Segelmädchen Laura Dekker: Weltreise eines Wunderkindes

Aus Sint Maarten berichtet

Sie stemmte sich gegen Verbote, gegen die Schulpflicht, gegen die Sorge von Jugendschützern: Mit 14 startete Laura Dekker im Zweimaster, mit 16 ist sie jetzt der jüngste Mensch, der allein um die Welt segelte. Wessen Traum hat sie damit erfüllt?

Das Problem von Wunderkindern ist, dass sie niemand gefragt hat. Ihre Eltern haben sie mit drei Jahren an den Flügel gesetzt, ihnen Schlittschuhe angezogen, einen Trainer engagiert. Manche rebellieren irgendwann, manche zerbrechen am Druck, manche entfalten ihr überragendes Talent, üben und trainieren ein Leben lang, viele Stunden am Tag.

Das Problem von Laura Dekker ist, dass Hochseesegeln gefährlicher ist als Klavier spielen, Eiskunstlauf, Tennis. Andere Wunderkinder begeistern bei Konzerten und erringen Medaillen. Vielleicht stellt mal jemand den Ehrgeiz der Eltern in Frage, sonst aber applaudiert das Publikum.

Über Laura Dekker und ihre Familie jedoch schwappt eine Welle der Empörung, lange bevor das Mädchen beweisen darf, was es kann. Lange bevor Laura als jüngster Mensch allein die Welt in ihrem Zweimaster "Guppy" umrundet und in Simpson Bay, Sint Maarten, einläuft, begleitet von einem Dutzend Schlauchbooten und dem Jubel ihrer Fans.

Sie ist 13 Jahre alt, als ihr Vater sie von der Schule abmelden will, damit sie sich ihren Traum erfüllen kann. Das Jugendamt schaltet sich ein, Richter beschränken das Sorgerecht der Eltern, eine Psychologin untersucht Laura, einem Segelprofi muss sie zeigen, dass sie ihr Boot im Griff hat. In den Niederlanden entbrennt ein Streit, ausgetragen an Kneipentischen, in Segelclubs und auf den Meinungsseiten der Zeitungen: Darf die das? Gefährdet der Mammut-Törn die Entwicklung des Kindes? Was, wenn sie kentert, sich verletzt, auf Piraten trifft? In einer Umfrage vom "Algemeen Dagblad" sagen 77 Prozent: Nein, die darf das nicht.

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Laura Dekker: Der lange Weg zum Weltrekord
Der Jugendschutz ist eine zivilisatorische Errungenschaft, ebenso die Schulpflicht. Doch immer wieder verzweifeln Kinder mit besonderen Talenten am Korsett aus Vorschriften, Stundenplan und Anpassung. Laura reißt aus, flüchtet in die Karibik, wird eingefangen und zurückgeschickt. Ihre Verzweiflung ist so groß, dass es gefährlicher scheint, sie dazubehalten, als sie lossegeln zu lassen.

Der Kampf gegen sich selbst

Wunderkinder haben die Träume ihrer Eltern geerbt, für manche ist es Ballast, für andere Erfüllung. Sie kämpfen irgendwann nicht mehr gegen andere, sie kämpfen gegen sich selbst. Sie haben sich das nicht ausgesucht, sie müssen beim nächsten Konzert, Turnier, Match mehr leisten als beim letzten Mal. Sie verschieben die Maßstäbe auf der Jagd nach Perfektion.

Laura segelt, seit sie denken kann. Sie wird 1995 geboren, als das Boot ihrer Eltern vor Whangarei liegt, Neuseeland. Die Dekkers sind auf Weltreise, Laura wächst auf dem Wasser auf. Erst als sie zur Schule muss, zieht die Familie nach Holland. Mit sechs fährt sie allein mit ihrer Jolle raus, mit zehn steuert sie ihr erstes Boot namens "Guppy", eine Hurley 800, entlang der niederländischen Küste, mit zwölf nach England und zurück.

