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Schule für junge Flüchtlinge: "Die Leute sind wie meine Familie"

Von Felix Scheidl und Bettina Dobe

Sie sind ohne ihre Familie vor Krieg und Verfolgung geflohen - und lernen nun für einen Schulabschluss. In München kümmert sich eine besondere Schule um junge Flüchtlinge. In zwei Jahren schafft es hier mancher vom ersten deutschen Wort bis zum ersten Schulerfolg im Leben.

Münchner Flüchtlingsschule: Sicherheit im Klassenzimmer Fotos
Felix Scheidl

Victor Chukwuma, 19, hat sich schick gemacht: blaues Hemd, schwarze Nadelstreifenhose. Goldene Manschettenknöpfe blitzen an seinen Handgelenken. Victor hat gerade seine erste Prüfung zum Hauptschulabschluss geschrieben und strahlt: "Es ist ein besonderer Tag für mich, endlich kann ich meine Leistung zeigen", sagt er.

Dass er seinen Schulabschluss macht, hat er auch der "SchlaU"-Schule in München zu verdanken. "SchlaU" steht für Schulanalogen Unterricht: Hier werden Flüchtlinge, die wie Victor Chukwuma ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind, in zwei bis drei Jahren zum Hauptschulabschluss geführt. Als er vor zweieinhalb Jahren aus Nigeria floh, konnte er kein Wort Deutsch. Jetzt spricht er fließend, mit etwas afrikanischer Melodie in der Stimme und wenigen Artikelfehlern.

Victors Geschichte ist typisch für die fast 200 Flüchtlingsschüler hier: Er hat seine Eltern nie kennengelernt, er wuchs bei einer Gastfamilie auf. "Für eine Schule hatten wir kaum Geld und es war unmöglich, einen Job zu bekommen", sagt er. Zur Armut kam die Angst: Victor ist gläubiger Christ und in seiner Heimat werden Christen in einigen Landesteilen brutal verfolgt. Ein Freund erzählte ihm kürzlich am Telefon, Räuber hätten in seinem Heimatland einen Bus überfallen und anschließend dem Fahrer befohlen, mit dem Bus die christlichen Passagiere zu überfahren.

Victor Chukwuma sparte lange jeden Cent und sammelte Geld bei Bekannten, bis er sich einen Flug nach München leisten konnte. Heute wohnt er in einem Jugendheim. "Hier in Deutschland gibt es Sicherheit", sagt er. Viele Flüchtlinge nehmen dafür in Kauf, dass sie in Bettenlagern übernachten und von Essenspaketen und wenigen Euro am Tag leben müssen. Einige können nicht einmal lesen und schreiben, wenn sie in Deutschland ankommen.

"Man muss ihnen sagen, dass sie etwas können"

In einem der Klassenzimmer bringt Marina Ayrapetyan ihren Schülern Deutsch bei. Die Armenierin kam vor sechs Jahren nach Deutschland und sie versteht gut, wenn ihre Siebtklässler die Sprache schwer finden. Die Schüler lesen einen Text und sprechen leise mit ihren Banknachbarn. "Was bedeutet der erste Satz?", fragt Ayrapetyan. Die Schüler melden sich nur zaghaft. Auf den Schulbänken liegen dicke Wörterbücher: "Somali-Deutsch" oder "Persisch-Deutsch". Doch die Wörterbücher bleiben heute geschlossen: Die Schüler sollen zeigen, dass sie den Text auch ohne Hilfe verstehen.

Manche Schüler wirken sehr schüchtern und melden sich kaum. Sie besuchen zum ersten Mal regelmäßig eine Schule, einige waren Kindersoldaten und mussten unter Drogeneinfluss Menschen töten. Kein Wunder also, dass manche Schüler Fremden gegenüber misstrauisch sind. Die Erinnerung, verfolgt und unterdrückt zu sein, verblasst nicht so schnell.

In der Pause sitzen die Schüler auf alten Stoffsofas auf dem Gang der Schule. An den Wänden hängen Bilder von Ehemaligen und ihren Erfolgen: Lehre, Job oder sogar Studium. Die Bilder sollen motivieren. Das will auch Schulleiter Michael Stenger, 53, der seine Schützlinge oft lobt. "Man muss ihnen sagen, dass sie etwas können", sagt er. Die Schüler müssten spüren, dass sich jemand um sie kümmert, denn auch wenn sie als Flüchtlinge in Deutschland angekommen sind, leben sie permanent zwischen Ausbildung und Abschiebung.

Schulleiter Stenger hat Erfahrung mit Flüchtlingen, er arbeitete für die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl und den Bayerischen Flüchtlingsrat. Früher hatte er eine Sprachenschule, die neben Erwachsenen auch viele junge Flüchtlinge besuchten, die alleine eingereist waren. "Als ich merkte, dass Schüler mit einer Aussicht auf einen Beruf viel weiter kommen, wurde mir klar: Wir müssen eine Perspektive schaffen", sagt Stenger.

