Sitzenbleiben: Nichts als verplemperte Zeit?

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250.000 deutsche Schüler pro Jahr müssen eine Klasse wiederholen. Das sei eine pädagogisch sinnlose Strafe und viel zu teuer, meint die GEW: Die Bildungsgewerkschaft bläst zum Generalangriff aufs Sitzenbleiben, Schleswig-Holstein will die "Ehrenrunde" auf Dauer ganz abschaffen.

Outete sich als Sitzenbleiberin: Ministerin Sommer
DPA

Outete sich als Sitzenbleiberin: Ministerin Sommer

Die CDU-Politikerin Barbara Sommer hat sich am Mittwoch als Sitzenbleiberin enttarnt: "Ich habe auf dem Gymnasium eine Ehrenrunde gedreht", verriet die 56-Jährige dem WDR am Tag der Zeugnisvergabe in Nordrhein-Westfalen, "eigentlich würde ich das lieber verschweigen, aber inzwischen wissen das meine Kinder." Ihr Misserfolg habe sie damals auch motiviert, und mit den Zeugnissen müsse man es nicht ganz so ernst nehmen.

Richtig peinlich war Sommer das Eingeständnis nicht. Immerhin wurde sie später Schulrektorin - und ist als Ministerin in der neuen Landesregierung ausgerechnet für die Schulen zuständig. Zudem befindet sie sich in prominenter Gesellschaft: Auch Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn blieb kleben - mit 16 sei sie "stinkfaul" gewesen, lieber in die Disco gegangen, als zu lernen, und habe einst sowieso Matrose werden wollen. Und dass weder Albert Einstein noch Winston Churchill oder Otto von Bismarck Musterschüler waren, ist bekannt.

1,2 Milliarden Euro sinnlos verpulvert?

Ob Sitzenbleiben eine wertvolle pädagogische Hilfe oder eine sinnlose Strafmaßnahme bedeutet, ist schon lange umstritten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) befeuerte jetzt die schwelende Debatte mit einem statistischen Überblick und deutlichen Forderungen: Sie hält die Zahl von jährlich rund 250.000 Sitzenbleibern an deutschen Schulen für "erschreckend hoch". Die Quoten lägen bei einem bis knapp sechs Prozent; sie seien von Bundesland zu Bundesland sowie zwischen den Schulformen sehr unterschiedlich.

Pauken für die Versetzung: Sitzenbleiben als bloße Abstrafung?
DPA

Pauken für die Versetzung: Sitzenbleiben als bloße Abstrafung?

Was das kostet, beziffert die GEW mit bundesweit 1,2 Milliarden Euro pro Jahr. Einen Betrag von 850 Millionen Euro hatte der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm errechnet, weil jährlich 16.500 Lehrerstellen durch die Sitzenbleiber gebunden seien.

Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes gibt es an den Realschulen mit 5,5 Prozent besonders viele und an Orientierungsstufen mit 1,2 Prozent nur wenige Wiederholer. Bremen, Bayern und Sachsen-Anhalt liegen deutlich über dem Bundesdurchschnitt, Brandenburg, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Thüringen darunter.

Zu den Sitzenbleibern kommen in Deutschland noch rund 200.000 Schüler pro Jahr, denen ein Schulwechsel verordnet oder ein Schulabbruch nahegelegt wird. Wer etwa vom Gymnasium zur Real- oder Hauptschule herabgestuft wird, erscheint nicht in der Sitzenbleiber-Statistik.

"Sitzenbleiben stempelt Jugendliche zu Versagern"

Den leichten Rückgang der Quoten in den letzten Jahren führt die Bildungsgewerkschaft auf die Pisa-Diskussion und die anschließende Debatte um den Sinn des Sitzenbleibens zurück. Als "pädagogisch weitgehend sinnlos" bezeichnete die stellvertretende Vorsitzende Marianne Demmer die Ehrenrunden am Donnerstag: "Die Klasse zu wiederholen, bringt den meisten Schülerinnen und Schülern keine Verbesserung der Leistung. was macht es bei zwei Fünfen für einen Sinn, ein Jahr lang den Stoff in allen Fächern zu wiederholen? Das Sitzenbleiben frustriert die Kinder und Jugendlichen und stempelt sie zu Versagern."

