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Schulumbau in Berlin: Nur die Besten sollen aufs Gymnasium

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Sollen die Eltern oder die Lehrerempfehlungen entscheiden, auf welche Schule ein Kind nach der Grundschule kommt? Berlin will einen anderen Weg gehen und allein die Noten sprechen lassen - als Teil einer umfassenden Schulreform, die auch die Hauptschule beerdigen soll.

Die Fahrplanschreiber von U-Bahnen und Bussen haben viel Macht in Berlin: Häufig liegt es an ihnen, welche Schule ein Kind besucht. Denn die Erreichbarkeit ist zentrales Kriterium bei der Schulwahl. Ob ein Kind seine Wunsch-Schule besuchen darf, darüber müssen Bürokraten nach Fahrplan entscheiden - immer dann, wenn es mehr Bewerber als Plätze gibt. So sieht es das Schulgesetz vor, so entscheiden im Zweifel die Gerichte.

Grundschüler: Wer darf aufs Gymnasium?
DDP

Grundschüler: Wer darf aufs Gymnasium?

"Absurd", schimpft Wolfgang Harnischfeger, Direktor des Beethoven-Gymnasiums im Süden der Hauptstadt. Wer 23 Minuten Schulweg habe, werde genommen, bei 24 Minuten werde es schon schwierig. Die Eltern reagieren, indem sie zum Schein auf Wanderschaft gehen: Jahr für Jahr melden Hunderte falsche Wohnsitze an - bei Freunden oder Verwandten, die im Einzugsgebiet renommierter Gymnasien wohnen.

Bei der Wahl einer konkreten Schule tricksen viele Eltern die Verwaltung aus. Bei der Wahl der Schulform jedoch können sie relativ frei entscheiden: Ob es Gymnasium oder Gesamtschule wird, ob Haupt- oder Realschule, das hängt in Berlin vor allem vom Willen der Eltern ab. Noch.

"Der Elternwille ist nicht sozial gerecht"

Bald sollen die Eltern weit weniger mitzureden haben, wenn es um die Bildungskarriere ihres Kindes geht. Eine Projektgruppe "Neue Schulstruktur" des Bildungssenators Jürgen Zöllner (SPD) arbeitet an Plänen, wonach künftig einzig die Noten eines Kindes darüber entscheiden, ob es aufs Gymnasium darf. "Der Elternwille ist nicht sozial gerecht", sagt Thomas Duveneck, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Senators und Mitglied der Projektgruppe - und trat eine heftige Debatte los.

Die Bildungspolitik der Hauptstadt wagt sich damit an eine der wichtigsten Fragen im Leben eines Kindes und seiner Eltern: Wie geht es nach der Grundschule weiter? Kaum eine Entscheidung wirkt sich auf Lernerfolg und Berufschancen so aus wie diese. Kaum eine Entscheidung treibt Eltern, Schüler, Lehrer in allen Bundesländern so auf die Barrikaden. Und bei kaum einer Entscheidung geht es so ungerecht zu.

Soziale Auslese beim Schulwechsel

In den Pisa-Gewinnerländern Sachsen, Bayern und Thüringen sind die Noten bindend. In Bayern packt Eltern und Schüler schiere Panik, wenn der "Übertritt" nach der vierten Klasse bevorsteht: Dort gilt als tauglich fürs Gymnasium, wer in den Fächern Mathe, Deutsch und im Heimat- und Sachunterricht mindestens einen Schnitt von 2,33 einheimst. Hinzu kommt eine verwaltungstechnische Hürde: Das Übertrittszeugnis wird nicht einfach ausgestellt, es muss beantragt werden - sonst landet man automatisch auf der Hauptschule. Allerdings ist die frisch gewählte Koalition aus CSU und FDP dabei, den Übertritt neu zu regeln.

