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Schultest-Gewinner: Das machen die Bayern besser - und das nicht

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Deutschlands Schulen haben schon einige Leistungsvergleiche überlebt, stets gewinnen die Bayern. Bloß warum? Ist das Geheimnis des Südens eine Mischung aus gesunder Härte, Traditionsfestigkeit, Standortvorteilen? SPIEGEL ONLINE zeigt, was den Siegern gelingt - und woran sie noch arbeiten müssen.

Sie klopfen sich auf die Schulter, die Erstplatzierten des neuen Schulvergleichs in Deutsch und Fremdsprachen, der das Bundesländerranking auf Basis der Pisa-Studien ersetzt. Bayern macht schulpolitisch alles richtig, das ist der Tenor bei der CSU. Ministerpräsident Horst Seehofer spricht gar von "eindeutiger Überlegenheit eines intelligent vernetzten Schulsystems" mit Haupt-/Mittelschule, Realschule und Gymnasium. Sein Kultusminister Ludwig Spaenle sieht "die Qualitätsstrategie im differenzierten Schulwesen im Freistaat" bestätigt.

Und der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, ebenfalls ein Bayer, sekundiert: Die bayerische Schulstruktur spiele eine wesentliche Rolle beim guten Abschneiden seines Bundeslandes. Besonders vorteilhaft findet er, dass Kinder schon nach der vierten Klasse auf die verschiedenen Schultypen aufgeteilt werden - so gebietet es die Tradition, an der Bayern ebenso festhält wie das benachbarte Baden-Württemberg. "In homogenen Lerngruppen lässt sich besser individuell fördern", sagte Kraus SPIEGEL ONLINE.

Kinder früh aufteilen, dreigliedriges Schulsystem mit der klassischen Trias Gymnasium, Realschule, Hauptschule - ist es so einfach? Und warum landen Schleswig-Holstein und Niedersachsen, mit ähnlichen Systemen und ebenfalls stark ländlich geprägt, nicht ähnlich weit vorn? Klar ist: Seit Jahren darf sich Bayern auch bildungspolitisch im "Mir san mir"-Gefühl sonnen, weil man bei Schulvergleichen stets Siegerplätze belegt. Stets sind in der Spitzengruppe auch Baden-Württemberg und Sachsen vertreten. Aber liegt das tatsächlich am Schulsystem?

Was läuft besser im Süden?

Dass es so einfach nicht ist, zeigte sich schon beim jüngsten Pisa-Vergleich der Bundesländer mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften. Auch damals waren sich die Kultusminister der Gewinnerländer einig: Ihr jeweiliges Schulsystem ist das beste überhaupt. Der damalige Spitzenreiter Sachsen erklärt seinen Erfolg unter anderem mit dem Verzicht auf den Schultyp Hauptschule - das zweitplatzierte Bayern hingegen mit seinem Festhalten eben daran.

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Schülervermessung nach Ländern: Was können deutsche Schüler wo?
Jedenfalls bringen die Südländer stets einen deutlichen Vorsprung ins Ziel der Schulvergleiche. Irgendwas müssen sie richtig machen.

Die Bildungsforschung tut sich traditionell schwer mit eindeutigen, simplen Antworten. Es ist nicht leicht zu beurteilen, warum Kinder unterschiedlich gut lesen, zuhören, Texte verstehen können. Liegt es an der Klassengröße, dem Schultyp, dem Lehrer - oder mehr an der Familie, der Herkunft, der persönlichen Eignung?

"Vielfältige Faktoren spielen eine Rolle", sagt Bildungsforscher Olaf Köller, einer der Autoren der aktuellen Studie. Einige Lehren zieht er dennoch aus der Untersuchung. Dazu gehört: "Die Schulstrukturen sind nicht von zentraler Bedeutung, um die Unterschiede zu erklären", sagte er SPIEGEL ONLINE. Damit widerspricht er den Jubelrufen aus der Politik. Ein Flächenstaat wie Bayern habe hingegen eine viel günstigere Ausgangsposition als etwa Berlin oder Bremen: weniger Arbeitslose, weniger Migranten, weniger Kinder aus sozial benachteiligten Familien.

