Streit ums Schulessen: Geiz macht krank

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Tausende kranke Kinder in fünf Bundesländern: Noch ist nicht klar, was hinter der heftigen Durchfallepidemie steckt. Im Verdacht steht das Essen in den betroffenen Kitas und Schulen. Der Fall befeuert die Debatte um billige Großküchen-Nahrung. Was läuft schief in deutschen Schulmensen?

Mittagspause in einer Grundschule (Archiv): Wie gut ist das Essen an Schulen und Kitas? Zur Großansicht
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Mittagspause in einer Grundschule (Archiv): Wie gut ist das Essen an Schulen und Kitas?

Ausgewogen soll es sein, nicht zu fett, dafür aber möglichst frisch zubereitet und am besten noch bio. Nur kosten soll das Essen an Schulen und Kitas so gut wie nichts. 50 Cent, so viel bleibt etwa in Berlin für den Einkauf der Ware pro Schüler und Mahlzeit, wenn alle anderen Kosten abgezogen sind. Für 50 Cent sollen Catering-Firmen den Kindern ein vernünftiges Mittagessen anbieten - was kaum zu leisten ist. Das zeigte kürzlich eine Studie: Das Essen ist zu billig, um gut zu sein.

Es war der Anstoß für eine große Debatte in der Hauptstadt. Eltern forderten mehr Geld, mehr Kontrollen, mehr Qualität; Bildungspolitiker versprachen eine offene Debatte und Verbesserungen; Caterer hatten bereits zuvor Ausschreibungen boykottiert, um zu protestieren.

Jetzt befeuert die Durchfall-Epidemie in mittlerweile fünf Bundesländern den Streit erneut. Zwar ist die Ursache für die vielen Krankheitsfälle noch unklar, doch schnell geriet das Schulessen in Verdacht: Viele der betroffenen Kitas und Schulen wurden vom selben Unternehmen beliefert. "Deshalb weist alles auf einen lebensmittelbedingten Ausbruch hin", sagte eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts.

Eine der größten Magen-Darm-Erkrankungswellen der letzten Jahre

Doch noch prüfen Behörden und Wissenschaftler, ob es diesen Zusammenhang wirklich gibt. Unklar ist bislang auch, ob Noroviren, Salmonellen oder gar natürliche Gifte Auslöser für eine der bundesweit größten Magen-Darm-Erkrankungswellen der vergangenen Jahre waren.

Vorsichtshalber hat die Berliner Bildungsverwaltung empfohlen, Lieferungen des Catering-Unternehmens vorerst nicht an Kinder auszugeben. Die Firma wiederum vermutet die Ursache woanders, sie teilte mit: "Aus ein und derselben Küche hat das gleiche Essen aus den gleichen Produktionsprozessen bis zu 80 Schulen und Kitas erreicht. Nur in vier Einrichtungen kam es nach unserem Kenntnisstand zu Erkrankungen."

Unabhängig von der Epidemie zeigen sich die vielen Probleme, die es beim Schulessen gibt - und die seit dem Trend zur Ganztagsschule noch einmal drängender geworden sind:

  • Wegen des Preisdrucks entscheiden sich Schulträger oft für den günstigsten Anbieter - und der liefert nicht unbedingt das beste Essen. Denn er versucht die geringen Margen durch Masse auszugleichen. Eltern und Politiker fordern deshalb, nicht der Preis sondern die Qualität solle zum Auswahlkriterium werden.
  • Wer in wenigen Großküchen kocht und das Essen dann durch die ganze Stadt oder Region karrt, hat zwangsläufig lange Warmhaltezeiten. Bei den Kindern kommt dann ein Mahlzeiten-Matsch mit wenig Nährstoffen an. Verbraucherschützer empfehlen deshalb eher kleine und regionale Anbieter.
  • Die Tristesse auf den Tellern wiederum trägt nicht gerade dazu bei, das schlechte Image des Schulessens bei den Kunden, also den Kindern, zu verbessern. Bereits vor Monaten hatte der SPIEGEL berichtet, dass trotz des ausgebauten Essensangebotes nur 15 Prozent der Schüler regelmäßig in der Mensa essen. Das Deutsche Netzwerk Schulverpflegung hatte beklagt, dass nur in gebundenen Ganztagsschulen "respektable Umsatzgrößen" erreicht würden. An Schulen mit sporadischem Nachmittagsunterricht oder mit freiwilliger Ganztagsbetreuung konstatierten die Experten eine "Mensaflucht" insbesondere älterer Schüler. Diese favorisierten "benachbarte Döner- und Bäckerläden", selbst wenn sie dort mehr bezahlen müssten.
  • Selbst wenn Schulen und Kitas ihr Essen vor Ort zubereiten lassen wollten - oft können sie es gar nicht. In Berlin etwa gibt es meist nur noch Ausgabestellen, keine richtigen Küchen mehr. Es fehlen Räume und Ausrüstung.
  • Beim wem bestellen? Der Berliner Landeselternausschuss kritisiert, dass jeder Bezirk seine Catering-Aufträge europaweit ausschreiben lassen müsse. Die Eltern wünschen sich, dass man sich zum Beispiel an Hamburg orientiert: Dort lässt die Schulbehörde Lieferanten zertifizieren - und die Schulen wählen sich dann aus einer Liste einen Caterer aus, von dem sie annehmen können, dass er bestimmte Qualitätsstandards einhält.

