Schulpflicht: Sieben bibeltreue Väter müssen ins Gefängnis

Seit Jahren weigern sich Eltern der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" in Bayern, ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken. Deshalb müssen sieben der bibeltreuen Väter jetzt eine Haftstrafe antreten.

Für die Behörden ist es ein Kreuz mit den starrsinnigen Eltern, für die Mitglieder der "Zwölf Stämme" indes eine Frage des Gewissens. Seit Jahren schon lehnen Eltern der Religionsgemeinschaft "Zwölf Stämme" im nordschwäbischen Klosterzimmern es ab, ihre schulpflichtigen Kinder in eine staatlich anerkannte Schule gehen zu lassen. Mehrfach wurden ihnen Buß- und Zwangsgelder aufgebrummt, die sich inzwischen zu einer sechsstellige Summe auftürmen - doch die bibeltreuen Sektenmitglieder zahlten nicht. Jetzt müssen einige Eltern erstmals ins Gefängnis und sollen am 15. Oktober in der Augsburger Justizvollzugsanstalt erscheinen.

Gut Klosterzimmern: Bewohnt von Schulboykotteuren
DPA

Gut Klosterzimmern: Bewohnt von Schulboykotteuren

Wie die Staatsanwaltschaft Augsburg am Freitag bestätigte, wurde gegen sieben Familienväter Erzwingungshaft angeordnet und soll kommende Woche erstmals vollstreckt werden. Die Strafe beträgt zwischen 6 und 16 Tagen. Anschließend sollen einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" auch sechs Mütter eine Haftstrafe antreten. "Wir vollstrecken immer nur gegen ein Elternteil, damit der Erziehungsauftrag gewährleistet werden kann", sagte der Augsburger Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Kolb.

Die bibeltreue Gemeinde lebt auf einem ehemaligen Klostergelände in Klosterzimmern. Beseelt von der Tradition der Ur-Christen erwartet sie bald nach der Vereinigung der Zwölf Stämme den Countdown für das Ende der Welt, eine Apokalypse mit Feuer und Flut. Auch bei der Weigerung, die Schulpflicht zu erfüllen, beruft sich die Sekte auf eine "urchristliche Überzeugung". Bereits vor zwei Jahren kam es zu einem Prozess: Das Verwaltungsgericht entschied, dass der von den Eltern propagierte Heimunterricht dem staatlichen Bildungsauftrag widerspreche.

Für Gerichtsvollzieher nichts zu holen

Nach dem "Gottesgebot" wolle sie die damals 17 Kinder "nach der Bibel erziehen und von der Welt unbefleckt halten", argumentierte die Sekte. Dagegen verstoße unter anderem, dass an staatlichen Schulen die Evolutionslehre und nicht die "reine Schöpfungslehre" unterrichtet werde. Von dieser Haltung ließen die Mitglieder sich auch nicht durch Buß- und Zwangsgelder abbringen.

"Zwölf Stämme" (2002): Unterricht durch eine Glaubensgenossin
DPA

"Zwölf Stämme" (2002): Unterricht durch eine Glaubensgenossin

Laut "Süddeutscher Zeitung" hat das Landratsamt Donau-Ries nun 36 weitere Bußgeldbescheide in Höhe von 14.000 Euro erlassen, und am 11. November stehen in Nördlingen abermals Eltern vor Gericht. Ein Sprecher der Glaubensgemeinschaft sagte, Bußgelder und Haft seien nicht geeignete Mittel, gegen eine "Gewissensüberzeugung" vorzugehen. Ein oder zwei Mal im Jahr Mitglieder der "Zwölf Stämme" ins Gefängnis zu stecken, sei keine Lösung.

Anfang Oktober 2002 hatten die Behörden es bereits einmal mit einem massiven Polizeieinsatz versucht, was zu dramatischen Szenen führte: Die Bewohner flüchteten unter Glockengeläut in die Kirche, die Kinder klammerten sich an ihre Väter und Mütter. Dennoch brachten die Beamten sie in eine nahe gelegene Grund- und Hauptschule. Doch bald war wieder alles beim Alten. Die Sektenmitglieder beugten sich nicht und zahlten die hohen Geldstrafen nicht; für Gerichtsvollzieher ist bei den armen Ur-Christen wenig zu holen ist. Nun greift die Justiz des Freistaates zu Haftstrafen - mit ungewissen Aussichten.

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