"Das erzählt aber nicht die ganze Geschichte", sagt auch Köller. Es seien vor allem drei Dinge, die den Leistungsvorsprung Bayerns erklären:

  • Höhere Leistungsorientierung: Man könnte es gesunde Härte nennen (wobei viele Schüler und Eltern, was den Übergang nach der Grundschule angeht, die Härte alles andere als gesund nennen). Bayern verlangt mehr von seinen Schülern als andere Bundesländer. Die Lehrpläne sind strenger, die Schulbücher schwerer, die Ansprüche höher. Das steigere zwar einerseits den Druck auf Schüler und Eltern, so Köller. Andererseits schöpfe es das Potential der Schüler offenbar besser aus - allerdings vor allem der Leistungsstarken.

  • Bessere Lehrerausbildung: Erstmals haben die Forscher für ihre Studie auch die Schülerleistungen in Fremdsprachen gemessen, vor allem im Fach Englisch. Und sie haben die Lehrer zu ihrer Ausbildung befragt. Hier offenbarte sich eine zweite Kluft im Bundesländervergleich - nämlich zwischen West und Ost. In den westlichen Ländern haben fast alle Lehrer, die Englisch unterrichten, auch Englisch studiert, nämlich zwischen 80 und 100 Prozent. Diese Ausbildung fehlt rund einem Drittel der Englischlehrer in den östlichen Ländern, mit Ausnahme von Sachsen.

  • Höhere Unterrichtsqualität: "Der Unterricht ist die entscheidende Stellschraube", sagt Köller. Vor allem beim Fremdsprachenunterricht an den Gymnasien zeige sich, dass eine gute Lehrerausbildung auch zu besserem Fachunterricht führe. Zumindest hier liegt der Süden nicht konkurrenzlos vorn. So kann auch der Stadtstaat Hamburg punkten und landet beim "Hörverständnis" auf Platz zwei hinter Bayern.

All diese Punkte führt auch Lehrerverbands-Präsident Kraus an, sieht aber als mitentscheidenden Faktor, dass bayerische Kinder im Laufe ihrer Schulkarriere auf wesentlich mehr Unterrichtsstunden kommen als in anderen Bundesländern. Bildungsforscher Köller kann dafür jedoch keinen Beleg erkennen. Die Anzahl der Stunden und die Stofffülle spielen demnach eine untergeordnete Rolle. Das schließt er daraus, dass sich keine Leistungsunterschiede bei Gymnasiasten feststellen ließen, je nachdem, ob sie auf dem Weg zum Turbo-Abitur (G8) oder noch auf dem Weg zum althergebrachten Abi nach 13 Schuljahren sind.

Soziale Ungleichheit im Süden am stärksten

Uneingeschränkten Grund zu Champagnerstimmung haben die Spitzenreiter Bayern und Baden-Württemberg indes nicht. In beiden Ländern ist das soziale Bildungsgefälle der Studie zufolge besonders ausgeprägt. Akademikerkinder haben rund 6,5-mal so gute Chancen wie Facharbeiterkinder, auf dem Gymnasium zu landen. Den besten Wert erzielt Berlin (1,7), wo Kinder seit Jahrzehnten länger gemeinsam lernen und später sortiert werden - die Grundschule endet erst nach der sechsten Klasse.

Auf die "Probleme im Förderbereich" der Schüler aus bildungsfernen Schichten weist auch Studienautor Köller hin. Zuvor hatte bereits Deutschlands einflussreichster Bildungsforscher Jürgen Baumert, der die erste Pisa-Studie verantwortete, im SPIEGEL-Interview gesagt: "Unser großes Problem besteht darin, dass etwa 20 Prozent eines Jahrgangs das Mindestziel verfehlen: Sie verlassen die Schule ohne eine Basisausstattung für einen zukunftsfähigen Beruf."

Wie nach jeder großen Bildungsstudie, bei der eine Rangliste entsteht, interpretierten viele Beteiligte die Ergebnisse so, wie es in ihr politisches Konzept passt. So machte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die Länder für die extremen Unterschiede im Bildungsniveau an deutschen Schulen verantwortlich. "Natürlich fragen sich Eltern in Brandenburg oder Bremen, warum die Schulen in ihren Ländern weniger leistungsfähig sind, denn ihre Kinder sind bestimmt nicht dümmer als die in anderen Teilen der Republik", sagte Schavan, einst baden-württembergische Kultusministerin, der "Rheinischen Post". Die Testsieger investierten kontinuierlich in Unterrichtsqualität und Lehrerausbildung. Andere Länder, so Schavans Vorwurf, führten "stattdessen Strukturdebatten, die zwar mehr Unruhe, nicht aber mehr Qualität ins Schulsystem bringen".