So kam er vor zwölf Jahren auf die Idee, einen Unterricht zu entwickeln, der auf einen regulären Schulabschluss abzielt. Seine Schule bekommt Geld von Privatleuten, Stiftungen, der Stadt München und vom bayerischen Staat. Der Unterricht ist für die Flüchtlinge kostenlos. Seit 2005 können seine Schüler den Hauptschulabschluss an normalen Münchner Schulen ablegen.

Vom jugendlichen Flüchtling zum Logistik-Azubi

Nicht immer läuft alles glatt: Manche brechen ab oder fliegen von der Schule. Diejenigen, die durchhalten, werden oft über Praktika in eine Ausbildung oder auf eine weiterführende Schule vermittelt. Einige machten sogar das Abi und studieren mittlerweile.

"In der Ausbildung haben wir eine Nachbetreuung eingerichtet", sagt Stenger. Das sei wichtig, denn das persönliche Schicksal der Flüchtlinge hole sie immer wieder ein, zum Beispiel wenn sie in den Nachrichten oder am Telefon von Gewalt, Mord und Verfolgung aus ihrer Heimat erfahren.

Am Ende der Schulpause muss Stenger eine Streit schlichten. Zwei Mädchen zanken lautstark. "Sie spricht schlecht darüber, dass ich schwanger bin", sagt eine afrikanische Schülerin und deutet auf eine Mitschülerin aus Afghanistan, die Kopftuch und einen weiten Pulli trägt. Stenger stellt sich dazwischen: "Ich dulde hier keinen Streit. Da müssen wir uns nachher mit den Sozialpädagogen zusammensetzen und das klären." Stenger weiß: Zank artet an seiner Schule schnell in rassistische Beleidigungen aus. Kurze Zeit später ist der Sozialpädagoge da und holt sich die Mädchen für ein persönliches Gespräch.

Die Schüler wissen den Einsatz zu schätzen. "Ohne die Hilfe beim Deutschlernen, beim Bewerbungen schreiben und ohne die Motivation und die strengen Worte hätte ich das nie geschafft", sagt Victor Chukwuma. "Die Leute sind wie meine Familie." Im Herbst beginnt seine Ausbildung bei einem großen Logistikunternehmen. Ob er den Hauptschulabschluss geschafft hat, steht zwar noch nicht fest, aber den Ausbildungsplatz hat er sicher. "Eigentlich nehmen sie dort nur Realschüler. Aber bei mir haben sie eine Ausnahme gemacht."