Der Umbauer: Bildungssenator Zöllner plant eine radikale Schulreform
DDP

Der Umbauer: Bildungssenator Zöllner plant eine radikale Schulreform

In Berlin können Eltern bisher durchsetzen, dass ihr Kind wenigstens den Versuch unternimmt, aufs Abitur zuzusteuern - selbst wenn es eine Hauptschulempfehlung bekommen hat und die Noten mies sind. Anspruch auf den Platz an einer konkreten Wunsch-Schule haben sie zwar nicht, aber an irgendeinem Gymnasium gibt es immer freie Plätze.

Sozial gerecht ist das tatsächlich nicht: Vor allem Eltern aus dem Bildungsbürgertum gelingt es, ihre Kinder auf dem Gymnasium unterzubringen - auch bei mäßigen Noten. Die Eltern von Kindern aus bildungsfernen Schichten schaffen das nur selten oder versuchen es erst gar nicht.

Nun könnte man vermuten, dass die Empfehlung der Grundschullehrer solider ist. Stimmt aber nicht: Auch hier schnappt für Kinder aus bildungsfernen Familien die Abseitsfalle zu, weil die Klassenlehrer ungerechte Empfehlungen aussprechen, wie kürzlich eine Wiesbadener Studie zeigte.

Beim Wechsel auf die weiterführende Schule gebe es eine "soziale Auslese", sagt der Bildungsforscher Wilfried Bos: "Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter auf die Hauptschule" - auch bei gleicher Leistung. Bos zufolge erhält mehr als die Hälfte aller Schüler eine falsche Schulempfehlung.

Auch Berlin plant umfassende Schulreform

Für viele Eltern ist klar: Hauptsache, nicht Hauptschule. Der aktuelle Pisa-Vergleich zeigte erneut, wie ungleich die Chancen im deutschen Schulwesen verteilt sind und wie schlecht die Hauptschulen abschneiden, auch in Berlin.

In allen Bundesländern streiten deswegen Bildungspolitiker darüber, welches Konzept den größten Lernerfolg und zugleich Gerechtigkeit verspricht. Die Hauptschule wird in einigen Bundesländern zum Auslaufmodell: Senator Zöllner will das Berliner Schulsystem drastisch umbauen - ähnlich wie es Hamburg bereits macht und Bremen plant.

Im ersten Schritt will der Senator Haupt- und Realschulen zusammenlegen, im zweiten soll es neben den Gymnasien nur noch Regionalschulen geben. Dort sollen die Schüler alle Abschlüsse machen können, auch das Abitur - in 13 statt in zwölf Jahren, wie am Gymnasium. Genau darauf hat sich auch Schwarz-Grün in Hamburg verständigt.

Zweier-Schnitt soll aufs Gymnasium führen

Das Berliner Konzept sieht vor, dass Schüler nicht mehr "abgeschult" werden können, wie Duvaneck sagt. Lehrer können schlechte Schüler also nicht mehr in eine andere Schulform überweisen. Der Wechsel zu einem zweigliedrigen Schulsystem ist aber erst für die Jahre nach 2011 geplant, wenn Berlin das nächste Mal gewählt hat. Sozialdemokrat Zöllner hatte seine bildungspolitischen "Eckpunkte" im September vorgestellt.

Bleibt die Frage: Wer darf aufs Gymnasium? Und wie gestaltet man die Auswahl fair? In der Projektgruppe des Senators zeichnet sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ab, dass der Notenschnitt eines Schülers zum zentralen Kriterium werden soll.

Schulleiter Harnischfeger gehört ebenfalls zur Planungsgruppe. "Alles ist besser als das, was wir jetzt haben", sagt er. Seine Empfehlung: Künftige Gymnasiasten müssen in den Kernfächern Deutsch, Englisch, Mathe und in den Naturwissenschaften mindestens einen Schnitt von 2 haben. Ergänzende Aufnahmeprüfungen oder Gespräche sollten möglich sein, um besondere Talente eines Kindes bewerten zu können.

Ungerechte Notengebung

Sollte man sich wirklich ganz auf die Noten verlassen? Senatsplaner Duvaneck sagt dazu, Noten seien zwar auch nicht zwingend gerecht, aber von allen möglichen Kriterien das objektivste. Anders formuliert: Sie sind das geringste Übel.

