Erstklässler im Schulstress: Der Schule den Schrecken nehmen

Was tun, wenn Kinder sich vor der Schule fürchten, aber immer früher hin müssen? Erstklässlerin Mia, 5, schreit, weint und wünscht sich schon nach wenigen Tagen, dass die Sommerferien anfangen. Ihrem Vater Markus Deggerich zerreißt es das Herz. Bis er mit ihr ins Theater geht.

Vater und Tochter: Markus Deggerich will bei seiner Tochter Schullust entfachen Zur Großansicht
Markus Deggerich

Vater und Tochter: Markus Deggerich will bei seiner Tochter Schullust entfachen

Mia liebt Geschichten. Und das Drama. Wenn sie abends mit ihrem Bruder im Bett liegt, dürfen sie sich zwei Rollen für sich ausdenken, um die wir dann eine Abenteuererzählung spinnen, die den Tag einfängt und die Nacht willkommen heißt. Lange waren das meist Prinzessinnen (Mia) und Erfinder (Bruder Bosse). Doch seit kurzem tauchen auch andere, seltsame Wesen in Mias Wünschen auf: Lehrer, laute Jungs, die sich hauen - selbst Gott muss neuerdings besetzt werden. Denn Mia ist seit August Schulkind, obwohl sie erst im Oktober sechs Jahre alt wird. Und das hat Folgen.

Seit der Grundschulrefom von 2004 werden Kinder in Berlin verpflichtend in dem Jahr eingeschult, in dem sie sechs Jahre alt werden, und zwar egal, ob sie im Januar oder Dezember Geburtstag haben. Damit liegt das durchschnittliche Einschulungsalter in Berlin bei 6,2 Jahren - im Bundesdurchschnitt bei 6,7 Jahren. Böse Zungen behaupten: Die Berliner Bildungspolitik, die sich modern geben will, befördere die Kinder damit nur möglichst schnell aus dem Kindergarten, weil die Kita-Plätze für Kinder in Berlin ab 3 Jahre voll vom Senat finanziert werden und für Eltern zuzahlungsfrei sind.

Seitdem haben Schulpsychologen in Berlin Konjunktur, denn jedes Jahr versuchen verzweifelte Eltern, ihre Kleinen zurückstellen zu lassen und ihnen ein Jahr Schonfrist zu verschaffen. Einige verlegen deshalb sogar ihre Meldeadresse nach Brandenburg.

Wann fangen endlich die Sommerferien an?

Mia hat sich auf die Schule gefreut. Das hatte weniger mit einer konkreten Vorstellung davon zu tun, was auf sie zukommt, als vielmehr mit der Aussicht auf die Zuckertüte. Denn wenn es etwas gibt, das Mia noch mehr liebt als Geschichten, dann sind es Gummibärchen. Als ein Zauberer sie auf ihrem vierten Geburtstag fragte, welches ihre Lieblingsfarbe sei, antwortete Mia: "Süßes".

Aber die Zuckertüte konnte ihr schon bald nicht mehr den Schulalltag versüßen. Bereits am dritten Tag fragte sie mich auf dem Schulweg, wann denn endlich diese Sommerferien beginnen. In der zweiten Woche schrie und weinte sie jeden Morgen im Klassenzimmer, wollte nicht loslassen, zerriss dabei nicht nur mein Hemd, sondern auch mein Herz. Sie fand das alles "viel zu anstrengend".

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Mia kam aus einem kleinen Kinderladen mit 15 Plätzen, nun fand sie sich wieder auf einem Schulhof mit hunderten Kindern und alle waren größer, lauter, schneller als sie. Nach der ersten Sportstunde übte sie im Wohnzimmer "Schnell sein", weil die Lehrerin gesagt hatte, "dass ich Bummelletzte war". Mia hat jeden Morgen Angst, zu spät zu kommen. Und was sie treibt, ist nicht der positive Antrieb, einfach pünktlich zu sein, sondern die nackte Angst, etwas falsch zu machen.

