Soldatenkinder erzählen: Als Papa in den Krieg zog

Von Ansbert Kneip

Wie fühlt es sich an, wenn der Vater nach Afghanistan geschickt wird, um zu kämpfen? Lena, 10, und Lina, 11, wissen das: sie haben es erlebt. Dein SPIEGEL über ihre Sorgen, ihre Abende vor der Webcam - und eine kleine Schildkröte, die ihrem Papa Glück gebracht hat.

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Afghanistan: Mein Papa, der Krieger
Der erste Tag war schrecklich. Lina und Lena Beck aus Unterpleichfeld in Bayern mussten morgens früh raus, zur Schule, wie immer. Im Ranzen trugen sie einen Brief, den hatte ihre Mutter an die Lehrerin geschrieben. Es könnte sein, dass die Mädchen heute ein wenig traurig und durcheinander wären, stand darin. Denn Lina und Lena wussten: Wenn sie nach Hause kommen, wird ihr Vater fort sein. Abgereist, für fünf Monate nach Afghanistan.

Als Lena ihre Freundinnen auf dem Schulweg traf, hatte sie bereits verweinte Augen. Die Freundinnen versuchten, sie zu trösten, die Lehrerin versuchte es. Aber Lena mochte nicht darüber reden. Das ist bei ihr immer so, sie braucht ein wenig Zeit für sich, um Dinge erst einmal selbst zu verarbeiten.

Markus Beck, der Vater von Lina und Lena, ist Soldat bei der Bundeswehr. Er war schon ein paar Mal zu einem Einsatz kommandiert worden. Er war im Kosovo gewesen, das ist lange her, und zuletzt war er nach Griechenland geflogen. Dort hatte die Bundeswehr geholfen, einen riesigen Waldbrand zu bekämpfen.

Aber nun: Afghanistan. Das klang gefährlich. Das klang nach Krieg. "Papa, wirst du da schießen müssen?", fragte ihn seine Tochter - und Markus Beck gab keine klare Antwort. Er wollte die Kinder nicht beunruhigen.

In Deutschland streiten die Politiker darüber, ob man das, was in Afghanistan gerade passiert, einen Krieg nennen darf. Eigentlich wäre das einfach zu beantworten: Krieg ist, wenn ein Land gegen ein anderes kämpft, mit Soldaten, Panzern, Raketen und Gewehren.

Aber in Afghanistan kämpfen nicht zwei Länder gegeneinander. Deutschland hat keinen Streit mit Afghanistan. Deutschland, die USA und 41 weitere Länder kämpfen dort gegen die Taliban. Das sind Menschen, die einen Staat nach sehr strengen Regeln des Islam einrichten wollen. Einmal waren sie schon an der Regierung, wurden dann aber von den Amerikanern vertrieben - unter anderem, weil es unter der Herrschaft der Taliban in Afghanistan Ausbildungslager für Terroristen gab.

Jetzt wollen die Taliban zurück an die Macht. Sie schießen, sie setzen Sprengstoff ein, und sie feuern mit Raketen - es ist wie im Krieg. Markus Beck, der Vater von Lina und Lena, sagt trotzdem "nichtinternationaler bewaffneter Konflikt" dazu, genau wie viele Politiker auch. Das klingt harmloser als "Krieg" - es ist aber kein bisschen weniger gefährlich.

Markus Beck ist Major, das ist beim Militär ein hoher Rang. In Kunduz lebte er zusammen mit einigen hundert deutschen Soldaten in einem Lager. Abends konnte er mit der Familie telefonieren oder sogar per Webcam chatten. Und wenn rings um das Lager etwas passiert war, wenn eine Rakete eingeschlagen war oder wenn Taliban und Bundeswehrsoldaten aufeinander geschossen hatten, rief er meistens sofort danach bei Klaudia Beck an, der Mutter von Lina und Lena. "Mir ist nichts passiert", sagte er dann.

Lina, die ältere der beiden Schwestern, wollte in den ersten Wochen immer die Nachrichten im Fernsehen sehen. Sie machte sich Sorgen, wenn dort von Gefechten die Rede war oder von Anschlägen. "War Papa dabei?", fragte sie ihre Mutter.