"Wenn alle reingekommen sind, fuhr Laura raus", sagt Hans van Dijke, er betreibt eine technische Werft in Den Osse, wo das Hausboot von Lauras Vater liegt. Van Dijke, ein Freund der Familie, hat Lauras Weltumrundung erst möglich gemacht: Er hat dem Vater die Ketsch verkauft, wie Segler das 30 Jahre alte Boot nennen, mit dem Laura schließlich aufbricht. Er hat es seetüchtig gemacht, einen neuen Motor eingebaut, das Getriebe renoviert, die Radaranlage installiert - alles zusammen mit Laura und ihrem Vater, einem Schiffsbauer ohne Berufsabschluss. Wie die Familie trägt van Dijke ein rotes "Laura"-Polohemd bei ihrer Ankunft in Sint Maarten. Er sei stolz auf die eigene Arbeit, aber vor allem auf das Mädchen, das es allen gezeigt hat.

Mit 14 beginnt Laura ihre Weltreise, auf einer Internetseite lässt sich ihre Route verfolgen, sie schreibt Blog-Einträge. Denn obwohl das Misstrauen der Familie gegenüber den Medien gewachsen ist, nach all den kritischen Berichten und der Aufregung, brauchen sie Sponsoren. Als Laura unterwegs das Geld ausgeht, rufen Vater und Großmutter zu Spenden auf.

"Was zum Teufel tue ich hier?"

Es ist eine Reise voller Risiken. Wer allein um die Welt segelt, muss sich vollkommen auf das konzentrieren, was er tut, vor allem auf dicht befahrenen Handelsrouten. Jede Kollision, mit einem schwimmenden Container etwa, könnte in einer Katastrophe enden. Laura muss lernen, mit wenig Schlaf auszukommen, jederzeit könnte der Annäherungsalarm losgehen. Einmal, vor der Küste Südafrikas, taucht plötzlich ein Wal auf, direkt vor ihrem Boot, Laura sieht nur noch spritzendes Wasser. Es ist die gefährlichste Situation, an die sie sich nach ihrer Ankunft erinnern kann. Wenn sie sich verletzt, behandelt sie sich selbst. Vor der Abreise hat sie einen Kurs in medizinischer Nothilfe absolviert. Manchmal fragt sie sich: "Was zum Teufel tue ich hier?" Doch ans Aufgeben denkt sie nicht, so erzählt sie es später. "Es war mein Traum, ich tat, was ich wollte."

Anders als die Australierin Jessica Watson, die vormals jüngste Einhandseglerin, die es einmal um die Welt schaffte, lässt sich Laura viel Zeit für ihre Reise, über 500 Tage. Sie legt Zwischenstopps ein, geht immer wieder an Land, füllt ihre Vorräte auf, erledigt Reparaturen. Ihren 16. Geburtstag feiert sie in Darwin, Australien, mit Donuts und Kuchen, zusammen mit ihrem Vater und ein paar Freunden, darunter eine Filmemacherin aus New York, die eine Dokumentation über sie dreht.

Ein Dritteljahr später erreicht sie Sint Maarten. In allen Erdteilen berichten Zeitungen und Sender über ihren Landgang. Ihr Manager kündigt ein Buch an, zu dem sie ihre Blog-Einträge umarbeiten soll, unterstützt von fachkundigen Autoren, wie er sagt. Binnen zweier Monate soll es erscheinen, die Vermarktung läuft an. Laura selbst will die Schule fertig machen; wo, das weiß sie noch nicht.

Was sie mit der Weltumrundung geschafft hat, ist kein offiziell anerkannter Rekord. Segelverbände und Guinness-Buch wollen nicht, dass immer jüngere Segler aufbrechen zu riskanten Fahrten. Doch ein Wunderkind kämpft nicht gegen andere, es kämpft gegen sich selbst.

