Sexualkunde in der Schule: Abgebrüht und ahnungslos

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Sie wissen viel über Swingerclubs und wenig über Verhütung: Immer mehr Teenager werden schwanger. Dabei steht Sexualkunde schon in der Grundschule auf dem Lehrplan - zumindest theoretisch. Ein Report über hilflose Lehrer und überreizte Schüler.

In Hamburg brachte eine Zwölfjährige kürzlich ein Kind zur Welt. Niemand in ihrem Umfeld will die Schwangerschaft bemerkt haben, nicht mal die Schwangere selbst. Das nahm die bayerische Sozialministerin Christa Stewens (CSU) zum Anlass, mehr Offenheit zu fordern: Sexualkunde im Alter von elf oder zwölf Jahren sei definitiv zu spät. "Frühe Aufklärung tut Not", schreibt Stewens in einem Gastbeitrag in der Münchner "Abendzeitung". Weil die Mädchen immer früher geschlechtsreif würden, solle schon in der Grundschule expliziter aufgeklärt werden.

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Sexualkunde in der Grundschule - was für CSU-Verhältnisse wie eine revolutionäre Forderung klingt, ist theoretisch längst in den Lehrplänen integriert. In allen Bundesländern ist Sexualerziehung ab der ersten Klasse vorgeschrieben. Es gibt moderne Lehrpläne und kostenlose Verhütungsmittel für Minderjährige. Gut gemeinte Online-Aufklärungsprojekte namens "Loveline", "Sextra" oder "Herzensdinge" sind auf die Jugendliche Zielgruppe abgestimmt.

Auch außerhalb der Schule war es nie leichter, sich über Sex zu informieren. Dr. Sommer erklärt frühzeitig, wie sich verschiedene Sexualpraktiken anfühlen und liefert das obligatorische Vokabular von Gleitcreme bis Sadomaso. Im wöchentlichen "Bravo"-Bodycheck sind sogar entblößte Geschlechtsteile zu sehen.

Trotz aller Aufklärungsbemühungen werden immer mehr Teenager schwanger. Die Zahl der Schwangerschaften von Minderjährigen hat sich laut Statistischem Bundesamt in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Insgesamt wurden 13.000 Teenager im Jahr 2004 schwanger. 7854 brachen bundesweit ihre Schwangerschaft ab, damit sind Jugendliche für sechs Prozent aller Abtreibungen verantwortlich. Das Wissen über Sex ist gering - die Illusion jedoch, etwas darüber zu wissen, umso größer.

Sex hat etwas mit Ehe zu tun

Wie Sexualkunde in Deutschland unterrichtet wird, hat die Erziehungswissenschaftlerin Andrea Hilgers im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung untersucht. Sie fand heraus, dass damit zwar früh begonnen wird, konkrete Handlungsanweisungen allerdings fehlen.

Der Grundschul-Lehrplan in Bayern sieht so aus: In der ersten und zweiten Klasse werden Mutterschaft und Vaterschaft, Zeugung, Schwangerschaft und Geburt behandelt, in den Klassen drei und vier auch die körperlichen Unterschiede der Geschlechter und die Veränderungen in der Pubertät. Die vermeintliche Offenheit hat allerdings einen Haken: Es dürfen keine Bilder von nackten Körpern gezeigt werden und die Schüler dürfen im Sexualkundeunterricht nicht mitschreiben oder malen. Filme müssen zuerst den Eltern vorgeführt werden.

Auch in den weiterführenden Schulen Bayerns sind die Lehrpläne widersprüchlich. Sexualität wird dort auf die Aspekte Fortpflanzung, Partnerschaft und Persönlichkeitsbildung reduziert, sie findet in der Ehe statt. In anderen Bundesländern wird gelehrt, dass Sex auch etwas mit Lust und Erregung zu tun hat, so etwa in Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, im Saarland und Schleswig-Holstein.

