Urteil zum Schulsport: Muslimin muss mit Jungs schwimmen

Die Schülerin wollte aus religiösen Gründen nicht mit ins Schwimmbad, jetzt entschied Hessens Verwaltungsgerichtshof: Auch Musliminnen müssen zum gemischtgeschlechtlichen Schulschwimmen. Integration sei wichtiger als Glaubensfreiheit, begründeten die Richter - zumindest bis zur Pubertät.

Schülerin in Ganzkörperschwimmanzug: Ein "Plastiksack", der "hässlich" macht? Zur Großansicht
DPA

Schülerin in Ganzkörperschwimmanzug: Ein "Plastiksack", der "hässlich" macht?

Frankfurt am Main/Kassel - Erneut sind ein muslimisches Mädchen und seine Eltern mit dem Versuch gescheitert, die Schülerin gerichtlich vom Schwimmunterricht befreien zu lassen. Der Hessische Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel wies am Freitag die Berufung einer heute zwölfjährigen Gymnasiastin ab.

Die Familie war der Ansicht, dass die Frankfurter Schule das Mädchen nicht zu den gemischtgeschlechtlichen Schwimmstunden ihrer fünften Klasse hätte schicken dürfen. Das Mädchen hatte vor Gericht gesagt, ihr islamischer Glaube verbiete, sich vor Jungen oder Männern in Badekleidung zu zeigen. Außerdem dürfe und wolle sie ihre männlichen Klassenkameraden nicht halbnackt sehen. "Ich würde gerne schwimmen, aber nur wenn es Schwimmunterricht nur für Mädchen gibt, die sich richtig bekleiden und nicht bloß einen Bikini tragen", sagte die Schülerin. Sie nehme ihre Religion ernst.

Bereits die erste Klage der Schülerin hatte das Verwaltungsgericht Frankfurt abgewiesen. Hessens oberstes Verwaltungsgericht entschied nun ebenso. "Die Klägerin hätte damals am Schwimmunterricht teilnehmen müssen", sagte der Vorsitzende Richter und VGH-Präsident, Karl-Hans Rothaug. Es habe in diesem Fall "keine Gründe für eine Befreiung" gegeben.

"Nackte Jungsoberkörper im Interesse der Integration hinnehmen"

Die Gymnasiastin, die im vergangenen Schuljahr zusammen mit ihren männlichen Mitschülern Schwimmen üben sollte, hätte ihre Glaubensvorschriften auch mit einem sogenannten Burkini erfüllen können, befand das Gericht. Der Schulleiter habe das Mädchen zu Recht auf einen solchen Ganzkörperbadeanzug verwiesen und sie nicht von den Schwimmstunden befreit. Der Anzug, auch Haschima genannt, lässt nur Gesicht, Hände und Füße frei. Die Schülerin hatte ihn abgelehnt. Ihr Anwalt sagte, das Kleidungsstück sei ein "Plastiksack" und lasse die Trägerin "hässlich" aussehen.

Richter Rothaug sagte hingegen, dem Mädchen sei das Tragen des Ganzkörperanzugs zuzumuten gewesen. Das Bestreben der Schülerin, keine Jungen in Badehosen zu sehen und sie nicht berühren zu müssen, sei zwar von der Glaubensfreiheit geschützt. Die werde aber durch das verfassungsrechtliche Erziehungsziel Integration eingeschränkt, hieß es in einer Pressemitteilung des Gerichts.

Gerichtspräsident Rothaug sagte außerdem, die Schülerin habe sich dem gemischtgeschlechtlichen normalen Sportunterricht nicht verweigert, scheine also den Anblick nicht vollständig bekleideter Jungen aushalten zu können. "Dass sie dann den einen oder anderen nackten Jungsoberkörper zu sehen bekommt, muss sie im Interesse der Integration hinnehmen", sagte der Richter. Integration verlange auch, dass religiöse Minderheiten sich nicht selbst ausgrenzten.

Rothaug unterstrich, das Gericht habe im Einzelfall entschieden. Für das Urteil habe auch eine Rolle gespielt, dass die Klägerin die Pubertät noch nicht erreicht habe. Mit dem Zeitpunkt der Geschlechtsreife hatte im Juni bereits das Oberverwaltungsgericht Bremen im Fall einer neunjährigen Grundschülerin argumentiert: Erst nach dem Einsetzen der Pubertät erkenne die Rechtssprechung für muslimische Schülerinnen einen Befreiungsanspruch an, wenn der Sportunterricht sie in einen persönlichen Gewissenskonflikt bringe.

Wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Frage ließ der Verwaltungsgerichtshof Kassel eine Revision zum Bundesverwaltungsgericht zu. Ob das Mädchen nun vor das Bundesverwaltungsgericht ziehen will, ließ ihr Anwalt zunächst offen.

Aktenzeichen: 7 A 1590/12

cht/son/dapd/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 115 Beiträge
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    Seite 1    
1. Lasst muslimische Maedchen einfach schwimmen!
CaptainSpock 28.09.2012
Bei allem Respekt vor der dem Islam, sollten muslimische Eltern wirklich darueber nachdenken, ob es nicht wichtiger ist, dass die Tochter schwimmen lernt und in der Klasse integriert wird, als penibelst darauf zu achten, dass keine nackte Haut gesehen wird. Ich kann mich sehr gut an muslimische Mitschuelerinnen erinnern, die ganz normal am Schwimmunterricht mit Badeanzug teilgenommen haben ohne dass auf Religionsfreiheit plaediert wurde. Diese Maedchen kamen aus einer glaeubigen Familie, die aber gleichzeitig offen und integrationsbereit war. Schade, dass nicht alle muslimischen Eltern so offen sind und es sich in unserer Kultur so derartig schwer machen wollen.
2. Mutiger Richter!
adam68161 28.09.2012
Solch einen mutigen Richter am Bundesverwaltungsgericht hätte man sich auch beim Kirchensteuerurteil in Leipzig gewünscht! Die Anwälte der jungen Frau müssen sich fragen lassen, ob es keine sinnvolleren Mandate gibt. Aber wahrscheinlich trägt die Prozess- und Anwaltskosten die Rechtsschutzversicherung. Dass damit jegliche Integrationsbemühungen auf den Kopf gestellt wurden, ist nur eine Nebenerscheinung.
3. Faszinierend
mistertengu 28.09.2012
Es ist schon faszinierend mit welchen sinnlosen Klagen unsere Gerichte beschäftigt werden. Was ist das nächste? Bäcker darf weiterhin "Schinkenbrötchen" verkaufen, auch wenn Muslime in der Reihe stehen?
4. Tscha!
ClausCarstenFinn 28.09.2012
Zitat von sysopDanke liebe Aufklärung. Und wenn jetzt noch das Verstümmeln von Kleinkindern aus religiösen Gründen verboten wird, werden wir der Gegenwart noch ein Stück näher gekommen sein.
Erwarten Sie nicht zuviel von unserer kriechenden Gesellschaft! Haben Sie das gewußt? "UNO: - Die traditionellen Werte der Menschheit sind ein Menschenrecht. Die Resolution wurde auf Initiative Russlands hin mit über 40 Stimmen angenommen. Ein Verstehen und Respekt den traditionellen Werten gegenüber begünstigt auch den Schutz der Menschenrechte, heisst es im Text. Wichtige Rolle spielen dabei die Familie, Gesellschaft und die Einrichtungen zur Bildung. Die USA und EU stimmten dagegen. "Kein Land oder eine bestimmte Ländergruppe hat ein Monopol darauf, der Welt die Normen im Bereich der Menschenrechte zu diktieren." Ich halte zwischenzeitlich Rußland für fortschrittlicher und LIBERALER als unser "Alternativlosland".
5. ...
cato. 28.09.2012
Zitat von sysopDie Schülerin wollte aus religiösen Gründen nicht mit ins Schwimmbad, jetzt entschied Hessens Verwaltungsgerichtshof: Auch Musliminnen müssen zum gemischtgeschlechtlichen Schulschwimmen. Integration sei wichtiger als Glaubensfreiheit, begründeten die Richter - zumindest bis zur Pubertät. Schwimmunterricht für Muslime: Schule musste Mädchen nicht befreien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/schulspiegel/schwimmunterricht-fuer-muslime-schule-musste-maedchen-nicht-befreien-a-858594.html)
Ganz schön fordernd, Schwimmen ja aber nicht bei einem Lehrer, nicht mit männlichen Mitschülern und die anderen Mädchen sollen gefälligst anziehen was Madame für Religiös zumutbar hält. Und die Alternative des Burkini wird aus ästhetischen Gründen abgelehnt und nicht etwa aus Religiösen... Mit solchen Forderungen wird die Ablehnung des Islams gefördert!
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