Schülerzeitungs-Frust: Zensur macht zornig

Aus Angst vor schlechten Noten geben die Macher von Schülerzeitungen oft nach, wenn Schulleiter ihre Texte lesen und ändern wollen. Für engagierte Jugendliche ist das Zensur - in Berlin verließen vier Nachwuchsjournalisten deshalb gar ihre Schule, mit viel Wut im Bauch.

Alles fing mit einem ganz normalen Artikel an, den Niklas Wuchenauer für seine Schülerzeitung "Dürer!" schrieb. Darin beschwerte er sich darüber, wie chaotisch die letzte Schülersprecherwahl gelaufen war. Doch der Artikel sollte nie gedruckt werden - zumindest nicht in Niklas' Fassung.

Schülerzeitung "Dürer!" (Ausgabe 3/2007): Zoff um Zensur
Dürer!

Schülerzeitung "Dürer!" (Ausgabe 3/2007): Zoff um Zensur

Zwei Ausgaben ihrer Zeitung hatten der 17-Jährige und die "Dürer!"-Redaktion bereits erfolgreich herausgebracht. Bevor sie die traditionelle Schülerzeitung der Albrecht-Dürer-Oberschule in Berlin-Neukölln übernehmen durften, mussten sie allerdings einen Kompromiss mit Direktorin Urte Schoenwälder eingehen. Sie wollte die Texte vor der Veröffentlichung sehen.

Doch dann präsentierte er seinen kritischen Bericht über die Schülersprecherwahlen beim obligatorischen Treffen mit der Schulleiterin. "Aus unserer Sicht war der sehr neutral geschrieben", erinnert er sich. "Aber Frau Schoenwälder hat ihn so nicht akzeptiert."

Rektorin Urte Schoenwälder denkt heute "mit Zähneknirschen" an diese Tage zurück. "Dieser Streit, wo ganze Schülerscharen durch die Flure marschierten und Unterschriften sammelten, war das Härteste, was ich je erlebt habe", sagt sie. Ihr einziges Bestreben sei gewesen, den Schulfrieden zu wahren: "Wir sind eine typische Brennpunktschule in Neukölln. Hier finden sich zig Nationalitäten und alle nur denkbaren politischen Einstellungen."

Auch Niklas Wuchenauer ist nicht unpolitisch. So engagiert er sich zum Beispiel für die Schülerinitiative "Bildungsblockaden einreißen", die im vergangenen November einen Aufsehen erregenden Schulstreik in Berlin organisierte. Das bereitete der Schulleiterin Sorgen. "Aus meiner Sicht hätte Niklas den 'Dürer!' gern instrumentalisiert", sagt sie. "Wenn man da Frieden halten will, muss man sehr gut aufpassen."

Abschied der Rebellen

Was Urte Schoenwälder Aufpassen nennt, ist für Niklas und seine Freunde ganz klar Zensur. Doch wehren, sagen sie, konnten sie sich nicht. "Unsere Möglichkeiten waren an dem Punkt ausgeschöpft, an dem wir die Schulleitung mit den rechtlichen Vorgaben konfrontierten", sagt Niklas. Die Schülerzeitungsmacher hatten alles versucht - und mussten am Ende doch nachgeben.

Die Wut in ihrem Bauch blieb. Und das Unverständnis darüber, dass ihre Zeitung, wie Niklas sagt, "nicht als wichtiger Teil des Schullebens, sondern als Privatveranstaltung einiger weniger" angesehen wurde. Als das Schuljahr zu Ende ging, machten vier der sechs rebellischen Redakteure deshalb einen Schnitt und wechselten die Schule.

Solche Resignation ist eine typische Folge, weiß Klaus Farin. Er ist Leiter des Archivs der Jugendkulturen und erforscht seit vielen Jahren Jugendbewegungen und ihre Publikationen. Die Schülerzeitung sei ein wichtiges Experimentierfeld, sagt er. "Es ist oft der erste Versuch, mit Medien umzugehen und Demokratie zu erleben. Umso schlimmer ist es, wenn man dafür abgestraft wird, anstatt Anerkennung zu bekommen." Viele Jugendliche würden ihr Engagement dann einstellen, weil sie lernen: Engagement schadet mir.

Ähnlich empfinden Niklas und seine Freunde. Sie planen zwar, an ihrer neuen Schule wieder eine Zeitung zu machen - die Motivation ist aber gesunken. "Die Ohnmacht, die wir während des Streits mit der Schulleitung gefühlt haben, gab uns einen Dämpfer", sagt Niklas. Gleichzeitig trieb ihn das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, dazu an, einer Projektgruppe der Jungen Presse Berlin beizutreten. Dort hilft er nun anderen Schülerredaktionen bei Zensurproblemen.

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