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insgesamt 90 Beiträge
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1. Richtig
eigene_meinung 23.01.2012
Laura Dekker hat auf ihrer Weltreise sicher mehr gelernt, als sie in der Schule hätte lernen können. Und das Risiko für sie war durchaus überschaubar - aufgrund ihrer Erfahrungen und Kenntnisse wussten sie und ihre Eltern, was sie konnte. Es ist gut, dass sie sich gegenüber den Behörden durchgesetzt hat.
2. Vielleicht
Erich91 23.01.2012
Zitat von sysopSie stemmte sich gegen Verbote, gegen die Schulpflicht, gegen die Sorge von Jugendschützern: Mit 14 startete Laura Dekker im Zweimaster, mit 16 ist sie jetzt der jüngste Mensch, der allein um die Welt segelte. Wessen Traum hat sie damit erfüllt - ihren eigenen oder den ihrer Eltern? http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,810688,00.html
sollte man das " Wunderkind " heiligsprechen
3. Unverständlich
George712 23.01.2012
Zitat von sysopSie stemmte sich gegen Verbote, gegen die Schulpflicht, gegen die Sorge von Jugendschützern: Mit 14 startete Laura Dekker im Zweimaster, mit 16 ist sie jetzt der jüngste Mensch, der allein um die Welt segelte. Wessen Traum hat sie damit erfüllt - ihren eigenen oder den ihrer Eltern? http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,810688,00.html
Weisst Du Mädchen, wärst Du im knappen Höschen einem der zahlreichen Piratenschiffen in den Händen gefallen, würdest Du jetzt nicht so naiv deine Arme in die Luft recken. Ganz zu Schweigen von den zahlreichen viel wahrscheinlichern anderen Gefahren die auf dem Meer lauern. Mir ist völlig unverständlich, wie Eltern einer Minderjährigen so etwas erlauben können. Was hast Du jetzt bewiesen? Alles noch mal gut gegangen, aber wenn dem Mädchen etwas passiert wäre.....
4. Verwöhntes Kind
mvheun 23.01.2012
Zitat von sysopSie stemmte sich gegen Verbote, gegen die Schulpflicht, gegen die Sorge von Jugendschützern: Mit 14 startete Laura Dekker im Zweimaster, mit 16 ist sie jetzt der jüngste Mensch, der allein um die Welt segelte. Wessen Traum hat sie damit erfüllt - ihren eigenen oder den ihrer Eltern? http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,810688,00.html
Ueber sie ist schon zu viel geredet hier in Holland. Sofort in die Schule gehen oder arbeiten, wie jeder.
5.
themistokles 23.01.2012
Zitat von George712Weisst Du Mädchen, wärst Du im knappen Höschen einem der zahlreichen Piratenschiffen in den Händen gefallen, würdest Du jetzt nicht so naiv deine Arme in die Luft recken. Ganz zu Schweigen von den zahlreichen viel wahrscheinlichern anderen Gefahren die auf dem Meer lauern. Mir ist völlig unverständlich, wie Eltern einer Minderjährigen so etwas erlauben können. Was hast Du jetzt bewiesen? Alles noch mal gut gegangen, aber wenn dem Mädchen etwas passiert wäre.....
Oder sie wäre an einer Amsterdaner Kreuzung von einem Auto überfahren worden... Am besten, wir schließen alle Jugendlichen bis zu einem Alter von 18 Jahren zu Hause ein. Dann passiert am wenigsten. Es sei denn, man wohnt in Österreich (ok, der war böse...). Mein Glückwunsch an die Weltumseglerin! Sie hat der ganzen Welt gezeigt, was junge Leute heute noch leisten können. Früher war es selbstverständlich, das junge Leute früh auf eigenen Beinen standen. Das haben wir leider erfolgreich "aberzogen", viele schaffen es ja nicht mal bis 30 das heimische Nest zu verlassen. Ach ja, die Erfahrungen und das, was sie über den Rest der Welt auf ihrer Weltumfahrt gelernt hat, ist tausendmal mehr wert, als irgendwelches Schulwissen!
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