Britische Schulreform: Kreationismus, no thanks

Je mehr Free Schools, desto besser für das Bildungssystem, hofft die britische Regierung. Mehr als hundert hat sie für 2013 genehmigt. Doch Kritiker warnen: Manche freien Schulen könnten ihre Unabhängigkeit ausnutzen und die Evolution in Frage stellen - auf Staatskosten.

Unterricht in Großbritannien: Die Bildungsreform der Regierung ist umstritten Zur Großansicht
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Unterricht in Großbritannien: Die Bildungsreform der Regierung ist umstritten

Sie sind der ganze Stolz der britischen Regierung: Free Schools, gegründet von Eltern, Lehrern oder Organisationen, die selbst entscheiden können, was die Kinder lernen, wie groß die Klassen sind und wann das Schuljahr beginnt. Die ersten freien Schulen starteten im September 2011. Ende vergangener Woche wurden mehr als hundert neue Anträge für das kommende Jahr bewilligt.

Die konservative Regierung verspricht sich viel davon. "Free Schools stehen für alles, was gut ist an der Revolution, die wir in die britischen Schulen tragen", zitiert das Bildungsministerium den Premierminister David Cameron. "Wahlfreiheit für Eltern, Macht in den Händen der Lehrer, Disziplin und Strenge und hochwertige Bildung in Gegenden, die dringend mehr gute lokale Schulen brauchen."

Doch die Reform war von Anfang an umstritten. Nun befürchten Kritiker, dass einige der staatlich finanzierten Free Schools den fragwürdigen Argumenten von Kreationisten und Bibeltreuen die Tür ins Klassenzimmer öffnen könnten, ähnlich wie in den USA. Auf der Liste der geplanten Neueröffnungen stünden drei Schulen, die von kreationistischen Gruppen beantragt wurden, berichtete die britische Tageszeitung "The Guardian" auf ihrer Internetseite.

Dazu gehört zum Beispiel die Grindon Hall Christian School in Sunderland im Nordosten Englands, eine ehemalige Privatschule, die im September als Free School mit staatlichen Zuschüssen neu eröffnen will. "Christen glauben, dass Gottes Erschaffung der Erde nicht nur eine Theorie ist, sondern eine Tatsache", schreibt die Schule auf ihrer Internetseite. "Und wir werden unsere Position als Christen immer sehr deutlich bejahen."

Schulleiter Chris Gray sagte dem "Guardian", das entsprechende Dokument auf der Webseite sei "veraltet". Es stamme aus einer Zeit, als man sich noch nicht so sicher war, was in den naturwissenschaftlichen Unterricht gehöre und was nicht.

Ein Drittel der neuen Free Schools ist konfessionell

Es ist staatlichen Schulen in Großbritannien verboten, Theorien wie Kreationismus oder Intelligent Design, die Gott oder eine andere übernatürliche Intelligenz als lenkende Kraft propagieren, als wissenschaftlich erwiesen zu vermitteln. "Wir haben klare Richtlinien, was Schulen unterrichten dürfen und was nicht", sagte eine Sprecherin des Bildungsministeriums. Wenn eine freie Schule dagegen verstoße, müsse sie die Konsequenzen tragen und werde im schlimmsten Fall geschlossen.

Entsprechend vorsichtig formuliert auch die Sevenoaks Christian School in Kent, die 2013 als Free School starten darf, ihre Position. "Christen glauben daran, dass Gott die Welt erschuf, dass er sie liebt und zufrieden mit seiner Schöpfung ist", heißt es auf der Webseite. Das wolle man im Religionsunterricht vermitteln. Man sei aber bereit zu akzeptieren, dass Kreationismus nicht im naturwissenschaftlichen Unterricht als Alternative zur Evolutionstheorie behandelt werden dürfe.

Doch Kritiker trauen den Bekundungen nicht. Die atheistische Lobbygruppe British Humanist Association (BHA) rief Gleichgesinnte im Internet dazu auf, Protest-E-Mails an den Bildungsminister Michael Gove zu schicken. Kreationismus sei im Religionsunterricht ebenso wenig akzeptabel wie im naturwissenschaftlichen Unterricht, sagte BHA-Geschäftsführer Andrew Copson. "Es verwirrt Schüler, wenn sie in einem Fach das eine lernen und in einem anderen Fach das Gegenteil."

