Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umzug in ein anderes Bundesland: "Ich musste zwei Jahre Latein aufholen"

Von

Wenn Familien in ein anderes Bundesland umziehen, droht oft ein Schulchaos Zur Großansicht
imago

Wenn Familien in ein anderes Bundesland umziehen, droht oft ein Schulchaos

Gleiche Lehrpläne für alle? Eine Illusion, sagt KMK-Präsidentin Kurth. SPIEGEL-ONLINE-Leser wollen offensichtlich aber genau das: Eltern, Schüler und Lehrer erzählen vom Wechsel-Chaos beim Umzug in ein anderes Bundesland.

"Das Zentralabitur ist eine Vision", sagt Brunhild Kurth. Die sächsische Bildungsministerin und neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) findet regionale Unterschiede im Schulsystem wichtig.

Viele Eltern, Schüler und Lehrer sehen das jedoch anders. So auch SPIEGEL-Redakteur Jan Friedmann, der im vergangenen Spätsommer mit seiner Familie von Hamburg nach Stuttgart umgezogen ist und im aktuellen SPIEGEL von den neuen Erfahrungen an der Grundschule seiner Kinder berichtet.

Auch viele SPIEGEL-ONLINE-Leser sind bereits mit Schulkindern in ein anderes Bundesland gezogen und haben uns ihre Erfahrungsberichte geschickt. An dieser Stelle veröffentlichen wir eine Auswahl der Zuschriften, die zeigen: Den meisten geht das Schulchaos auf die Nerven, und häufig leiden die Kinder unter den unterschiedlichen Anforderungen. Doch nicht alle sehen darin einen Grund zum Jammern.

Familie S.: "Wir ziehen ständig um - die Kinder sind die Leidtragenden"
"Wir sind eine Familie mit zwei schulpflichtigen Kindern im Alter von 12 und 15. Ich bin Soldat und zurzeit in den USA stationiert. Unsere Kinder besuchen hier in Amerika eine deutsche Schule nach dem Schulstandard Nordrhein-Westfalen, beide gehen auf den gymnasialen Zweig und haben sehr gute Notendurchschnitte. Nun wissen wir, dass wir bald zurück nach Bayern gehen werden. Wir haben uns an mehreren Schulen erkundigt, das Ergebnis: Der 12-Jährige muss, obwohl er vom gymnasialen Zweig auf die Realschule wechseln will, an einer Aufnahmeprüfung teilnehmen - sonst müsste er die Klasse wiederholen. Dem 15 jährigen wurde dringend empfohlen, die 10. Klasse zu wiederholen - obwohl er einen Notendurchschnitt von 1,14 hat. In meiner Berufssparte ziehen wir ständig um, und die Kinder sind die Leidtragenden. Es sollte zumindest ein annähernd gleicher Lehrplan bestehen. Das Bildungssystem als Ländersache zu betreiben, ist angesichts der Globalisierung absoluter Nonsens."

Elmar Bodet ärgert sich über mangelnde Flexibilität:
"Ein Kind zieht im Sommer 2015 von NRW nach Bayern.
Das Ergebnis: Ferien vom 29.06. bis 14.09.
Ein Kind zieht im Sommer 2015 von Bayern nach NRW.
Das Ergebnis: Ferien vom 01.08. bis 11.08."

Karin Eckmann-Gräfen: "Die Länderhoheit ist ein Relikt aus der Vorzeit!"
"Ich habe in den Jahren 1960 -1973 die Schule besucht, in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Jeder Schulwechsel war ein Drama, weil weder die Lehrpläne noch die Schultypen übereinstimmten. Ich hatte die Hoffnung, dass dies sich bessern würde, aber in 40 Jahren hat sich nichts verändert - es ist scheinbar noch schlimmer geworden. Und das in einer Zeit, in der von Arbeitnehmern höchste Flexibilität verlangt wird. Kein Wunder, dass Eltern ihre Kinder auf Internate schicken, da ein häufiger Schulwechsel nicht verkraftbar ist. Es wird höchste Zeit mit dieser Kleinstaaterei aufzuhören - die Schulbildung sollte endlich in Bundeshand, die Länderhoheit ist ein Relikt aus der Vorzeit!!!"

Kim G., Schülerin: "Ich musste zwei Jahre Latein aufholen"
"Ich bin Schülerin und werde in diesem Jahr mein Abitur in Baden-Württemberg machen. Als ich in der 7. Klasse war, sind wir von Schleswig-Holstein (G9) nach Baden-Württemberg (G8) gezogen. In Norddeutschland war Latein als zweite Fremdsprache in der 7. Klasse eingeführt worden, in Baden-Württemberg lernen die Schüler aber schon ab der 5. Klasse zwei Fremdsprachen. Ich musste also zwei Jahre Latein aufholen - und das nur, weil wir umgezogen waren! Das Schulsystem sollte meiner Meinung nach stärker angeglichen werden."