Natürlich ist auch bei gutem und teurem Schulessen nicht ausgeschlossen, dass Krankheitserreger auftauchen. Zumal die Kontrollmöglichkeiten begrenzt sind bei all den Schulen, Kitas und Jugendeinrichtungen in Deutschland. Ein Experte der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene wies darauf hin, dass Kontrollen nicht alles abfangen können. Auch wenn alles in Ordnung scheint, könne es am nächsten Tag Verunreinigungen geben.

Unstrittig ist allerdings: Schlechte Ernährung schadet der Gesundheit. Selbst wenn also das Schulessen nicht die Ursache der Durchfall-Epidemie sein sollte, macht Geiz beim Essen die Kinder auf Dauer krank.

Mit Material von dpa und dapd

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insgesamt 125 Beiträge
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1. Wider die Ungleichheit!
PeterShaw 28.09.2012
Wenn wir also lediglich 50 Cent für ein Schülermittagessen ausgeben wollen, dann müssen wir auch darauf achten, dass es ausschließlich verpflichtende Ganztagsschulen gibt, damit niemand zu Hause gut essen kann.
2. Hm...!
kone 28.09.2012
Zitat von sysopdapdTausende kranke Kinder in fünf Bundesländern: Noch ist nicht klar, was hinter der heftigen Durchfallepidemie steckt. Im Verdacht steht das Essen in den betroffenen Kitas und Schulen. Der Fall befeuert die Debatte um billige Großküchen-Nahrung. Was läuft schief in deutschen Schulmesen? http://www.spiegel.de/schulspiegel/schulessen-ernaehrung-von-kindern-ist-oft-schlecht-a-858607.html
Noch gibt es ja keine tragfähigen Beweise ! Allerdings bleibt schon jetzt zu konstatieren, daß es sich auch hier wieder um ein typisches Beispiel dafür handeln könnte, daß der rein marktwirtschaftliche Wettbewerb eben keineswegs alles - mit unsichtbarer Hand ! - zum Besten aller regelt! Jedem, der bis drei zählen kann, wird klar sein, daß es gerade auch beim "Markt für Schulessen" nicht um Kreativität und Innovation, sondern um schnöde Kostendrückerei geht. Das billigste Angebot, mit dem schönsten Werbeflyer bekommt letztlich den Zuschlag ! So könnten nun tausende Schulkinder Opfer eines irrwitzigen, nur von Profitgier getriebenen Wettbewerbs geworden sein. Man darf gespannt sein, wie sich die Verfechter der reinen Marktlehre, unsere neoliberalen Sektierer, nun wieder herausreden werden.
3. Vielleicht mal selber Mittagessen mitgeben?
honesty2012 28.09.2012
Ich frage mich warum alle Kinder immer in der Kantine essen muessen. Man muss sich doch mal mit gesundem Menschenverstand den Wochenplan der Anbieter ansehen und dann selber eine Lunch-Box fuer die Kinder machen koennen. Meine Kinder duerfen nur einmal in der Woche in der Kantine essen. Fuer die gesunde Ernaehrung bin ich als Mutter selber verantwortlich und nicht irgendwelche Kantinen Anbieter Ach ja und ich habe drei Kinder und arbeite vollzeit-Mann ist Wochenend-Pendler.
4.
fagus 28.09.2012
Zitat von sysopdapdTausende kranke Kinder in fünf Bundesländern: Noch ist nicht klar, was hinter der heftigen Durchfallepidemie steckt. Im Verdacht steht das Essen in den betroffenen Kitas und Schulen. Der Fall befeuert die Debatte um billige Großküchen-Nahrung. Was läuft schief in deutschen Schulmesen? http://www.spiegel.de/schulspiegel/schulessen-ernaehrung-von-kindern-ist-oft-schlecht-a-858607.html
Frisch gekochtes Schulessen, in der Schule hergestellt und ausgeteilt, und das möglichst kostenlos. DAS wäre ein Investition in Bildung für die Politdarsteller, die sich doch immer ach so einig sind, daß Bildung das höchste Gut und die einzige Chance ist. Aber ist ja ega, wird genausowenig kommen wie kleinere Schulen, kleinere Klassen, mehr Leherer und bessere Nachmittagsangebote. Man kann die Zeit halt nicht zurückdrehen.
5. Da weiss man...
CobCom 28.09.2012
...im Rückblick immer mehr zu schätzen, dass man zu großen Teilen seiner eigenen Schulzeit zu Hause Mittagessen bekommen hat. Und das es eben nicht die Selbstverständlichkeit war, als die man es damals in seiner eigenen kleinen Welt verstanden hat. Und dass man saudankbar dafür zu sein hat. Andererseits: Für 50 Cent Wareneinsatz geht ja praktisch nur Abfall oder völlige Monotonie. Simple Brennstoffversorgung zur Aufrechterhaltung der Elementarfunktionen... wie im Stall. Kann man nicht das Schüleressen den Kultusbehörden als Zwangsverpflegung verordnen...?
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