Die Opposition kritisierte den Zusammenhang von Bildungserfolg und sozialer Herkunft. SPD-Bildungsexperte Ernst Dieter Rossmann betonte, "das größte Problem des deutschen Bildungssystems ist und bleibt die soziale Selektivität". Zu vielen jungen Menschen werde ihr Recht auf Bildung vorenthalten. Zugleich würden damit dringend benötigte Potentiale für den Fachkräftenachwuchs verschenkt.

Schulrankings sind keine Bundesliga-Tabelle

Die Grünen-Bildungspolitikerin Priska Hinz erklärte, die Debatte, ob Süd oder Nord bessere Ergebnisse zeigen, seien "Scheingefechte". Zehn Jahre nach der ersten Pisa-Studie zeigten die Zahlen, dass der Bildungserfolg eines Kindes trotz aller Aktivitäten immer noch genauso von seiner sozialen Herkunft abhängt wie im Jahr 2000.

Auch die Linken-Politikerin Nele Hirsch sagte, aus Pisa seien die falschen Schlussfolgerungen gezogen worden. In Deutschland hänge der Bildungserfolg wie in kaum einem anderen Land von der sozialen Herkunft ab. Diese Entwicklung sei durch die Reformen der vergangenen Jahre noch verschärft worden. "Wir sind vom Ideal eines gebührenfreien Bildungssystems von der Kinderkrippe bis zur Hochschule weiter entfernt denn je", so Hirsch.

Kritik an den Ergebnissen kam auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Die Bildungsrepublik Deutschland bleibt eine Fata Morgana" und Chancengleichheit im deutschen Schulsystem ein Fremdwort, sagte GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer. Fast zehn Jahre nach Pisa gebe es keine substantiellen Verbesserungen des deutschen Schulsystems, aus den vielen Leistungsvergleichen würden keine Konsequenzen gezogen. Die Politik müsse jetzt endlich energisch gegensteuern. Insbesondere mangele es an Personal und Mitteln für die individuelle Förderung. Demmer forderte ein gerechtes inklusives Schulsystem, in dem alle Kinder gemeinsam lernen und individuell gefördert werden.

DGB-Bildungsexperte Matthias Anbuhl sagte, es mache keinen Sinn, "das Länder-Ranking wie eine Bundesliga-Tabelle zu lesen". Die Schwächen des deutschen Schulsystems seien im internationalen Vergleich zu groß. Die enge Kopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft bleibe die Achillesferse des deutschen Schulsystems.

Die niedersächsische Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU) und ihre rheinland-pfälzische Amtskollegin Doris Ahnen (SPD) sagten, es sei eine große Herausforderung, die Leistungsfähigkeit mit sozialer Gerechtigkeit in Einklang zu bringen. Vor allem Kinder aus bildungsfernen Schichten müssten verstärkt gefördert werden.