Auch Selbstbefriedigung ist ein umstrittenes Thema. Die Kultusminister wollen sie in Niedersachsen positiv bewertet wissen, in Sachsen-Anhalt neutral erwähnen und in Baden-Württemberg oder Thüringen überhaupt nicht behandeln. Früher oder später steht in allen Bundesländern Empfängnisverhütung auf dem Lehrplan - in Baden-Württemberg allerdings nur in der Realschule. In anderen Schulformen ist es den Lehrern im Ländle freigestellt, ob sie über Kondom und Spirale sprechen wollen oder nicht. Am häufigsten werden quer durch die Bundesländer die Klassenstufen 5 und 6 als richtiger Zeitpunkt gesehen.

Wie kommt man im Kopfstand zum Orgasmus?

Die reine Information darüber, dass Verhütungsmittel existieren, reicht nach Ansicht von Experten ohnehin nicht aus. "Wir haben es mit einer mediengewohnten Generation zu tun, die alles gehört und gesehen hat, aber weniges einordnen kann", sagt die Gynäkologin Gisela Gille, Vorsitzende der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau. "Zu wissen, wie man angekettet im Kopfstand zum Orgasmus kommt, heißt eben nicht, dass man mit den Fragen, die sich ganz konkret in diesem Alter stellen, zurechtkommt."

Ähnlich sieht das der Soziologe Reinhard Wittenberg von der Universität Erlangen-Nürnberg. Für das Lehrforschungsprojekt "Aufgeklärt, doch ahnungslos" befragte Wittenberg 1400 bayerische Achtklässler aller Schulformen zu Sexualität und Verhütung. Ergebnis der Studie: Realschüler wissen am besten Bescheid, danach folgen die Gymnasiasten und, weit abgeschlagen, die Hauptschüler - obwohl an Hauptschulen deutlich mehr Sexualkundethemen durchgenommen werden. Mädchen sind informierter als Jungen und deutsche Jugendliche aufgeklärter als ausländische.

"Es dominieren die biologischen Themen wie Menstruation, Schwangerschaft und Geschlechtskrankheiten", analysiert Wittenberg. Zu biologielastig, zu technisch, zu punktuell sei die Sexualkunde an den Schulen. Kein Schüler würde seinem Lehrer die Fragen stellen, die ihm wirklich auf den Nägeln brennen - dafür werden lieber Freunde, "Bravo" oder Videos konsultiert. Gefühle, Zärtlichkeit, Liebe und Ängste werden nur in 14 Prozent aller Fälle im Unterricht durchgenommen.

Eigentlich eine Aufgabe der Eltern, doch die verlassen sich häufig auf die Aufklärung in der Schule. Dort müssen Lehrer mit Jugendlichen der achten Klasse über Themen sprechen, die ihnen vielleicht selbst peinlich sind. Zudem würde den Lehrern niemand erklären, wie man Sexualkunde richtig aufbereite, erklärt Carmen Alexander von Pro Familia in Hamburg: "Fortbildungskurse zur Sexualkunde für Lehrer gibt es selten. Dabei fragen uns selbst Eltern oft danach, wie sie mit pubertierenden Jugendlichen umgehen sollen."

Schon weil Jugendliche ab der Pubertät kaum mehr erreichbar seien, sei es wichtig, in der Grundschule mit Sexualkunde anzufangen, betont Alexander. Dabei dürfe aber nicht nur theoretisches Wissen abgedeckt werden. Fragen zu konkreten Lebenssituationen blieben unbeantwortet. Dies sei aber notwendiges Rüstzeug zur Orientierung in einer sexualisierten Umwelt. Die meisten Jugendlichen wüssten ziemlich genau, was ein Swingerclub ist. Die viel dringendere Frage allerdings bliebe meist unbeantwortet: Woran merke ich, dass mich jemand mag? Und: Bin ich normal?

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Sexualkunde an der Schule

Wie soll Sexualkunde an der Schule unterrichtet werden?


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