Schuluniformen: Alles bleibt anders

Von Michael Krechting

Bis zum Sommer hätten die Versuchskaninchen durchhalten sollen. Aber schon jetzt wurde es der zehnten Klasse einer Wiesbadener Schule zu bunt. Oder besser: zu eintönig. Nach neun Wochen in hellgrauem Sweatshirt und blauer Jeans brachen die Schüler ein Schuluniform-Projekt ab.

Da war noch alles gut: Die uniformierten Schüler beim Wiesbadener Projektstart
DDP

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Sifa hat es von Anfang an gewusst. "Eigentlich haben mir die Klamotten überhaupt nicht gefallen", sagt die Schülerin der Klasse 10b der Albrecht-Dürer-Schule im hessischen Wiesbaden. "Privat hätte ich so etwas nie getragen. Doch für die Klassengemeinschaft habe ich mitgemacht."

Klassengemeinschaft hin und her - es hat nicht lange gedauert, bis die 19 Probanden ihre Schuluniformen satt hatten. Dabei hatte alles so euphorisch begonnen. Als erste Schulklasse in Hessen durfte die 10b Erfahrungen mit Schuluniformen sammeln.

In den dünnen Pullis entsetzlich gefroren

Schuluniformen: In England, Japan und einigen anderen Ländern Alltag
REUTERS

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Die Zeitung "Wiesbadener Kurier" hatte sie dazu eingeladen. Entsprechend groß war der Medienrummel: Fernsehteams stritten sich um Bilder, Zeitungen um Stimmen. Eine ganze Region schaute auf die Pennäler in hellgrau und blau.

Doch gerade die Klamotten passten den Schülern nicht in den Kram. "Erst einmal waren die Schuluniformen nicht die, die sich die Schüler ausgesucht hatten", sagte Schulleiterin Sabine Mildenberger gegenüber UniSPIEGEL ONLINE. Und dann waren auch noch die Pullis viel zu dünn. "Die haben hier im Winter entsetzlich gefroren, einzelne Schüler saßen mit Anoraks im Unterricht. Da war es für die Schüler kein allzu weiter Schritt zu sagen: Jetzt reicht's uns", meint Mildenberger.

Die meisten Schüler seien "erleichtert und befreit", findet Klassensprecher David. Schulleiterin Mildenberger sieht sich um eine Erfahrung reicher: "Unsere Schüler sind offensichtlich nicht mit so einer Frustrationstoleranz ausgestattet. Die haben schneller das Handtuch geworfen, als ich gedacht hätte." Auch wenn die Probanden befreit sind - Ruhe ist deshalb in Wiesbaden noch längst nicht eingekehrt. "Hier geht's zu wie beim Brezelbäcker", nimmt Mildenberger das rege Interesse an den Uniform-Verweigerern aber recht gelassen.

Nicht lange wird es dauern, bis sich alle Blicke auf die Elly-Heuss-Schule, ebenfalls in Wiesbaden angesiedelt, richten werden. Die Klasse 6a der Schule hat als zweite Schule am Projekt Schuluniform teilgenommen - und noch längst nicht aufgegeben. Die Sache gehe seinen Gang, die Klasse sei in sich sehr stabil, erfuhr UniSPIEGEL ONLINE am Dienstag von der Leitung der Elly-Heuss-Schule.

Konform durch Uniform?

"Meine Schüler sehen das eher als sportliches Spiel an", meinte Klassenlehrer Jürgen Sitter. Vielleicht habe die Absage der anderen Schule den Kindern sogar noch mehr Motivation gegeben. "Ich habe letzte Woche eine Umfrage gemacht - das Ergebnis war 25:0 fürs Weitermachen", berichtet Sitter.

In Bangkok werden selbst an der Uni Uniformen spazieren getragen
Jonas Jacquet

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Fernab von solchen Feldversuchen hat das Thema Schuluniformen in der Vergangenheit immer wieder für Zündstoff gesorgt. Ein Mittel gegen Mobbing und Markenterror, sagen die einen. Nie wieder sollten Kinder und Jugendliche Uniformen anziehen müssen, sagen die anderen. PDS-Politiker Gregor Gysi findet Uniformen gut. Und die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sagte einmal in der "Mehr Erziehung"-Debatte, schicke Schuluniformen könne sie sich gut vorstellen.

Die BundesschülerInnenvertretung indes beschloss auf ihrer letzten Bundesdelegiertenkonferenz: "Der Zwang, Schuluniformen zu tragen beziehungsweise auch nur das Verbot bestimmter Kleidung schränkt wichtige Bürgerrechte wie die freie Meinungsäußerung ein und ist eine massive Freiheitsbeschneidung."

So drastisch empfinden das die Schüler der beiden Klassen aus Wiesbaden offenbar nicht. Und manche Lehrer haben gar ganz praktische Gründe zur Freude: "Wenn die Klasse so uniform vor einem sitzt, stechen die einzelnen Gesichter viel mehr heraus", meint etwa Jürgen Sitter. Es geht also doch: in Uniform, individuell.

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