Schulboykott: Mit harten Bandagen gegen Verweigerer

In Ostwestfalen eskaliert der Konflikt um die Schulpflicht. Eine Baptistin sitzt hinter Gittern, weil sie Bußgelder nicht zahlte und ihre Kinder nicht zu einer Theateraufführung gehen ließ - das Märchen "König Drosselbart" sei ein "Werk des Teufels". Die Behörden drohen strenggläubigen Eltern gar mit Entzug des Sorgerechts.

In der Region Ostwestfalen-Lippe weigern sich seit vielen Monaten etliche Eltern aus religiösen Gründen, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Inzwischen greifen die Behörden zu harten Maßnahmen, um die Schulpflicht durchzusetzen. So verbüßt eine 55-jährige Frau aus dem Ort Schloß-Holte Stukenbrok seit Mittwoch eine sechstägige Haftstrafe in einer Bielefelder Justizvollzugsanstalt.

Die Eltern gehören einer Baptistengemeinde an und hatten ihren Kindern im Grundschulalter den Besuch einer Schultheater-Aufführung verboten - nach Auffassung der strenggläubigen Eltern handelt es sich beim Märchenstück "König Drosselbart" um ein "Werk des Teufels". Im anschließenden Bußgeldverfahren hatten sie Einspruchsfristen missachtet und weigerten sich, Bußgelder zu zahlen.

Deshalb wurde die Mutter in Erzwingungshaft genommen. Anschließend soll ihr Mann ebenfalls inhaftiert werden, wie der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) - ein Urenkel von Konrad Adenauer - mitteilte. Mit seiner Anweisung, vorerst nur ein Elternteil festzunehmen, soll die Versorgung der Kinder sichergestellt bleiben. Adenauer zufolge soll das Ehepaar, bei dem es sich um Russlanddeutsche handelt, zudem andere Schüler eingeschüchtert und mit okkulten Anspielungen verängstigt haben. So soll das Paar den Unterricht an der Schule als "Hexenunterricht" diffamiert haben.

Haftbefehl kein Einzelfall

Erzwingungshaft droht auch einer weiteren Mutter aus dem Kreis Gütersloh. Sie gehört ebenfalls der Baptistengemeinde an, hatte ihrem Kind einen Theaterbesuch untersagt und sich geweigert, die verhängte Geldbuße zu zahlen. Der Haftbefehl sollte am Mittwoch vollstreckt werden, wurde aber ausgesetzt, weil die 43-Jährige nach eigenen Angaben noch ein 16 Monate altes Kind stillt.

Im Nordosten des Landes Nordrhein-Westfalen gibt es noch einige weitere Fälle von Schulboykott aus religiösen Gründen. So halten im Kreis Paderborn sieben Familien, überwiegend deutschstämmige Aussiedler aus Kasachstan, ihre insgesamt 15 Kinder von der Grundschule fern. Die Eltern berufen sich auf ihre Glaubens- und Gewissensfreiheit und nehmen Anstoß vor allem am Unterricht in Religion und Sexualkunde. Nach ihrer Auffassung wird in den Grundschulen vor allem zu freizügig über Sex gesprochen; sie wollen ihre Kinder deshalb zu Hause unterrichten und dazu das Lehrmaterial von zwei Fernschulen nutzen.

Auch Ermahnungen und Bußgelder konnten die streng religiösen Eltern nicht umstimmen. Noch im Februar zeichnete sich eine leichte Entspannung ab: Die Eltern schienen die Schulpflicht nicht mehr rundweg abzulehnen und dachten über die Gründung einer Privatschule nach. Doch nun ist der schwelende Streit erneut aufgeflammt, die NRW-Behörden wollen entschlossen durchgreifen. Auch im Kreis Paderborn dürften Anfang Mai die ersten Verhaftungen von Eltern anstehen, falls sie ihre Kinder weiter nicht in öffentliche Schulen gehen lassen und auch die Zahlung von Zwangs- und Bußgeldern verweigern. Einem Elternpaar droht sogar ein Verfahren um Sorgerechts-Entzug, wie ein Gerichtssprecher am Donnerstag nach einem Bericht der Zeitung "Neue Westfälische" bestätigte.

Der kleine Religions- und Schulkrieg in Ostwestfalen hat noch eine andere Facette - die Eltern dort agieren offenbar nicht allein, sondern finden Unterstützung von bundesweiten Organisationen, die sich wiederum am "Home-Schooling" in anderen Ländern, vor allem in den USA, orientieren. So forderte Manfred Müller, Landrat des Kreises Paderborn, die Eltern auf, sich von "externen Beratern" zu trennen. Müller kündigte an, im Schulstreit alle Rechtsmittel auszuschöpfen - die Schulpflicht sei eine staatbürgerliche Pflicht, die nicht ver- oder ausgehandelt werden könne.

Anzeige wegen Hochverrat

Zuvor hatte Müller Strafanzeige gegen Helmut Stücher gestellt, den Leiter der Philadelphia-Schule, eines staatlich nicht anerkannten christlichen Heimschulwerkes in Siegen. Der Grund ist ziemlich ungewöhnlich: Der Landrat wirft Stücher Hochverrat und Volksverhetzung vor. In einem Brief an die Behörden schrieb Stücher unter anderem, die Baptisten hätten "mit ihren zigtausend Kindern das Potenzial, Deutschland über Nacht in einen totalitären Unrechtsstaat zu verwandeln". Darum muss sich jetzt der Generalbundesanwalt in Karlsruhe kümmern.

Im Internet verbreitet die Philadelphia-Schule eine Reihe von Stellungnahmen zur Schulpflicht schlechthin und auch speziell zum Konflikt in Ostwestfalen. "Gewöhne einen Knaben frühe an seinen Weg, dann lässt er auch nicht davon, wenn er alt ist", steht über der Homepage.

Helmut Stücher und seine Mitstreiter schlagen dort scharfe Töne an: Dem Staat werfen sie ein "sozialistisch verändertes und entchristliches Schulsystem" vor, dazu "Brachialgewalt", "frivole Sexualerziehung" und immer wieder auch angebliche Parallelen zur Nazizeit ("Wir haben tatsächlich wieder eine Verfolgungssituation wie vor 60 Jahren") - ein streckenweise nur mit Mühe verständliches Gemisch aus christlichem Fundamentalismus und Verweisen auf den Hausunterricht in anderen Ländern, kruden historischen Vergleichen und Bibelzitaten.

Von Christian Werner und Jochen Leffers

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