Mit Material von dpa und ddp

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1. Und was fällt den Politikern dazu ein?
kamy 24.06.2010
Es dürfte endgültig und zum wiederholten Male geklärt sein, dass die Schulstruktur nicht relevant für die Schülerleistung ist, sehr wohl aber für die soziale Segregation. Wie im Artikel richtig beschrieben sind die unteren 20-30% das Problem. Bei ihnen muss die Schule die Defizite des Elternhauses ausgleichen können, vor allem die der fehlenden sprachlichen Kompetenz. Ob sie nun aus Migrationsfamilien oder aus bildungsfernen Familien kommen. Und was fällt der Politik dazu ein? Ja - die Herdprämie. Damit die Kleinen ja nicht früh genug sprachlich gefördert werden können. Das dürfte das dümmste Gesetz des Jahrtausends werden. Ansonsten erwarte ich, wie in den letzten 10 Jahren, seitdem man um die Probleme weiß, ... nichts.
2. ??
friedel_3 24.06.2010
Zitat von sysopDeutschlands Schulen haben schon einige Leistungsvergleiche überlebt, stets gewinnen die Bayern. Bloß warum? Ist das Geheimnis des Südens eine Mischung aus gesunder Härte, Traditionsfestigkeit, Standortvorteilen? SPIEGEL ONLINE zeigt, was den Siegern gelingt - und woran sie noch arbeiten müssen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,702367,00.html
Laufende Messungen zum Leistungsstand, egal ob PISA oder andere Verfahren, zeigen mir nur relative Ergebnisse auf. Fragen wie: Was machen diese tollen bayrischen Schüler mit ihrer "besseren" Bildung? (Bayern wirken auf mich nicht intelligenter, oder gebildeter als andere Eingeborene der BRD. Wie gehen die Bayern mit den "schlechten Schülern" um? Ich denke dass mit diesen sogenannten Leistungsvergleichen ein Wettbewerb aufgezeigt werden soll, der real nicht existiert. Allgemein möchte ich hier noch A. Schopenhauer zitieren: *Natürlicher Verstand ist durch keinen Grad von Bildung zu ersetzen* Dieses Zitat ist m. E. so einfach, wie einleuchtend.
3. ;-)
Mischa, 24.06.2010
Zitat von sysopDeutschlands Schulen haben schon einige Leistungsvergleiche überlebt, stets gewinnen die Bayern. Bloß warum? Ist das Geheimnis des Südens eine Mischung aus gesunder Härte, Traditionsfestigkeit, Standortvorteilen? SPIEGEL ONLINE zeigt, was den Siegern gelingt - und woran sie noch arbeiten müssen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,702367,00.html
Schon wieder ein neues Thema zum Bayern-Bashen. Ist Euch langweilig da oben in HH?
4. Neueste Thesen zur kognitiven Nord-Süd Dissonanz
Zwietracht, 24.06.2010
Dass Bayern, Sachsen und Baden Württemberg immer vorn liegen hat vermutlich mehrere Gründe. Analysieren wir objektiv und ohne Vorurteile bleiben zwei Hauptthesen. 1. Oben-Unten Gesetz: Die Bildung fällt innerhalb der Grenzen eines Landes immer von oben nach unten, folglich sammelt sich die Bildung in den Bundesländern, die eine Südgrenze zum Ausland haben. 2. Gebirge-Bildung Korrelation Je bergiger ein Bundesland im Durchschnitt, desto höher auch die Bildung im Durchschnitt. Der Grund liegt vermutlich in der noch weitgehend unerforschten kognitiven EIgenheit, daß Berge in Sichtweite eine motivierende Funktion ausüben und im Körper archetypische hormonelle und psychologische Reaktionen auslösen, die die Überwindung des Gebirges anstreben, und damit auch geistig motivierend wirken, sich mehr anzustrengen, mit dem Ziel vor Augen sozusagen. Im Flachland hingegen fehlt dieser Anreiz und es macht sich eine "alles egal" Mentalität breit, die verheerende Auswirkungen auf die Bildungsmotivation hat. ;)
5. soziale Herkuft
buchter 24.06.2010
Mir geht langsam diese These auf den Keks, dass Kinder aus Akademikerfamilien "bessere Chancen" haben Abitur zu machen, als Kinder auf Facharbeiterfamilien. Also zumindest da wo ich herkommen, hat das nichts mit Chancen zu tun, sondern ausschließlich mit individueller Leistungsfähigkeit. Wer gut in der Schule ist und will (bzw. wo die Eltern wollen), der geht nach der Grundschule bzw. nach der 6. Klasse aufs Gymnasium. Und wer eben nicht gut genug ist bzw. nicht will, geht auf die Realschule, oder wenns garnicht läuft, auf die Hauptschule... Es ist aber nunmal so, dass in den meisten Arbeiterfamilien auch die Kinder eine Berufsausbildung anstreben und umgekehrt der Sohn eines Juristen selten Maurer werden will, Eltern sind und bleiben nunmal ein Vorbild andem sich Kinder orientieren, das hat Mutter Natur schon ganz recht so eingerichtet. Und ohne jemanden verltzen zu wollen, muss man halt auch klar sagen und aktzeptieren, dass Akademiker in der Regel intelligenter sind als klassischer Arbeiter und da kaum etwas deutlicher vererbt wird als Intelligenz, ist es nunmal auch mit den Kindern meist so. Wer klug ist und seine Möglichkleiten ausschöpft, kann auch studieren, ganz gleich wo die Eltern herkommen.
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