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1.
neu_ab 25.06.2012
Zitat von sysopFelix ScheidlSie sind ohne ihre Familie vor Krieg und Verfolgung geflohen - und lernen nun für einen Schulabschluss. In München kümmert sich eine besondere Schule um junge Flüchtlinge. In zwei Jahren schafft es hier mancher vom ersten deutschen Wort bis zum ersten Schulerfolg im Leben. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,838349,00.html
Sicher, daß da nicht viele, wenn nicht grösstenteils Wirtschaftsflüchtlinge dabei sind? Aber ich finde es positiv, daß sie eine Schule besuchen & es nicht so machen wie viele der "Kriegsflüchtlinge", die an den Hamburger Bahnhöfen "Kügelchen" verkaufen.
2.
alafesh 25.06.2012
Zitat von neu_abSicher, daß da nicht viele, wenn nicht grösstenteils Wirtschaftsflüchtlinge dabei sind? Aber ich finde es positiv, daß sie eine Schule besuchen & es nicht so machen wie viele der "Kriegsflüchtlinge", die an den Hamburger Bahnhöfen "Kügelchen" verkaufen.
Was ist "Wirtschaftsflüchtling" anderes als ein hohles Wort, das zur Stimmungsmache erfunden wurde und bis heute wirksam ist. Streng genommen sind das dann ja nun die Griechen und Spanier, die vor der zusammenbrechendne WIRTSCHAFT u.a. nach Deutschland FLÜCHTEN. Kriegsflüchtlinge in Anführungszeichen zu setzen, kann auch nur jemandem passieren, der das Wortkonstrukt "Wirtschaftsflüchtling" so artig geschluckt hat.
3. Krieg oder Wirtschaft?
muscote 25.06.2012
Zitat von neu_abSicher, daß da nicht viele, wenn nicht grösstenteils Wirtschaftsflüchtlinge dabei sind? Aber ich finde es positiv, daß sie eine Schule besuchen & es nicht so machen wie viele der "Kriegsflüchtlinge", die an den Hamburger Bahnhöfen "Kügelchen" verkaufen.
Wie soll man immer und fehlerfrei Wirtschafts- von Kriegsflüchtlingen ( um nur diese beiden, von ihnen zitierten Differenzierungen zu nennen) unterscheiden können? Beispiel: Aus einem anderen Teil eines Landes oder aus dem Nachbarland fliehen zigtausend Menschen wegen eines Krieges und siedeln sich dauerhaft an, in Flüchtlingslagern und in den Dörfern und Städten. Für manche Menschen in den aufnehmenden Gebieten wird die wirtschaftliche Lage dadurch so schwierig, dass einige von ihnen den Weg nach Europa suchen und teilweise auch dort ankommen. Sind das Wirtschafts- oder Kriegsflüchtlinge? Und ist diese Unterscheidung immer wichtig? Beispiel: Europäische und andere große Fischfangflotten fischen gerne und viel auch vor Südamerika und Afrika. Westafrikanischen Fischern wird dadurch die Lebensgrundlage entzogen. Aus diesen Gegenden ziehen Menschen, da sie in ihrer Heimat keine Hoffnung auf ein Auskommen haben, nach Europa. Wieso ist das illegitim, wenn wir konkret diesen Menschen mit unseren Handlungen die Lebensgrundlage nehmen? Noch eines: Unsere Bündnispartner und in letzter Zeit auch wir führen immer wieder Kriege in allen möglichen Weltgegenden und destabilisieren diese oft dadurch. Diese Destabilisation verursacht kurz-, mittel- und manchmal auch langfristig Flüchtlinge, von denen es manche in die reichen Weltregionen schaffen. Sind das Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtlinge? Grüße m
4. Mit den Argumenten...
thiotrix 25.06.2012
... von Victor Chukwuma könnte mindestens die Hälfe aller Nigerianer nach Deutschland kommen: "Für eine Schule hatten wir kaum Geld und es war unmöglich, einen Job zu bekommen", sagt er. Zur Armut kam die Angst: Victor ist gläubiger Christ und in seiner Heimat werden Christen in einigen Landesteilen brutal verfolgt – Ende des Zitats aus dem Bericht. Wenn Christen in Teilen von Nigeria verfolgt werden, hätte er sich eben in einem Landesteil niederlassen müssen, der mehrheitlich von Christen bewohnt ist. Wie konnte er überhaupt nach Deutschland kommen? Das mit Abstand größte Problem in Nigeria ist das rapide Bevölkerungswachstum. 1971, also vor gut 40 Jahren, lebten 56,5 Millionen Menschen dort, heute mindestens 140 Millionen und in 40 Jahren werden es wohl bald 300 Millionen Menschen sein. Nennenswerte Maßnahmen zur Familienplanung gibt es nicht. Wie viele Menschen soll unser Land aufnehmen? Wir brauchen eine konsequente Abschiebepolitik, damit offenkundige Wirtschaftsflüchtlinge schnellstmöglich in ihre Heimat zurückgeschickt werden können. PS. Wie viele Millionen Euro Entwicklungshilfe zahlt unser Land eigentlich jedes Jahr an Nigeria? Die Zahlung von Hilfsgeldern sollte grundsätzlich mit der Verpflichtung zur Rücknahme von Wirtschaftflüchtlingen verknüpft werden!
5.
alafesh 26.06.2012
Zitat von thiotrix... von Victor Chukwuma könnte mindestens die Hälfe aller Nigerianer nach Deutschland kommen: "Für eine Schule hatten wir kaum Geld und es war unmöglich, einen Job zu bekommen", sagt er. Zur Armut kam die Angst: Victor ist gläubiger Christ und in seiner Heimat werden Christen in einigen Landesteilen brutal verfolgt – Ende des Zitats aus dem Bericht. Wenn Christen in Teilen von Nigeria verfolgt werden, hätte er sich eben in einem Landesteil niederlassen müssen, der mehrheitlich von Christen bewohnt ist. Wie konnte er überhaupt nach Deutschland kommen? Das mit Abstand größte Problem in Nigeria ist das rapide Bevölkerungswachstum. 1971, also vor gut 40 Jahren, lebten 56,5 Millionen Menschen dort, heute mindestens 140 Millionen und in 40 Jahren werden es wohl bald 300 Millionen Menschen sein. Nennenswerte Maßnahmen zur Familienplanung gibt es nicht. Wie viele Menschen soll unser Land aufnehmen? Wir brauchen eine konsequente Abschiebepolitik, damit offenkundige Wirtschaftsflüchtlinge schnellstmöglich in ihre Heimat zurückgeschickt werden können. PS. Wie viele Millionen Euro Entwicklungshilfe zahlt unser Land eigentlich jedes Jahr an Nigeria? Die Zahlung von Hilfsgeldern sollte grundsätzlich mit der Verpflichtung zur Rücknahme von Wirtschaftflüchtlingen verknüpft werden!
Die Zahlung von Hilsgeldern ist bereits an Bedingungen geknüpft. Sie wird nur dann gewährt, wenn für jeden Euro mindestens 2,5 Euro zurückkommen (Zinsen, Knebelverträge, Fischereirechte über 400 Jahre,...) Menschen so offen als Verhandlungsmasse zu betrachten, ist in der Flüchtlingsfrage selbst unseren Politikern zu viel. (Es "rechnet2 sich auch nicht so gut)
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