Zur Schulfrust-Kur ins Theater

Um Mia zu zeigen, dass sie mit ihrem Gefühl nicht alleine ist und dass Schule Spaß machen kann, sind wir mit ihr zur Premiere des Stücks "Leon und Leonie" im Berliner Grips-Theater gegangen. Weil wir glauben, dass Kunst oft mehr über das Leben zu erzählen hat als Wissenschaft.

Der Autor Thilo Reffert hat mit seinem Schulstück bereits den "Berliner Kindertheaterpreis 2011" gewonnen. Zu Recht, wie die Uraufführung am legendären Grips nun bewies. Schon der Titel erinnert an "Leonce und Lena", und weil Leon und Leonie Zwillinge sind, denkt man auch gleich an Erich Kästners "Das doppelte Lottchen", was in Wahrheit ja auch keine Geschichte über Zwillinge ist, sondern über die Liebe.

Refferts Stück ist ein Werk über Schullust, die entsteht, wenn man den Schulbesuch von der Schulpflicht trennt. Dann bleibt die Neugier auf das, was Schule sein kann. Leon darf schon in die Schule, hat aber Angst. Leonie würde gern, darf aber noch nicht, wegen eines angeblichen Sprachfehlers, den sie sich aber nur vom Vater abgeguckt hat. Reffert arbeitet mit dem uralten Trick der Verwechslungskomödie, denn natürlich tauschen die Zwillinge ihre Rollen und erleben so, dass beides seine Vor- und Nachteile hat: Zur Schule gehen genauso, wie das Warten auf die angebliche Schulreife.

Schickt die Kinder nicht zum Amtsarzt, sondern ins Theater

Regisseur Jörg Schwahlen hat das Stück mit viel Gefühl für die richtigen Tempowechsel, Charaktere, gut gesetzten Pointen und liebevollen Details inszeniert. Auf der Bühne wechseln Leon und Leonie zwischen Zuhause und Schule genauso wie zwischen ihren widerstreitenden Gefühlen. Und Mia wechselte in der ersten Reihe mit: Beim Schulhofstreit hielt sie sich die Ohren zu, sie schüttelte den Kopf über die Eltern (in famoser Doppelrolle als Vater und Mutter Roland Wolf), weil die gar nicht merken, dass sie selbst oft das größere Problem sind als die Kinder. Mia fieberte mit beim Krach zwischen Jungen und Mädchen und der Suche nach Freundschaft und lachte mit bei den vielen feinen Dialogen.

Am Ende tobte der Saal und Mia klatschte und trampelte, weil dieses Theater das bietet, was schon die Griechen vom guten Drama erwarteten: Die Katharsis beim Zuschauer, die Reinigung, Erlösung am Ende bei sich selbst, indem man mit den Schauspielern durch die streitenden inneren Konflikte geht. Kinder vor der Einschulung jedenfalls sollte man nicht zum Amtsarzt schicken, sondern ins Grips-Theater.

Als ich Mia nach der Vorstellung fragte, wen sie denn nun besser verstehen konnte, Leon oder Leonie, lautete ihre Antwort: "Ich glaube, ich bin beide."

"Und glaubst Du, wir haben morgen im Klassenzimmer wieder ein Drama?"

"Nein. Vielleicht ein bisschen."

Pause.

