Schulboykott: Baptisten nehmen Kinder aus der Grundschule

In Paderborn weigern sich strenggläubige Eltern einer baptistischen Religionsgemeinschaft, ihre Kinder zur Schule zu schicken, weil dort zu freizügig über Sex gesprochen werde. Nun drohen ihnen Konsequenzen von Bußgeldern über "Zwangsvorführungen" bis zum Entzug des Sorgerechts.

Trotz Ermahnungen und Bußgeldern wehren sich mehrere Elternpaare aus dem Paderborner Raum aus religiösen Gründen hartnäckig dagegen, ihre Kinder zu einer öffentlichen Schule gehen zu lassen. Auch nach den Weihnachtsferien seien 13 Baptisten-Kinder nicht zum Unterricht erschienen, bestätigte am Montag eine Sprecherin des Kreises; inzwischen seinen zwei weitere Schüler hinzugekommen.

Damit spitzt sich ein Konflikt zu, der deutsche Behörden auch anderswo in den letzten Jahren zunehmend beschäftigt. In Paderborn lehnen die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft den Schulbesuch ihrer Kinder bereits seit Monaten ab. Im Dezember hatte der Kreis in sieben Fällen Bußgeldbescheide verhängt. Weil sie ihre Kinder nicht zur Schule schicken, sollten die Erziehungsberechtigten zunächst jeweils 250 Euro zahlen.

Die Eltern berufen sich auf ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit und nehmen Anstoß vor allem am Unterricht in Religion und Sexualkunde. Nach ihrer Auffassung wird in den Grundschulen vor allem zu freizügig über Sex gesprochen; sie wollen ihre Kinder deshalb zu Hause unterrichten und dazu das Lehrmaterial von zwei Fernschulen nutzen.

Diese Fernschulen sind allerdings staatlich nicht anerkannt. Kreis, Bezirksregierung und das nordrhein-westfälische Schulministerium denken nun über Konsequenzen nach. "Laut Gesetz sind die Schulleitungen verpflichtet, in Fällen hartnäckiger Schulverweigerung an die Eltern eine so genannte Verfügung mit Androhung der zwangsweisen Zuführung zu versenden", sagte die Kreissprecherin. "Das würde bedeuten, dass Ordnungsbehörden eingeschaltet und die Kinder von zu Hause aus abgeholt werden müssten, um am Unterricht teilnehmen zu können. Den Eltern droht zudem der Entzug des Sorgerechts."

Immer wieder Konflikte um die Schulpflicht

Nach Angaben der Zeitung "Neue Westfälische" sind die Eltern überwiegend Aussiedler und stammen aus Kasachstan. Sämtliche Eltern hätten gegen die Bußgeldbescheide Widerspruch eingelegt. Der Zeitung zufolge berichten einzelne Pädagogen der betroffenen Schulen über "unhaltbare Zustände": Immer wieder sei es im Unterricht zu schweren Konflikten gekommen, weil fundamentalistisch eingestellte Eltern ihren Kindern zum Beispiel die Teilnehme an Tanz- und Entspannungsübungen oder an Theater- und Puppenspielen verboten hätten.

"Zwölf Stämme": Protest gegen Verhaftung von Eltern"
DPA

"Zwölf Stämme": Protest gegen Verhaftung von Eltern"

Der Kreis setzt offenbar auf einen konsequenten Kurs gegen den Schulboykott. Das Land will aber erst einmal einen Integrationsbeauftragten zur Vermittlung einschalten. "Zwangsmaßnahmen kommen erst dann in Frage, wenn alle Gespräche gescheitert sind", sagte eine Sprecherin des Schulministeriums.

Die Schulpflicht ist in Deutschland gesetzlich eindeutig geregelt. Dennoch kommt es immer wieder zu heftigen Konflikten - etwa wenn Eltern muslimischer Schüler sich gegen die Teilnahme an Sexualkunde, Sportunterricht oder auch an Klassenfahrten wehren. Dabei geht es allerdings um einzelne Fächer, nicht um den Schulbesuch schlechthin. Dagegen rebellieren teils Anhänger von staatlich nicht anerkannten Alternativschulen, teils fundamental-christliche Eltern.

Die Fälle von Schulverweigerung aus weltanschaulichen Gründen häuften sich in den letzten Monaten und Jahren. In Hessen beispielsweise prozessierte die bibelfromme Familie Bauer vergeblich für das Recht auf Heimunterricht. Und in Bayern sorgten die "Zwölf Stämme" für Furore, die sich beharrlich weigern, ihre Kinder in eine staatliche Schule zu schicken - und bisher allen staatlichen Zwangsmaßnahmen inklusive Haft für die Eltern trotzen.

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