Nach ein paar Wochen schaltete die Mutter keine Nachrichten mehr ein. Sie wollte nicht, dass die Kinder ständig Angst haben. Ganz geklappt hat das natürlich nicht.

Abends, vor der Webcam, versuchten die Becks ein normales Familienleben zu führen. Lena berichtete von ihrer Kommunionfeier, die ihr Vater verpasst hatte. Lina erzählte von einem Streit mit der Freundin. Markus Beck fielen solche Gespräche hin und wieder schwer. Er war weit weg, manchmal flogen Raketen auf sein Lager - da erschien ihm ein Streit mit der Freundin nicht so wichtig. Obwohl er wusste, dass es für Lina wichtig war.

Einmal sagte er sogar während des Chats "Wir müssen Schluss machen" und legte schnell auf. Das war, als es Raketenalarm gab und er rasch in ein anderes Gebäude musste.

Ab und zu packten die Becks ein Paket für den Vater, und einmal legte Lina eine kleine Stoffschildkröte mit hinein. Die hatte sie selbst gefertigt und "Hektor" genannt. "Hektor soll dich beschützen", schrieb sie dazu.

Und Hektor half. 27 Raketen zählte Major Beck während seiner Zeit im Lager. Keine richtete großen Schaden an.

Einem Sprengstoffanschlag entging er, weil der Zünder zu früh losging. Und einmal dachte er, dass direkt neben ihm eine Schießerei mit den Taliban anfängt - dabei waren das nur andere Bundeswehrsoldaten, die einen wild gewordenen Hund erschießen mussten.

Vielleicht muss Major Beck noch einmal nach Afghanistan. "Das wäre saublöd", findet Lina. Sie will das nicht noch einmal mitmachen und ihre Schwester auch nicht.

Als Vater Beck nach fünf Monaten wieder in Leipzig landete, stand natürlich die ganze Familie am Flughafen. Ein Soldat nach dem anderen kam durchs Tor und endlich, endlich auch Linas und Lenas Vater.

Die Schildkröte trug er natürlich bei sich. Er hatte sie in Afghanistan die ganze Zeit in der Uniformtasche aufbewahrt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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1. Wer Soldat sein will...
hefe60, 31.01.2010
...ist selbst schuld. Kein Mitleid und kein Verständnis für potentielle Mörder !!! (siehe Oberst Klein).
2. .
Mastercloser 31.01.2010
Zitat von hefe60...ist selbst schuld. Kein Mitleid und kein Verständnis für potentielle Mörder !!! (siehe Oberst Klein).
Es muss schön zu sein, in einer Welt zu leben, wo man sich mit rosa Wattebällchen bewirft. Sie leben doch in so einer Welt, richtig?
3. täglich € 120 Auslandszulage
herberger 31.01.2010
Wofür Mitleid? Jeder weiss worauf er sich einläßt. Alle machen es nur für Geld und keiner Gründen der Mildtätigkeit oder Nächstenliebe. Also spart euch dieses Gesulze.
4. Sie haben es nicht begriffen!
Mülheimer, 31.01.2010
Zitat von MastercloserEs muss schön zu sein, in einer Welt zu leben, wo man sich mit rosa Wattebällchen bewirft. Sie leben doch in so einer Welt, richtig?
Wenn wir nicht so viele kriegsbereite Verrückte in diesem Land hätten wäre die Bundeswehr nicht in Afghanistan. Schicksal ist das was in Haiti passiert, aber wer als Bundeswehrsoldat in Afghanistan stirbt ist selber schuld! Die Bundeswehr ist eine Verteidigungsarmee und hat nicht fremde Länder zu besetzen. Man sollte Täter nicht mit Opfern verwechseln!
5. .
Jamz_87 31.01.2010
Den Sinn und die Rechtmäßigkeit des Afghanistankonflikts mal außen vor gelassen, finde ich es einfach nur unverantwortlich als Familienvater bei der Bundeswehr zu arbeiten. Die beiden Kinder haben mein Mitleid dafür, das sie einen so egoisitischen Vater haben, für mich ist sowas mit nichts zu rechtfertigen.
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Illustration: Tim O'Brien

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