen wir nicht, wir haben schon eine -*fand eine Schulleiterin im bayerischen Landsberg und verbot den Verkauf. Doch die jungen Blattmacher wollten nicht kuschen. Also zog der 12-jährige Herausgeber Stephan Albrecht kurzerhand vor Gericht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,802564,00.html
Der Junge hat sich nicht einschuechtern lassen. Statt dessen hat er seine Rechte verteidigt. Die Oberstudiendirektorin hat nicht nur verloren. sie steht jetzt dumm da. Am besten sollte sie sich jetzt versetzen lassen in ein Nest, in dem die CSU bei Wahlen annaehernd alle Stimmen erhaelt (sofern es so etwas noch gibt).
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Schülerzeitungswettbewerb: Gesamtsieger 2011

Wo geht's denn hier in den Journalismus?
"Irgendwas mit Medien..."
DPA
Für viele Abiturienten und Studenten ist Journalist ein Traumberuf. Rechtlich darf jeder sich so nennen - das garantiert Artikel 5 des Grundgesetzes, die Pressefreiheit verbietet jede Reglementierung des Berufszugangs. In Deutschland gibt es rund 70.000 Journalisten, rund die Hälfte Freiberufler. Wer davon leben will, muss sein Handwerk lernen und beherrschen.
Der klassische Weg: Volontariat
Praxis pur verspricht das Volontariat - bei Zeitungen und Zeitschriften, in Online-Redaktionen, bei Radio und Fernsehen, privat oder öffentlich-rechtlich. Die Ausbildung dauert zwischen zwölf und 24 Monaten und ist meist durch Tarifverträge geregelt. Typischerweise fahren Volontäre Karussell: Sie durchlaufen verschiedene Ressorts ("Volo, du Amöbe, mach' du den Abendtermin!") und nehmen an Fortbildungen teil. Ein vorheriges Studium ist keine Pflicht - aber längst die Regel.
Der Königsweg: Journalistenschule
Viel Andrang, rare Plätze: Journalistenschulen sind ein Nadelöhr. Auch hier dominiert die Praxis. Es unterrichten gestandene Journalisten, in Praktika wird das Gelernte eingesetzt und ausgebaut. Die Ausbildung dauert in der Regel anderthalb bis zwei Jahre. Mal zahlen Journalistenschüler Gebühren, mal erhalten sie Geld.

Zu den wichtigsten Einrichtungen zählen die Henri-Nannen-Schule (Hamburg), die Deutsche Journalistenschule (München), die Berliner Journalisten-Schule, die Axel-Springer-Akademie und die Evangelische Journalistenschule (alle in Berlin). Die RTL-Journalistenschule (Köln) bildet speziell für TV-Berufe aus, die Electronic Media School (Babelsberg und Bremen) für Radio, Fernsehen und Internet. Die Holtzbrinck-Schule (Düsseldorf) und die Kölner Journalistenschule sind auf Wirtschaft spezialisiert.
Der Trampelpfad: Studium
Und wo bleibt die Theorie? Hier: Studiengänge in Journalistik oder Publizistik, Medien- oder Kommunikationswissenschaft gibt es an beinah jeder größeren Universität (siehe Hochschulkompass). Besonders bekannt sind die Journalistik-Studiengänge in Leipzig, Dortmund und München. Dort absolvieren die Studenten auch Pflichtpraktika - wer nur theoretisch weiß, wie eine gute Glosse entsteht, hat es schwer.

Was Chefredakteure der ganz alten Schule von den Absolventen halten? Sie rümpfen die Nase, rollen die Augen und raten: "Studieren Sie lieber etwas Handfestes, Jura oder BWL oder sogar Byzantinistik." Damit haben sie nicht unbedingt Recht, ein Medienstudium kann schon nahe an den Beruf heranführen. Trotzdem gehen Absolventen meist noch ins Volontariat oder in eine Journalistenschule - denn ein schickes Uni-Zeugnis allein beeindruckt im Journalismus niemanden. Erstklassige Arbeitsproben und sinnvolle Praktika schon.
Der Sonderweg: Rein ins Wasser, Schwimmen lernen
Was ebenfalls geht: Man wird Journalist, indem man's einfach ist - "Learning by doing" in Neudeutsch. Medienberufe sind offen für Autodidakten und Quereinsteiger mit krummen Biografien. Wer viel und gut schreibt, der findet auch seinen Platz. Praktika und Kontakte sammeln, sich als Experte für bestimmte Themen einen Namen machen, die Arbeit intelligent organisieren - und irgendwann fragt niemand mehr nach Ausbildung und Abschlüssen. Für das große Heer der freien Journalisten gilt das ohnehin, für Redakteursjobs nur bedingt. Da zählen bei der Einstellung auch formale Qualifikationen.


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