Inge Worbs, Lehrerin: "Macht euch bloß nicht verrückt!"
"Ich bin selbst als Kind von einem Bundesland in ein anderes gewechselt und habe dann in knapp 40 Jahren als Lehrerin auch häufig Schüler, die mit ihren Eltern umgezogen waren, unterrichtet. Meiner Erfahrung nach sind Kinder und Jugendliche viel flexibler, als wir Erwachsenen und Eltern das annehmen. Ein normal begabtes Kind hat innerhalb eines halben bis eines ganzen Jahres alle Lücken gefüllt beziehungsweise überflüssiges Wissen vergessen. Macht euch bloß nicht verrückt! Besonders auch nicht eure Kinder! Das Leben ist auch so schon anstrengend genug!"

Christian Baldauf: "Bayerische Schule akzeptierte Empfehlung nicht"
"Wir sind vor einigen Jahren von Baden Württemberg nach Bayern gezogen. Damals hatte unser jüngerer Sohn gerade die Grundschule beendet und sollte in die 5. Realschule wechseln. Doch die bayerische Realschule akzeptierte die Empfehlung der baden-württembergischen Grundschule nicht - sie wollten eine Gymnasialempfehlung, das Kind würde ja nicht aus Bayern stammen. Unseren Einwand, mit einer solchen Empfehlung würden wir an ein Gymnasium gehen, ließ man nicht gelten. Unser Sohn wurde nicht angenommen und besuchte schließlich die Hauptschule. Wir wohnen an der Grenze zu Hessen und hörten immer wieder von Lehrern und Schulleitern, dass ein bayerischer Hauptschulabschluss viel mehr Wert sei als ein hessischer Realschulabschluss."

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Gemeinsames Schulsystem? Kein Problem!
gangker2 16.01.2015
Was soll es denn sein? Das bayerische? Das thüringische? Nach Pisa sind das Siegertypen. Das NRW-System? Das Bremer Schulsystem? Nee, lieber nicht. Man könnte ja allen auch den Super-Kompromiss servieren. Den wird es nur nie geben. Wer an die Einführung eines zentralen Schulsystems glaubt, der hat unser politisches System nicht verstanden.
2. Warum sollte Frau Kurth auch eine Änderung des Chaos betreiben?
schlabbedibapp 16.01.2015
Will man den Sumpf trockenlegen, darf man nicht die Frösche fragen! Ansonsten beobachte ich das Desaster seit einigen Jahrzehnten. Die Schule war immer ein Experimentierfeld mit zweifelhaftem Ausgang. Nur der Bundestag wäre in der Lage, etwas zu ändern - sofern nicht der Bundesrat gefragt werden müsste :)
3. Hörensagen
Alles bestens 16.01.2015
Dass bayrische Lehrer und Schulleiter den "bayrischen Hauptschulabschluss" als besser ansehen, glaube ich, aber sehen das auch die Personalleiter so? Das ist doch das entscheidende für das Kind. Meine Nichte hatte den Vergleich und meint, dass einfach in Bayern mehr gepaukt wird und in Hessen mehr selbständig gearbeitet. Ob das eine oder das andere "besser" ist, ist die Frage.
4.
arkimethans 16.01.2015
Wer einmal den Wechsel von Bundesland zu Bundesland miterlebt hat, wird sein Leben lang misstrauisch sein gegenüber dem Abitur und dem deutschen Schulsystem, das keine Gleichbehandlung zulässt. Eine Angleichung wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Taugt der Lehrer aber nichts oder hat eine Versetzungsmacht (d.h. ist Lehrer in mehr als zwei entscheidenden Fächern), so sieht es für den Schüler immer noch schlecht aus. Im Studium lernt man dann auch Zeitgenossen kennen, bei denen man sich wundern darf, wie sie überhaupt zum Studium gelangen durften und denkt an diejenigen, die wegen einer strengeren Auslegung nun einen anderen Start ins Leben verpasst bekommen haben. Eins haben sie dann aber gelernt. Das Leben ist nicht gerecht.
5. Bedürfnisse von KIndern kommen mal wieder nicht vor!
Benjowi 16.01.2015
Entweder man muss diese schulische Kleinstaaterei komplett abschaffen oder zumindest so angleichen, dass der beschriebene Unsinn vermieden wird. Die Bedürfnisse von Kindern sind offensichtlich in diesem System nicht vorgesehen-wie so vieles in diesem kinderfeindlichen Land!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Streit ums Turbo-Abi: Das Konzept "Mittelstufe plus"

Dauer der Gymnasialzeit: Acht Jahre? Neun Jahre? Oder beides?

Stand: November 2015

Wollen Sie mehr Details zum Schulsystem eines Bundeslands erfahren? Wählen Sie eines der Länder aus, indem Sie darauf klicken oder tippen.



Social Networks