Schulexperiment: Ein bisschen Regelschule, ein bisschen Waldorf

Von Heike Sonnberger

Deutschlandpremiere in Hamburg? Ab 2014 sollen Lehrer einer staatlichen Grundschule auch nach Prinzipien der Waldorfpädagogik unterrichten dürfen. Die Waldorfgemeinde ist euphorisch, die Schulbehörde hofft auf eine bessere soziale Durchmischung der Schule im Brennpunktviertel Wilhelmsburg.

Ganztagsschule Fährstraße: Zwei von drei Lehrern wollen mehr Waldorf Zur Großansicht
Ganztagsschule Fährstraße

Ganztagsschule Fährstraße: Zwei von drei Lehrern wollen mehr Waldorf

Die Stadt Hamburg plant eine kleine Bildungsrevolution: In einer Grundschule im Stadtteil Wilhelmsburg sollen ab dem Schuljahr 2014/2015 Lehrer der alternativen Waldorfpädagogik gemeinsam mit staatlich ausgebildeten Lehrern unterrichten. Das teilte die Hamburger Schulbehörde am Mittwoch mit.

Ziel sei es, "bildungsbeflissene Familien, die mehr und mehr in den aufstrebenden Stadtteil ziehen, an diesen Schulstandort zu binden und eine soziale Separierung zu verhindern", sagte Behördensprecher Peter Albrecht. Die Initiative Interkulturelle Waldorfschule feiert die Pläne schon als Erfolg. "Es ist das erste Mal, dass eine Schulbehörde so auf die Waldorfbewegung zugeht", sagt Sprecherin Christiane Leiste.

Für die Initiative kam die Idee überraschend: Eigentlich wollten Leiste und ihre Mitstreiter in Wilhelmsburg eine herkömmliche, private Waldorfschule gründen. Leiste sagt, ihre Initiative sei damit im vergangenen Jahr an die Hamburger Schulaufsicht herangetreten. Doch dann habe die Behörde vorgeschlagen, stattdessen eine bestehende Grundschule so umzubauen, dass dort auch nach den Prinzipien der Waldorfpädagogik gelehrt werden könne.

Waldorfpädagogik als Lösung für soziale Probleme?

Kommt der Schulversuch wie geplant, wäre es die erste komplett staatlich finanzierte Schule, an der Lehrer und Waldorfpädagogen gemeinsam Klassen betreuen und den Unterricht gestalten. Die Schulbehörde will so verhindern, dass bildungsbewusste Eltern ihre Kinder lieber an eine benachbarte Waldorfschule schicken - und dass die öffentliche Schule ein Sammelbecken für Kinder aus sogenannten Problemfamilien werden könnte. Der Stadtteil Wilhelmsburg gilt als sozial schwierig. Beinahe jedes zweite Kind ist zumindest teilweise auf Sozialleistungen angewiesen, jeder dritte Wilhelmsburger hat keinen deutschen Pass.

In einer Abstimmung am Freitag hatten sich die meisten der rund 30 Lehrer in der Grundschule Fährstraße für das Vorhaben ausgesprochen. Gemeinsam mit Waldorflehrern wird das Kollegium der Grundschule jetzt ein Unterrichtskonzept erarbeiten. Schulleiterin Ulrike Klatt erklärte, man werde sich "in der Konzeptgruppe gemeinsam auf dem Weg machen" und habe sich dafür bewusst zwei Jahren Zeit gegeben. "Es geht auch darum, dass wir uns menschlich näherkommen", sagte Klatt. Das Projekt könne auch scheitern, wenn man nicht auf einen gemeinsamen Nenner komme.

Bislang ist angedacht, jede Klasse von einem Waldorfpädagogen und einem regulären Lehrer unterrichten zu lassen. Es sollen unter anderem die emotionalen und die handwerklichen Fähigkeiten der Kinder stärker gefördert werden. "Die künstlerisch-musische Ausrichtung soll im Mittelpunkt stehen", sagte Behördensprecher Albrecht.

Es gehe jedoch nicht darum, eine staatliche Waldorfschule zu eröffnen oder die Ideologie von Schulgründer Rudolf Steiner in staatliche Unterrichtspraxis zu überführen. Außerdem verwies die Schulbehörde auf eine Hamburger Gesamtschule in einem anderen Stadtteil, an der bereits seit mehr als 60 Jahren auch waldorfpädagogische Inhalte vermittelt würden.

Bund der Waldorfschulen warnt vor "Etikettenschwindel"

Weil Waldorfschulen als Einrichtungen in freier Trägerschaft Schulgeld kosten, findet man sie selten in Brennpunktvierteln, meist stehen sie in bürgerlichen Gegenden. Die Waldorfpädagogik geht auf den österreichischen Philosophen und Pädagogen Rudolf Steiner zurück, der die Inhalte Anfang des 20. Jahrhunderts formulierte.

Waldorfschulen verzichten in der Unter- und Mittelstufe auf Noten und Sitzenbleiben. Druck gilt unter Waldorfpädagogen als verpönt, experimentelles Lernen und reformpädagogische Methoden stehen im Vordergrund. Wegen esoterischer Inhalte im Weltbild Steiners werden die Schulen auch kritisch gesehen.

Geht es nach der Initiative Interkulturelle Waldorfschule, soll aus der Grundschule an der Fährstraße nach und nach eine 13-jährigen Gesamtschule werden. Projektleiterin Leiste hofft, dass sich gerade Kinder aus bildungsfernen Familien dort gut zurechtfinden. "Sie haben mehr Chancen, sich zu entfalten, ohne äußerliche Druckmechanismen wie Noten."

