Von Carsten Holm
Jan, 14, hat sich dazu entschlossen, richtig auszupacken. Der Schüler der Klasse 8b sitzt in der Holstenschule im schleswig-holsteinischen Neumünster und erzählt, warum sich die Wut gegen seine Eltern eine Zeit lang in immer größeren Wellen aufbaute - und wie sehr er darunter litt.
Kaum war er aus dem Gymnasium nach Hause gekommen, musste er einen Berg an Aufgaben abarbeiten: "Mach deine Hausaufgaben, geh mit unserer Bella Gassi, putz die Fenster, nun wasch endlich das Geschirr ab", so höre er das zu Hause, berichtet Jan. Er habe sich "völlig überfordert" gefühlt.
Eine erste Hilfe war für Jan ein zweitägiges Training mit Diplom-Psychologen Petra Luck und Markus Plesner. Jan und seinen Klassenkameraden lernten, nach Geschlechtern getrennt, wie sie mit Situationen umgehen können, die sie als Stress empfinden. Pro Tag sieben Stunden lernten die Schüler, wie offen man ungestraft über Probleme reden kann, und wie gut das tut. Ihre Lehrer mussten draußen bleiben.
Grundlage des Trainings ist das Snake-Programm (Stress nicht als Katastrophe erleben), das die Techniker Krankenkasse unterstützt, allein in Hamburg und Schleswig-Holstein haben rund 3000 Schülern im Alter von 13 bis zu 16 Jahren das Seminar von Luck und Plesner besucht.
Eine Liste mit all dem Nervkram zusammengestellt
Jan lernte, dass er zur Gruppe derjenigen gehört, die Ärger herunterschlucken, bis er bisweilen unkontrolliert herausbricht. Nach dem Training nahm er allen Mut zusammen, trug eine Liste mit all dem Nervkram zusammen, der sein Verhältnis zu den Eltern beschwerte. Und er überlegte sich, wie er ihnen einen Vorschlag machen könnte, der für alle drei akzeptabel sein würde.
Es war eine gute Erfahrung in Jans Familie. Man einigte sich. Er erzählte von dem Training mit den Psychologen, von Atemübungen und von der progressiven Muskelentspannung, die er dort gelernt hatte: Durch die bewusste An- und Entspannung von Muskeln lässt sich gut psychischer Druck abbauen. Und Jan freute sich besonders darüber, "dass meine Mutter mich bat, ihr das mal beizubringen".
Konfliktlösungsstrategien und Stressbewältigung sind Begriffe, die Schüler meist korrekt schreiben, aber selten mit Inhalt füllen können. Die Trainingseinheiten ändern das - in einer Zeit, in der Mädchen und Jungen oft eine Menge aufgeladen wird.
Der Tagesablauf eines Jugendlichen in einer bürgerlichen Familien kann vom Zeitaufwand her bisweilen einer Vollzeitstelle gleichen: Schule bis in die Nachmittagsstunden, danach Hausaufgaben, womöglich Nachhilfe. Dann Hobbys wie Klavierspielen oder Tennis, oft genug auf Wunsch der Eltern, und am Ende noch Mithilfe im Haushalt. All das in einer Lebensphase, in der die Pubertät der Um-die-14-Jährigen den Kopf und die Gefühle ohnehin schon durcheinander bringt.
Todesfall, Streit, Liebe - alles kann stressen
Gesellen sich zu der heute hohen Grundbelastung schwierig zu lösende Probleme wie die bevorstehende Scheidung der Eltern, ein Todesfall, Streit mit Freunden oder eine unglückliche Liebe, können Mädchen und Jungen, die noch nicht gut mit Konflikten umgehen können, schnell in scheinbar ausweglose Lagen geraten.
Im Jahr 2003 wurde darum mit der Uni Marburg ein Programm zur Vorbeugung und Bewältigung von Stress entwickelt, das Schüler der Klassen 8 bis 10 auf solche Situationen vorbereiten soll. Es setzt in einem Alter an, in dem Mädchen und Jungen in die Lage kommen, ihr Verhalten, ihr Leben in Familie, Schule und Freundeskreis zu reflektieren.
Max, 14, wie Jan Schüler der Klasse 8b, wurde klar, dass er in der Schule stets an derselben Herausforderung scheiterte: Die Lektüre von Büchern für den Deutschunterricht begann er, "wie eigentlich wir alle", viel zu spät. Er mochte nicht lesen, sondern beschäftigte sich lieber mit dem Fußballspiel "Fifa" auf der Playstation. Klar, dass es Stress gab, er fühlte sich nicht wohl.
Die Lösung für Max' Problem hieß Zeitmanagement. Theodor Storms Novelle "Der Schimmelreiter" über den fiktiven Deichgrafen Hauke Haien war vor Ostern dran. Der Stoff langweilte ihn, aber er meisterte die Lektüre: eine Stunde lesen, 20 Minuten Pause, die für zwei Fifa-Online-Matches mit Gegnern aus Österreich oder Australien reichten. Dann wieder eine Stunde lesen. "Der Schimmelreiter nervt, aber so geht es", sagt Max.
Eine Stunde lesen, 20 Minuten Playstation-Pause
Mattis, 14, berichtet, dass es ihm seit dem Training nicht mehr so große Schwierigkeiten bereitet, andere in Konflikten um Entschuldigung zu bitten. Mit seiner Mutter war es, banaler Alltagsstress, beim Schuhkauf zum Eklat gekommen, Mattis wollte noch hier und dann noch dorthin - es gab Ärger.
Aber man ging nicht schlafen, ohne Frieden zu finden. Schweigend aß die Familie ihr Abendbrot, "am späten Abend bin ich zu meiner Mutter gegangen und hab gesagt, dass ich was falsch gemacht habe", sagt Mattis. Seine Mutter räumte ein, etwas überreagiert zu haben.
Stolz sind die drei Jungen aus der Klasse 8b über die Lösung eines Problems, das ihnen monatelang Stress gemacht hat. Eine Lehrerin habe dazu geneigt, den Unterricht vor der eigentlich üblichen Zeit zu beginnen - wer dann nicht an seinem Platz saß, erhielt einen Eintrag ins Klassenbuch. Nicht selten, erzählen sie, habe die Stunde dann noch ein paar Minuten länger gedauert als vorgesehen.
Trainer Plesner empfahl ihnen, den Ärger vom Klassensprecher ansprechen zu lassen und sich im Konfliktfall hinter ihn zu stellen. "So haben wird das gemacht", sagt Jan, "und es ist ein bisschen besser geworden."
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