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Ärger mit dem Schulskelett: Weiche, Knochenmann!

Fast jeder kennt aus der Schule einen Herbert - ein Skelett, das in der Ecke steht. Herbert aus Sachsen ist was Besonderes: Seine Knochen sind echt. Das finden manche Schüler grässlich. Jetzt soll er weg. Nur wie wird man ein Gerippe los, das mal ein lebendiger Mensch war?

Schulskelett: Wohin mit Herbert? Fotos
René Plaul

Herbert soll gehen, weil ihn keiner mehr will. Er ist alt, vor einiger Zeit ist ihm ein Arm abgefallen. Altersschwäche. Manchen macht er Angst, sie gruseln sich regelrecht vor ihm. Eigentlich wäre es kein Problem, Herbert zu verkaufen, genug Menschen gäbe es, die viel Geld für ihn bezahlen würden. Doch würden sich Verkäufer und Käufer damit nicht strafbar machen? Organhandel ist in Deutschland schließlich verboten und auch Knochen sind Organe. Und daraus besteht Herbert, denn er ist ein echtes Menschenskelett und stand bis vor kurzem in einer Schule.

Solche Modelle gibt es viele in deutschen Schulen, Unis und Praxen, aber Herbert ist anders. Herberts Knochen sind aus Kalzium und Phosphat. Seine Knochen sind echt, wer an ihnen kratzt, spürt die kalkige Substanz. Sie erinnerten an Knochen von Suppenhühnern, mit feinen Löchern und Ritzen, sagt Björn Koffinke, Hauptamtsleiter der Stadtverwaltung im sächsischen Elstra. Und Koffinke machte sich Gedanken: Darf man menschliche Knochen einfach verkaufen? Oder sie gar wegwerfen?

Die Elstraer Mittelschule räumt derzeit auf und wirft alles raus, was sie nicht mehr braucht. Darum hat Koffinke Herbert erst einmal aufgenommen, denn seine Stadtverwaltung ist Träger der Schule, die Herbert nicht mehr will. Er steht jetzt in einem Lagerraum neben Stühlen und Tischen. In der Schule hat Herbert längst einen Nachfolger, er ist kleiner, jünger, moderner, beide Arme hängen noch an der Schulter, und er ist aus Plastik. Das fänden die Schüler nicht so grässlich wie den ausrangierten Knochenmann, sagte eine Biologielehrerin der Schule der "Sächsischen Zeitung".

Früher boten spezialisierte Versandhandel Skelette wie Herbert zum Verkauf an, damals sahen sie viel realistischer aus als die nachgemachten. Aus jener Zeit stammt vermutlich auch Herbert. Koffinke sagt, ein Herr um die 70 habe ihm erzählt, dass er Herbert noch aus seinem Biologieunterricht kenne.

Was tun: Herbert bestatten?

Als Herbert bei ihm in der Verwaltung landete, wusste Koffinke zunächst nicht, was er mit ihm anfangen sollte. Er erwog den Verkauf, doch dagegen steht Paragraf 18 des Transplantationsgesetzes, der wohl auch im Fall von Herbert greifen könnte, dachte Koffinke. Und weil auf den Handel von Organen und Geweben eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren steht, traute er sich nicht. Was aber tun? Herbert bestatten? Das würde der Respekt vor den Toten gebieten. Die Stadtverwaltung müsse letztlich auch solche Probleme lösen, sagte Koffinke der Lokalzeitung. "Und zwar so, dass auch alles korrekt verläuft."

Als die "Sächsische Zeitung" Ende Juli von Herbert und seiner drohenden Beerdigung hörte, druckte sie erst einen, dann noch einen Bericht. "Was wird aus Herbert?", fragte sie. Danach griff eine Nachrichtenagentur das Thema auf, andere Medien berichteten, inzwischen verliert Koffinke vor Angeboten fast den Überblick.