Der Bund der freien Waldorfschulen unterstützt die Hamburger Pläne. Ihr Sprecher Henning Kullak-Ublick sagte, die staatliche Trägerschaft könne den Wilhelmsburgern finanzielle Probleme ersparen. Es sei aber auch wichtig, dass sich die Hamburger Schulaufsicht nicht zu sehr in die inhaltliche Arbeit einmische. "Wir sind neugierig, ob das Kollegium so autonom bleibt, dass wir das unterstützen können", sagte Kullak-Ublick. Wenn nicht, sei das Ganze nur "Etikettenschwindel".

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
semitone 19.09.2012
Schulversuch in Hamburg: Waldorfpädagogik an staatlicher Schule - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,856778,00.html)[/QUOTE] Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B) Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig! Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil. Aber es scheinen ja genügend Anthros auf den richtigen Positionen zu sitzen, anders kann ich mir das nicht erklären.
2. In anderen Staaten nicht ungewöhnlich
ebehrens 19.09.2012
Im angelsächsischen Raum kennt man den Status "Charter-School". Da übergibt der Staat die Leitung von Schulen, die er weiterhin wie bisher finanziert, an Institutionen, die ein pädagogisches Konzept vorlegen. In England hat das Tony Blair forciert, um zu pädagogischen Verbesserungen zu kommen. Um den Wettbewerb der Schulen um die Schüler anzufachen und um allen Schülern den Zugang zur gewünschten Schule zu erleichtern, hat er sogar eine großzügige Schülerbeförderung finanziert. Die Charter-Schools sind keine Versuchsschulen, die für das staatliche Schulen ein neues pädagogisches Konzept ausprobieren sollen, das danach im Erfolgsfalle von allen anderen Schulen übernommen werden soll. Diese Schulen brauchen einen Dauerstatus im Schulgesetz, damit sie wie private Schulen pädagogisch eigene Wege gehen können. Auch in Nordamerika gibt es Charter-Schools, auch solche, die waldorfpädagogisch arbeiten. So frei wie Schulen in freier Trägerschaft sind sie nicht und der Staat sollte sich wirklich fragen, ob es nicht sinnvoller ist, für jeden Schüler an freien Schulen denselben Aufwand zu treiben, wie für die an staatlichen Schulen. Dann könnte er staatliche Schulen, die das wünschen, um pädagogisch andere Wege gehen zu können, an Stiftungen oder gemeinnützige Vereine übergeben. Die Charter-Schools sind nur ein schwierig zu gestaltender Kompromiss, bei dem keiner so recht weiß, woran er auf Dauer sein wird. Eckhard Behrens, Heidelberg
3. Warum immer Grundschule?
Zentralabitur 20.09.2012
Was ist so wichtig an einer Grundschule? Warum interessieren sich alle für Kindergarten? Viel wichtiger wäre es das Abi nun auch wirklich mal Standard wird und Hauptschulen dicht gemacht werden. Den Leuten wie z.B. in Kanada einfach keine Wahl lassen ob diese sich gut bilden wollen. Heute gildet ein Abi - auch wenn es viele machen - immer noch als etwas besonderes.
4.
crazy.diamond 20.09.2012
Zitat von semitoneSchulversuch in Hamburg: Waldorfpädagogik an staatlicher Schule - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,856778,00.html)
Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B) Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig! Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil. [/QUOTE] Woher wissen Sie denn, dass Waldorfschüler Waldorfpädagogik lernen? Sicher nicht durch den Besuch einer Waldorfschule - dann wüsste ich das nämlich auch. Aus meiner Klasse (1. Klasse bis Abitur) haben immerhin ausnahmslos alle etwas aus ihrem Leben gemacht. Entweder mit Realschulabschluss und dann eigener Firma oder mit Abitur, Ausbildung (mit anschließender Firmengründung) oder Studium. Und für alle mit denen ich noch engeren Kontakt habe ist beruflicher Erfolg nicht alles - es sind glückliche, mit sich selbst und ihrem Leben zufriedene Menschen. Ist das nicht schon eine ganze Menge für unsere heutige Gesellschaft? Man wird an jedem System etwas Negatives finden. Mir persönlich machen meine Berliner Gymnasiallehrer-Freunde die reihenweise in andere Bundesländer abwandern viel mehr Angst. Nur weil Berlin keinen Beamtenstatus (dafür aber das Höchstgehalt ab Berufseinstieg) bietet verlassen sie Heimat, Freunde und Familie. Ich möchte nicht, dass meinen Kindern ausgerechnet von ihren Lehrern vorgelebt wird, dass Geld das einzig Wichtige im Leben ist!
5.
wahlossi_80 20.09.2012
Zitat von semitoneSchulversuch in Hamburg: Waldorfpädagogik an staatlicher Schule - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,856778,00.html)
Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B) Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig! Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil. Aber es scheinen ja genügend Anthros auf den richtigen Positionen zu sitzen, anders kann ich mir das nicht erklären.[/QUOTE] Nur weil Sie Steiners Werke gruselig finden, heißt das nicht, dass er den Dingen nicht mehr auf der Spur ist als unser säkular-materialistisches Ausnahmesystem. Natürlich ist die Waldorfpädagogik nicht frei von Steiners Ansichten. Sie fußt darauf. Für die Schüler gereicht es zum Vorteil, von ihren Lehrern nicht für den Kampf in einem hinfälligen orientierungsunfähigen System getrimmt, sondern zu wahren Menschen gebildet zu werden. Dazu bedarf es der Überzeugung einer Verankerung des Menschen im Absoluten, wie sehr sich hartnäckige Materialisten auch dagegen wehren mögen, weil sie nicht über den Tellerrand schauen mögen.
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