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Schulverbot für Darwin: Gott schuf die Erde, und sie ward eine Scheibe

Von Oliver Voß

An Schulen in den USA tobt schon lange ein Kulturkampf zwischen Evolutionslehre und biblischem "Kreationismus". Nun hat auch Italiens Bildungsministerin Darwin aus den Schulbüchern verbannt. Die radikalsten Anhänger der biblischen Schöpfungslehre glauben sogar, dass der Globus eine plumpe Fälschung und die Erde eine Scheibe ist.

Die Anordnung der italienischen Bildungsministerin Letizia Moratti war eigentlich gar keine. In den neuen Lehrplänen für die Grund- und Mittelschulen wurde schlicht ein Kapitel herausgelassen: Darwins Evolutionslehre. Noch wird in Italien darüber gestritten, ob man den Schülern Informationen über die Geschichte der Arten vorenthalten soll, doch nach der Veröffentlichung im Regierungsamtblatt tritt die Richtlinie demnächst in Kraft.

Saurier-Schädel: Lernen Italiens Schüler demnächst nur noch im "Jurassic Park" kennen
Science/B.Parsons,L.M.Witmer

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Die neuen Lehrpläne sind Teil umfassender Reformen und Kürzungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich, gegen die in den vergangenen Monaten immer wieder massiv protestiert wurde. Das Nationalinstitut der Wissenschaften erwägt nun eine Klage vor dem Verfassungsgerichtshof, die Vereinigung der Naturwissenschaftlichen Lehrer sammelt bereits Unterschriften "gegen die kulturelle und materielle Verarmung Italiens".

Im Ministerium versucht man, die Wogen zu glätten. Der für Lehrplanung zuständige Generaldirektor Silvio Criscuoli verwies darauf, dass Darwin ja nicht verschwinden, sondern nur später gelehrt würde. "Schüler im Alter von 10 bis 13 Jahren sind viel zu jung, um mit solch einer komplizierten Materie konfrontiert zu werden", erklärte Criscuoli. Der Evolutionsstreit ist jedoch nicht allein eine pädagogische Frage, sondern auch ein Politikum. Viele Beobachter sehen in der Richtlinie ein Zugeständnis an die katholische Bischofskonferenz. Die Studentenorganisation der Regierungspartei Alleanza Nazionale hatte im Februar eine "Anti-Evolutionswoche" veranstaltet. Bei einem Kongress mit dem Titel "Evolutionslehre - ein Märchen für die Schulen" sagte der Abgeordnete Pietro Cerullo: "Darwins Theorie ist funktionell für die Hegemonie der Linken. Sie entstand als in Europa der Positivismus dominierte, das Vorzimmer des Marxismus."

Der Kreationismus in den USA

Schaubild zur Evolution: Die Entwicklung des Lebens
NASA

Schaubild zur Evolution: Die Entwicklung des Lebens

Der Kulturkampf zwischen biblischem Schöpfungsmodell und Evolutionslehre tobt an amerikanischen Schulen bereits seit Jahren. Nach einem Bericht des Wissenschaftsmagazins "Science" gibt es in 31 Bundesstaaten juristische und politische Auseinandersetzungen über die Darstellung von Darwins Ideen an Schulen. In Ohio beschloss der oberste Schulausschuss im Dezember, ein evolutionskritisches Kapitel in den Lehrplan aufzunehmen. Den Schülern sollen auch alternative Theorien des "Kreationismus" und des so genannten "Intelligent Design" nahe gebracht werden. In Kansas sind die Lehrer seit mehreren Jahren gesetzlich verpflichtet, Kreationismus genauso eingehend zu unterrichten wie die Evolutionstheorie.

Anhänger des Kreationismus mögen sich nicht vorstellen, dass Leben habe sich im Zuge planloser Mutationen entwickelt. Sie sehen hinter allem eine höhere Macht mit göttlichem Plan. So gibt es für die Kreationisten eine klare Antwort auf die Frage nach dem Ursprung von Weltall, Erde und Mensch: die biblische Genesis.

Demnach machte sich Gott am 23. Oktober 4004 v. Chr. ans Werk, und sechs Tage später waren die Welt und ihre Bewohner erschaffen. Menschen und Saurier lebten einträchtig beisammen, wenn sie sich nicht gerade jagten, was die verschiedenen Drachensagen belegen würden.

Urvater der Evolutionslehre: Wenn das Charles Darwin wüsste
AP

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Für die radikalsten Kreationisten, die so genannten "flat-earthers", ist die Erde zudem eine Scheibe. Und Bilder der Erdkugel sind im Studio entstandene Fälschungen. 15 bis 20 Prozent aller US-Lehrer behandeln inzwischen kreationistische Konzepte im normalen Unterricht, schätzt Randy Moore, Biologe an der University of Minnesota in "Science".

In Cobb County, Georgia, läuft momentan ein Prozess zur Rechtmäßigkeit von Stickern, mit denen die Schulbücher versehen wurden. Auf den Aufklebern ist zu lesen: "Dieses Buch enthält Material über die Evolution. Die Evolution ist eine Theorie über den Ursprung von Lebewesen, kein Fakt. Diese Materialien sollten mit wachem Geist, sorgfältig studiert und kritisch betrachtet werden."

Von den Anti-Evolutions-Gesetzen zum Intelligent Design

Der Streit zwischen biblischen Fundamentalisten und Darwinisten hat in den USA eine lange Tradition. 1928 wurde im Staat Arkansas ein Anti-Evolutions-Gesetz erlassen, das es verbot, den Darwinismus in der Schule zu erwähnen. Erst mit einer Entscheidung des Supreme Court von 1968 wurde dieses Gesetz aufgehoben. Anfang der Achtziger Jahre wurden dann in Louisiana und Arkansas neue Gesetze erlassen, mit denen öffentliche Schulen zur ausgewogenen Behandlung von Kreationismus und Evolutionslehre verpflichtet wurden.

Globus (in US-Schule): Plumpe Fälschung, glauben die "flat-earthers"
AP

Globus (in US-Schule): Plumpe Fälschung, glauben die "flat-earthers"

Zu dieser Zeit hatte auch Ronald Reagan im Wahlkampf erklärt: "Wenn die Evolutionstheorie in Schulen gelehrt wird, dann sollte auch die biblische Theorie der Schöpfung unterrichtet werden." 1987 war es dann wieder das oberste amerikanische Gericht, das den "Creationism Act" des Staates Louisiana von 1980 für verfassungswidrig erklärte. Die Kreationisten hatten versucht, ihre Lehre zur Wissenschaft zu erklären. Doch der Supreme Court urteilte, "Creation science" diene religiösen, nicht wissenschaftlichen Zwecken.

In letzter Zeit entstand die so genannte "Intelligent Design" Bewegung. Mit dieser Bezeichnung des göttlichen Schöpfungsplans versucht man, die alten Ideen unter neuem Etikett zu verbreiten. Ein erster Erfolg ist ein Gesetzesentwurf in Missouri, der vorsieht, ab 2006 Lehrer zu feuern, die Evolution und "Intelligent Design" im Unterricht nicht gleichwertig behandeln. Auch George W. Bush tritt dafür ein, dass Kinder verschiedene Theorien über den Ursprung der Welt lernen. Die "Talibanisierung des Biologie- und Wissenschaftsunterrichts", wie die "Neue Zürcher Zeitung" das Phänomen bezeichnete, spiegelt sich auch in den Ansichten der Bevölkerung wider: Nach einer Gallup-Umfrage glauben 57 Prozent der Amerikaner an den Kreationismus und nur ein Drittel an die Evolutionstheorie.

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