Grafik: Schulabbrecher
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Grafik: Schulabbrecher

Durch Abschaffen der Rückstufungen, so die GEW, lasse sich viel Geld sparen. Besser angelegt sei es in Fördermaßnahmen, für Fortbildung, Nachhilfefonds für finanzschwache Familien sowie psychologische und sozialpädagogische Fachkräfte an den Schulen.

Der alte pädagogische Zopf muss ab, fordert die GEW - und findet Unterstützung in Schlewig-Holstein, das als erstes Bundesland langfristig das Sitzenbleiben nach der sechsten Klasse ganz abschaffen will. Dazu sind Modelle im Koalitionsvertrag von CDU und SPD vorgesehen. "Sitzenbleiben fördert die Kinder nicht, sie stiehlt ihnen bloß wichtige Lebenszeit und demotiviert sie", sagte Bildungsministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), "wir müssen die jeweiligen Schulen motivieren, einmal aufgenommene Kinder durch mehr individuelle Förderung gezielt zum Abschluss zu bringen."

Die Pisa-Sieger kennen keine Rückstufung

Zu den Ehrenrunden-Gegnern zählen zum Teil auch andere Lehrerorganisationen sowie der Bundeselternrat. Sie stützen sich nicht nur auf Ergebnisse der Schulforschung, sondern verweisen zudem auf die internationalen Pisa-Vergleiche: Während Deutschland beim Sitzenbleiben in der Spitzengruppe liegt, haben erfolgreichere Pisa-Staaten es ganz abgeschafft. Scheitert dort jemand, gilt das eher als Versagen der Schule als des Schülers - in Ländern wie Finnland rückt sogleich eine Art Schlechte-Schüler-Feuerwehr aus und leistet erste Hilfe.

Abi `05: Sie hat's geschafft
DDP

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In den Bundesländern indes ist eine Abschaffung des Sitzenbleibens keineswegs mehrheitsfähig. Bisher hält die Mehrheit der Kultusminister nichts davon, wenn auch schwache Schüler in die nächste Klasse versetzt werden - das sei leistungsfeindlich, meinen konservative Bildungspolitiker.

Zu den energischsten Gegnern zählt der saarländische Kultusminister Jürgen Schreier, der die Klassenwiederholung als "individuelle Förderung und staatlich finanzierten Nachhilfeunterricht" bezeichnete, als große Chance für Schüler mit schlechten Noten in mehreren Fächern. Breite Wissenslücken könnten so kostenlos und ohne private Nachhilfe geschlossen werden, sagte der CDU-Politiker.

Seine Kollegin Erdsiek-Rave aus Schleswig-Holstein indes wehrt sich gegen die in Deutschland "tief sitzende Mentalität, dass dies das pädagogische Instrument schlechthin ist - die vermeintliche Allzweckwaffe erreicht ihr Ziel nicht". Da helfe auch nicht die "oft leichtfertige Aussager vieler Politiker", sie hätten durch ihr eigenes Sitzenbleiben "selbst keinen Schaden genommen".

Mehrheit der Bürger für das Sitzenbleiben

Auf die SPD-Politikerin und die GEW wartet noch viel Überzeugungsarbeit. Nach einer SPIEGEL-Umfrage von 2002 sind zwei Drittel der Deutschen für das Sitzenbleiben in der Schule, nur 26 Prozent klar dagegen. Beim "Bildungsbarometer" der Universität Koblenz-Landau stimmten dieses Jahr 31 Prozent der rund 1100 befragten Bürger der Aussage zu "Auf das Sitzenbleiben sollte verzichtet werden".

Und eine Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung streute vor einem Jahr Zweifel an der gängigen Lehrmeinung der Schulforscher: Sitzenbleiber bringen es weiter als Klassenkameraden, die immer versetzt wurden, so das verblüffende Ergebnis der Untersuchung. Im Durchschnitt schaffen die Wiederholungstäter etwas bessere Abschlüsse und beenden die Schule seltener mit einem niedrigen Abschluss.

Warum das so ist, ließ die Untersuchung allerdings offen. Das Resümee von Michael Fertig, Autor der Studie: "Das Sitzenbleiben sollte nicht in Bausch und Bogen verworfen werden. Das heißt jedoch nicht, dass Alternativen, etwa eine verstärkte Förderung, nicht zu ähnlichen Ergebnissen führen könnten."

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