Der Antrag der dritten betroffenen Schule, der Exemplar Academy in Nottinghamshire, ist nach Angaben der BHA bereits einmal abgelehnt worden. Daraufhin habe sich die Schule mit einem Wirtschaftsschwerpunkt beworben, um von ihren Verbindungen zu einer kreationistischen Kirchengemeinde abzulenken. Diesmal war die Bewerbung erfolgreich.

Die Zahl der Free Schools in Großbritannien steigt stetig. Für 2013 hat das Bildungsministerium 102 Anträge genehmigt, mehr als doppelt so viele wie in der Runde davor. Etwa ein Drittel der neuen Schulen bezeichnet sich selbst als konfessionelle Einrichtung. Die Bewerbungsrunde für 2014 soll bald starten.

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Nichts ist stärker...
Onsom2000 18.07.2012
... als eine Idee deren Zeit gekommen ist. Das 21. Jahrhundert scheint die Zeit für abstruse Mythen zu sein.
2. Ja!
Layer_8 18.07.2012
Zitat von Onsom2000... als eine Idee deren Zeit gekommen ist. Das 21. Jahrhundert scheint die Zeit für abstruse Mythen zu sein.
Kreationisten, Tea Party, Hillbillies usw. Nichts mehr mit Kant et.al. Newton, Maxwell, Einstein, alles passé wenn es nach diesen Herrschaften geht... Ich lehne mich jetzt zurück und konsumiere lieber THC * seufz *
3. Kreationismus, no thanks
spon-facebook-1592055925 18.07.2012
In einer Demokratie sollte man über die verschiedenen Denkarten streiten oder diskutieren dürfen. Ich frage mich immer wieder, wieso die Evolutionstheorie als Theorie bezeichnet werden muss. Was wäre so schlimm daran, wenn selbst wir Konstrukte eines Kontrukteurs wären? Ich kann daran nichts ungewöhnliches finden. Möge die richtige Theorie gewinnen...
4.
Atheist_Crusader 18.07.2012
Zitat von spon-facebook-1592055925In einer Demokratie sollte man über die verschiedenen Denkarten streiten oder diskutieren dürfen.
Diskutieren ist ungleich "als Faktum lehren". Weil das in der Wissenschaft nunmal so üblich ist. Solange etwas nicht 100,00% zweifelsfrei erwiesen ist, ist es nur eine Theorie. Die Evolutionstheorie ist plausibel, nachvollziehbar, und verfügt über Tonnen an Beweisen... sie ist nur nicht komplett lückenlos beweisbar. Deswegen nennt man es eben Theorie. Das ist auch ehrlicher als das theologische "Isso, weil steht hier!"
5.
h.hass 18.07.2012
Zitat von spon-facebook-1592055925In einer Demokratie sollte man über die verschiedenen Denkarten streiten oder diskutieren dürfen. Ich frage mich immer wieder, wieso die Evolutionstheorie als Theorie bezeichnet werden muss. Was wäre so schlimm daran, wenn selbst wir Konstrukte eines Kontrukteurs wären? Ich kann daran nichts ungewöhnliches finden. Möge die richtige Theorie gewinnen...
Kreationismus ist keine wissenschaftliche Theorie. Wissenschaftliche Theoriebildung erfolgt nach bestimmten, allgemein anerkannten Regeln. Diesen Regeln unterwirft sich zum Beispiel die Evolutionstheorie, die mitterweile durch eine überwältigende Anzahl an Belegen als gesichert gilt - während der Kreationismus lediglich ein religiös begründeter Mythos ist, der keiner wissenschaftlichen Prüfung standhält. Die richtige Theorie hat schon längst gewonnen, es ist also absurd, so wie Sie immer noch einen Wettstreit zwischen Kreationismus und Evolutionstheorie zu postulieren. Denselben gibt es nicht, da es keine nennenswerte Zahl von Wissenschaftlern gibt, die den Kreationismus als wissenschaftliche Theorie akzeptieren. Der Kreationismus ist in wissenschaftlicher Hinsicht genauso relevant wie Grimms Märchen oder Hubbards Scientology-Mythen - nämlich gar nicht.
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Britische Free Schools: Papa und Mama sagen, wo es langgeht

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
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