Dienstagmorgen habe er kurz in sein Postfach geschaut, sagt er. Etwa 30 E-Mails von Interessenten habe er gezählt, potentielle Abnehmer gibt es genug. Koffinkes Sorge allerdings war offenbar unbegründet. Laut Strafrechtsprofessor Andreas Hoyer von der Uni Kiel gilt das Organhandelsverbot nämlich nicht für menschliches Unterrichtsmaterial. In Paragraf 17 des Transplantationsgesetzes steht, ein Handelsverbot gelte nur für Organe, die zur Heilbehandlung weitergegeben werden. Da Herbert nur zum Anschauen ist, wäre der Verkauf also kein Problem.

Koffinke allerdings hat sich schon anders entschieden. Aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen will er Herbert lieber verschenken als verkaufen. Wer sich Herberts würdig erweist, wird Koffinke sich noch gut überlegen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der Handel mit Schulskeletten sei womöglich strafbar. Das ist er aber nicht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

fln

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Gruselig?
bolonch 31.07.2012
Schon seltsam, ich dachte, die heutige Jugend sei von Splatterfilmen, Internet und Brutalo-Spielen total abgestumpft... An unserem Gymnasium (80er Jahre) hatten wir das Skelett eines Schuldirektors eben unserer Schule aus den 50ern. Viel kleiner, zarter und filigraner als man es nach seinen Fotos vermuten konnte. Ich habe auch schon Plastik-Schädel und Skelette gesehen - kein Vergleich! Eigentlich hat ein Skelett auch wenig Gruseliges an sich, ein bisschen ekliger waren da eher die eingelegten Axolotls, Grottenolme und Organe aus der Kaiserzeit. Letztere lagen aber unter Verschluss und nur der Bio-Leistungskurs bekam sie zu sehen. Die damals 75-90 Jahre alten Exponate fingen damals ganz langsam an sich aufzulösen ... Das war nicht ganz appetitlich, zeigte aber sehr deutlich, dass egal was man tut, alles Irdische irgendwann zu Staub zerfällt. Eigentlich keine ganz schlechte Lektion.
2. Gute Recherche
hansolocrc 31.07.2012
Natürlich ist der Handel mit Organen für wissenschaftliche Zwecke oder in präparierter Form für die Weiterbildung in medizinischen Berufen bzw. zur Aufklärung der Bevölkerung erlaubt. Nur der Handel mit Organen zur Heilbehandlung eines anderen ist nach § 17 TPG unter Strafe gestellt, was eigentlich auch ohne weiteres dem Gesetz -oder zumindest der einschlägigen Kommentarliteratur- zu entnehmen ist. (Vgl.: Müko-StGB Tag TPG § 18 Rn. 12; Erbs/Kohlhaas Dr. Pelchen/Anders TPG § 17 Rn. 3; Medizinrecht, Spickhoff TPG § 17 Rn. 4) Damit ist natürlich dieser ganze Artikel hinfällig. Schade, dass so schlecht recherchiert wurde!
3. Kein Einzelfall
kneumi 31.07.2012
Ich habe mein Abitur 2002 an einem bayerischen Gymnasium gemacht und wir hatten in Biologie nicht nur ein echtes Skelett, sondern auch in Formaldehyd (?) eingelegte Embryonen verschiedenen Alters. Der Biologielehrer hatte sie nach eigener Aussage von Schülerinnen 'eingesammelt' (Fehlgeburten)...
4. Bundesverdienstkreuz
wolf_xl 31.07.2012
...ich würde Herbert posthum das Bundesverdienstkreuz verleihen. Weil er als leuchtendes Beispiel für die Verlängerung der Lebensarbeitszeit vorangegangen ist. Ja, wer will findet immer Arbeit - selbst noch im hohen Alter und ist dabei auch noch genügsam... ;-)
5. Wie wärs...
fatherted98 31.07.2012
Zitat von sysopRené PlaulFast jeder kennt aus der Schule einen Herbert - ein Skelett, das in der Ecke steht. Herbert aus Sachsen ist was Besonderes: Seine Knochen sind echt. Das finden manche Schüler grässlich. Jetzt soll er weg. Nur wie wird man ihn los, ohne sich strafbar zu machen? http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,847422,00.html
...mit einer angemessenen Beerdigung...oder ist das im Etat nicht mehr drin?
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