Einem Bericht der "Berliner Zeitung" zufolge gehört zu den Plänen auch, das Probehalbjahr an Gymnasien abzuschaffen und die Bildungsempfehlung, über die bisher Grundschullehrer entscheiden, gleich mit. Die Zeitung schließt daraus: "Der Weg aufs Gymnasium wird schwerer."

"Vollkommener Quatsch", heißt es dazu aus Zöllners Bildungsbehörde. Dem Vernehmen nach wird die Projektgruppe unter Leitung des renommierten Bildungsforschers Klaus Klemm Anfang Dezember ihre Vorschläge präsentieren. Klemm will vorher nichts zu den Plänen sagen, auch Zöllners Verwaltung hält sich bedeckt und betont: "Wir sind mitten drin im Diskussionsprozess." Zöllner sagte der Zeitung zufolge, er habe sich noch nicht festgelegt. "Eine Lösung ohne Beteiligung des Elternwillens" schloss er aus.

In der Projektgruppe klingt das anders: "Es läuft auf die Noten hinaus", sagt ein Mitglied.

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Forum - Schulwahl - Alles reine Elternsache?
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1.
Statikus 14.12.2005
Ich denke kaum, dass eine Prüfung (deren Ausgang ja durchaus auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sein kann) hier sinnvoll ist. Sollte die Einschätzung der Grundschule zum Leistungsvermögen eines Schülers eindeutig sein, dann sollte diese auch bindend sein. Der Optimalfall ist dann sicherlich der, daß sich die Grundschule mit den Eltern hinsichtlich der Entscheidung, welche weiterführende Schule die richtige ist, einig ist. Schwierig wird's da, wo es quasi auf Messers Schneide steht, für welche Schule die Empfehlung seitens der Grundschule ausgesprochen wird. Hier hielte ich eine möglichst frühzeitige Kontaktaufnahme zwischen Grundschule und Eltern für wünschenswert. Dort könnten dann das Für und Wider zwischen Lehrern und Eltern besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Vielleicht sollte man in einem solchen Fall (nach einem beratenden Gespräch) dann den Eltern freistellen, die Entscheidung zu treffen.
2.
DJ Doena 14.12.2005
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
3.
Silvia, 14.12.2005
---Zitat von DJ Doena--- Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird. ---Zitatende--- In Niedersachsen fällt die Entscheidung zum Ende des 4. Schuljahres. Die Empfehlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche stützen: - Noten - Arbeitsverhalten (Mitarbeit, Konzentrationsfähigkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt) - Denkvermögen (Reproduktion, Anwendung, Übertragung, Komplexität von Zusammenhängen) Diese Dinge weiß man am Ende des 4. Schuljahres normalerweise. Die Noten allein sollten nicht ausschlaggebend sein. Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. Dass die Eltern entscheiden, halte ich gerade in Zweifelsfällen für richtig. Das kann man als Lehrer kaum richtig machen. Nicht alle Kinder zeigen am Ende des 4. Schuljahres eindeutige Tendenzen. Wohin sich dann ein Kind entwickelt, ist oft reine Kaffeesatzleserei und hängt von zig Dingen ab, nicht zuletzt und vor allem von der Unterstützung des Elternhauses.
4.
trabajador5, 14.12.2005
---Zitat von Silvia--- Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. . ---Zitatende--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
5.
trabajador5, 14.12.2005
---Zitat von trabajador5--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten. ---Zitatende--- in dem zusammenhang fällte mir ein beispiel ein, welches vor kurzem im fernsehen gezeigt wurde. da gabe es einen, der mit 2 fingern schneller und fehlerfreier mit der tastatur schreiben konnte, als alle anderen mit dem an der schule verlangten 10-finger-system. der ist dann durch die prüfung gefallen, weil er der lehrerin nicht gehorcht hat und das richtige sytem angewendet hat. das ist bezeichnend für die prioritäten des deutschen "erziehungswesens".
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