"Jedenfalls nicht, wenn Du heute abend, noch eine Geschichte erzählst." Denn sie liebt ja beides: Geschichten. Und das Drama.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Für mich war die Schule immer ein Albtraum,
vantast64 27.09.2012
dem ich leider nicht entkommen konnte. Habe die anderen beneidet, die mit dieser Zwangsinstitution keine Probleme hatten. Mit meinen 70 Jahren fürchte ich immer noch die Behörden und ihre Knüppel, die Polizei. Bei meiner Scheidung drohte mir sogar die Krankenkasse mit dem Zoll, weil ich die Versicherung meiner Frau nicht mehr bezahlen konnte, weil das Bochumer Amtsgericht einen horrenden Unterhalt festgelegt hatte. Der Staat ist nur eine vergößerte Ansammlung von Schulhof-Rüpeln.
2. Einschulung mit 6,7 Jahren - lachhaft
zila 27.09.2012
Mein Sproessling ist hier in Kanada mit drei Jahren (okay, 3 3/4) eingeschult worden. Der Schultag geht 5 Tage die Woche von 8:40h bis 15:20h, Mittagspause findet in der Schule statt. Die Zeiten sind hier nichts besonderes. Den Kindern wird intensiv und mit Erfolg lesen, schreiben, rechnen, Sachkunde und Bastelarbeiten beigebracht, Zeit zum singen und spielen gibt's natuerlich auch.
3. Yep.
Blaue Fee 27.09.2012
Kindergarten gehört auch bei uns in Mexiko zur Schulzeit. Einschulung für K I ist mit vollendeten 3 Jahren (bei meiner Tochter also mit 3,5 Jahren) und ja, die Kinder lernen schon im Kindergarten Lesen, Schreiben und ein wenig Rechnen, PC und Sciences (ähnlich Sachkundeunterricht). Unterrichtskernzeit ist von 8:30 bis 14 Uhr, danach gibt es Extracurriculares: Karate, Ballett, Schwimmen, Basteln, Tanz, Deutschunterricht, Fussball, Basketball (ja nach Gusto der Eltern). Die Betreuung geht von 7 bis 19 Uhr. Was da in D gemacht wird, sind nur Peanuts.
4.
_gimli_ 27.09.2012
Zitat von zilaMein Sproessling ist hier in Kanada mit drei Jahren (okay, 3 3/4) eingeschult worden. Der Schultag geht 5 Tage die Woche von 8:40h bis 15:20h, Mittagspause findet in der Schule statt. Die Zeiten sind hier nichts besonderes. Den Kindern wird intensiv und mit Erfolg lesen, schreiben, rechnen, Sachkunde und Bastelarbeiten beigebracht, Zeit zum singen und spielen gibt's natuerlich auch.
Und was wollen Sie uns mit der Überschrift "Einschulung mit 6,7 Jahren - lachhaft" sagen? Mein Sohn wird mit 6,9 (Geburtstag 11.10.) in die Schule gehen, obwohl die Kindergärtnerin meint, er habe das Zeug, ein Jahr früher zu starten. Letzendlich wird er trotzdem 1 Jahr früher als ich in den Beruf starten, weil für ihn die Armeezeit wegfällt. So what? Warum soll ich ihm ein Jahr Kindheit klauen? Ich kenne Kanada übrigens von Berufs wegen sehr gut. Ein Land, das ich sehr schätze, in dem ich mein Kind aber auch erst mit 7 in die Schule schicken würde ...
5. Total genervt
Ylex 27.09.2012
Viele Kinder haben Angst vor der Schule, und sie haben auch keine Lust, ständig zu lernen – bei Säugetieren ist das Spielen die natürliche Art, zu lernen, das sitzt heute noch drin im „kleinen“ Menschen. Man sollte sich vor Augen halten, dass Schule für einen Teil der Kinder einen zivilisatorischen Gewaltakt darstellt, deshalb nicht zu früh damit anfangen, besser mit sieben Jahren als mit sechs. Bildung ist das A und O, klar, aber die Kinder müssen auch ihre natürlichen Bedürfnisse ausreichend ausleben können, sonst entwickeln sie Persönlichkeitsstörungen. Das deutsche Bildungssystem gilt als gut - trotzdem, oder gerade deswegen bringt es Mengen von frustrierten jungen Erwachsenen hervor, nämlich diejenigen, die an ihm scheitern. Was mich anbelangt: Ich hatte nie Lust, zur Schule zu gehen, ob mit oder ohne Theater – ich weiß noch, Weihnachtsmärchen, „Peterchens Mondfahrt“, mit dem Bus in die große Stadt, dolle Sache das – aber ansonsten hat mich der ganze Mist total genervt, besonders die blöden Lehrer.
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