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Sondereinsatz an Schulen: Arbeitgeber kritisieren Schavans Aushilfslehrer-Idee

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Der Lehrerjob zieht viele Abiturienten mit schlechten Noten an, zeigt eine aktuelle Studie. Den Mangel will Bildungsministerin Schavan jetzt von Firmen beheben lassen: Die sollen ihre Ingenieure freistellen fürs Unterrichten. Das kommt nicht gut an - weder bei Unternehmen noch bei Lehrern.

Bei bildungspolitischen Themen wie Lehrerausbildung und Lehrermangel hat sie nur wenig mitzureden, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan. Bildung ist im wesentlichen Sache der Länder - und die entscheiden mal im Alleingang, mal in Gremien wie der Kultusministerkonferenz.

Schavan bleibt meist nur, öffentlich etwas zu fordern und das möglichst laut.

Bildungsministerin Schavan will "Top-Mitarbeiter" an Schulen holen
AP

Bildungsministerin Schavan will "Top-Mitarbeiter" an Schulen holen

Am Montag hörte sich das so an: "Ich fordere alle Unternehmen auf, ihre Top-Mitarbeiter für den Schulunterricht freizustellen", sagte Schavan der "Bild"-Zeitung. Ingenieure aus der freien Wirtschaft könnten demnach zwei Stunden pro Woche Physik unterrichten oder Mathe. Ein Austausch würde "sinnvolle Impulse für die Schüler bringen".

Schavan reagierte damit auf die Veröffentlichung einer bildungsökonomischen Studie, die SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Kernaussage lautet: Abiturienten mit guten Noten werden nur selten Lehrer, der Beruf zieht vor allem schlechte Schüler an. "Nur Gymnasiallehrer haben einen Abiturdurchschnitt, der so gut ist wie der von anderen Uni-Absolventen", sagte der Autor der Studie, Ludger Wößmann vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Lehrer für Grundschulen und für die Sekundarstufe I hingegen waren ihm zufolge deutlich schlechter im Abitur.

Dass nicht unbedingt die akademische und pädagogische Elite in den Lehrerberuf strebt, ist keine ganz neue Erkenntnis. Schon länger beklagen Bildungsforscher, dass viele ungeeignete Studenten in den Lehrerberuf stolpern; sie seien bequem, inkompetent und schnell überfordert. Eine andere Studie zeigt, dass viele Pädagogen, die sich ausgebrannt fühlen, schon beim Berufseinstieg unmotiviert und überfordert waren.

Dem alten Problem begegnete Schavan mit der halbwegs neuen Forderung nach Quereinsteigern aus der freien Wirtschaft. Doch die Betroffenen sind davon alles andere als begeistert. Weder Firmen noch Lehrervertreter halten das für eine gute oder umsetzbare Idee.

Der Arbeitgeberverband BDA verweist darauf, dass zahlreiche Unternehmen bereits mit Schulen kooperierten. Und er betont: "Das Engagement der Wirtschaft kann und soll den Unterricht aber nicht ersetzen und schon gar nicht Lehrermangel kompensieren."

Schavans Vorschlag kommt schlecht an

Bei Konzernen wie dem Autobauer Daimler klingt das ähnlich. Ein Daimler-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE: "Schon jetzt gehen unsere Meister an Schulen und informieren über den Beruf, Manager und Ingenieure sind häufig zu Gast an Universitäten." Aber zwei Stunden pro Woche, das sei nicht zu leisten, zumal noch Vorbereitungs- und Anfahrzeiten hinzukämen. Die Mitarbeiter müssten sich auf den Job konzentrieren.

Auch Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft GEW, hält nicht viel von dem Vorstoß aus dem Ministerium. "Frau Schavan ist ja Rheinländerin, ich nehme an, das ist ein Karnevalsscherz", sagte sie SPIEGEL ONLINE. "Die Mitarbeiter würden ein- bis zweimal in die Schule eingeflogen, da können die sich gar nicht in das Lehrkonzept integrieren", sagt Demmer.

Sie warnt außerdem davor, auf Grundlage der Ifo-Studie zu verallgemeinern. "Der Notendurchschnitt sagt doch nichts darüber aus, ob jemand für den Lehrerberuf geeignet ist." Andere Kompetenzen seien ebenso gefragt, die würden sich aber nicht in einer Abiturnote zeigen. Dass gerade an Hauptschulen Lehrer mit vergleichsweise schlechten Schulabschlüssen arbeiten, führt Demmer auf das Schulsystem zurück. "An Gymnasien verdienen Lehrer besser und haben die pflegeleichtere Schülerschaft". An Hauptschulen gebe es hingegen weniger Lohn und schlechtere Arbeitsbedingungen. Demmer fordert daher in beiden Punkten eine deutliche Verbesserung in Haupt- und Realschulen.

Horst Günther Klitzing, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands, nannte die Idee von Schavan zwar grundsätzlich gut. "Aber das wird nicht realisierbar sein", sagt er. "Den Mitarbeitern aus Unternehmen fehlt die pädagogische Ausbildung, die ist aber unbedingt nötig." Bei Quereinsteigern an Schulen habe sich schon oft gezeigt, "dass die Unterschiede zwischen Quereinsteigern und ausgebildeten Lehrern zu groß sind." Deshalb sei das Modell ungeeignet, die Löcher an den Schulen zu stopfen. "Mitarbeiter aus Unternehmen können Lehrer nicht ersetzen", so Klitzing.

Kritik kommt von allen Seiten

Widerspruch kam selbst aus Schavans Partei, der CDU. Sachsens Kultusminister Roland Wöller sagte dem MDR: "Um Lehrer zu werden, muss man eine bestimmte Ausbildung durchlaufen haben." Ähnlich äußerte sich der Präsident der Kultusministerkonferenz und Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Henry Tesch (CDU): "Die müssen anderen auch etwas verständlich erklären und vermitteln können."

Auch die Oppositionsparteien im Bundestag kritisierten Schavans Vorschlag. Die Bildungsexpertin der Linken, Rosemarie Hein, bezeichnete Schavans Vorschlag als "Ausdruck von Hilflosigkeit". Offensichtlich handele die Ministerin nach dem Grundsatz: "Lehrer kann jeder." FDP-Bildungspolitiker Patrick Meinhardt sagte: "Wir brauchen in den Schulen nicht kurzfristig Spitzenmanager als Lehrer, sondern wir brauchen die besten Absolventen, damit nur die Besten der Besten in den Lehrerberuf einsteigen."

Unterdessen rudert das Bildungministerium zurück. Von einer großangelegten Werbeoffensive in den Unternehmen will Sprecher Elmar König nichts wissen. "Richtig ist, dass das Ministerium eine gute Kooperation von Schulen und außerschulischen Einrichtungen möchte", sagte König SPIEGEL ONLINE. Es sei aber Sache der Schulen, "sich ein maßgeschneidertes Konzept zu überlegen". Dabei sei es auch denkbar, dass Lehrer einmal im Monat in einen Betrieb gehen, um sich in der freien Wirtschaft auf dem Laufenden zu halten. Zudem seien Geschäftsführer gefragt, "die sich gesellschaftlich engagieren". Etwaige Honorare für die Laienlehrer, die ohnehin Sache der Länder wären, seien nicht angedacht.

Mit Material von dpa, ddp, AFP und AP

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