SOS-Kinderdorf in Nepal: Ein Zuhause für verlassene Kinder

Von Timm Brünjes und Lukas Rosenkranz

Timm Brünjes und Lukas Rosenkranz, Gewinner des SPIEGEL-Schülerzeitungspreises 2012, haben ein SOS-Kinderdorf in Nepal besucht.

SOS-Kinderdorf in Nepal: Ein Zuhause für verlassene Kinder Fotos
Timm Brünjes/ Lukas Rosenkranz

So eine richtige Mama hat Ramesh nicht und auch keinen leiblichen Papa mehr. Dafür aber einen Platz im Paradies, jedenfalls für nepalesische Verhältnisse.

Mit fünf verlor der Junge seine Eltern - so wie tausende Kinder in dem bitterarmen Hochgebirgsstaat am Himalaya. Doch Ramesh hatte Glück. Er landete nicht als zerlumptes Bettelkind auf der Straße oder als Sklave in Arabien, sondern im SOS-Kinderdorf in Sanothimi oberhalb von Nepals Hauptstadt Kathmandu. Hier bekam Ramesh 1995 von jetzt auf gleich neun "Geschwister", ebenfalls Waisenkinder, mit denen er viele Jahre unter einem Dach lebte - allesamt versorgt von einer "Mutter". Der einzige Vater hier hat sogar 160 Kinder: Als Dorfleiter ist Khajendra Nepal für alle Waisen in Sanothimi verantwortlich. Ramesh, inzwischen Student der Rechtswissenschaften, will uns heute das Paradies seiner Kindheit zeigen.

Der Weg dorthin wird für uns zum Schnellkurs in nepalesischem Alltagsleben. Regel Nummer 1: Es gibt keine Regeln. Zumindest nicht im Straßenverkehr, der einem Ameisenhaufen gleicht. Knatternde, stinkende Mopeds und Tucktucks fahren kreuz und quer, dazwischen zerbeulte Toyotas und Nissans, Traktoren und Mofas. Fahrbahnen gibt's nicht, Vorfahrt hat der schnellere und wendigere Fahrer. Hupen heißt hier: "Achtung, ich komme!" und nicht "Du Idiot!". Die Kühe stört's nicht, sie trotten zwischen all dem brummenden, rauchenden und rasselnden Blech herum. Am Straßenrand drängen sich Einkaufszentren neben Hindutempeln, bunt bemalten Prachthäusern und Lehm-Baracken der Ärmsten. Und so wird uns gleich in den ersten Momenten in Kathmandu klar, was die Leute meinen, wenn sie von einem Kulturschock sprechen.

Die verwirrende, chaotisch anmutende Szenerie liegt augenblicklich hinter uns, sobald wir durch das Tor des SOS-Kinderdorfs gegangen sind. Wie eine Oase liegt es da, kein Müll, kein Lärm und kein Gestank. Die kleinen Häuser sind sauber. Das allererste SOS-Kinderdorf entstand vor mehr als 60 Jahren in Österreich, und trotz der ganz anderen Kultur hier in Nepal, stellen wir uns vor, dass sich die gepflegten Häuschen vielleicht gar nicht so sehr unterscheiden von denen in Tirol.

Vater von 160 Kindern zu sein ist eine schier unmögliche Aufgabe

1949 gründete Hermann Gmeiner die SOS-Kinderdörfer als sogenannte "Societas Socialis" mit ebenso einfachem wie zutiefst menschlichem Konzept: Waisenkindern eine Familie, Liebe und Zuwendung geben. 16 Familienhäuser befinden sich im SOS-Kinderdorf in Sanothimi, in denen jeweils eine Mutter mit zehn Kindern lebt. SOS-Mutter zu sein, ist in Nepal ein hoch angesehener Beruf, dem eine dreijährige Ausbildung vorausgeht. Die Frauen, die sich entscheiden, den Beruf auszuüben, leben mit den Kinderdorf-Kindern wie in einer richtigen Familie zusammen. Tags und nachts. An zwei freien Tagen im Monat haben die Mütter die Möglichkeit, ihre Verwandten in den Heimatdörfern zu besuchen.

Keine Frage, Ramesh freut sich, wieder im Dorf zu sein. Er strahlt Freude aus und betont immer wieder, dass er diesem Dorf sein ganzes Leben verdankt. Und doch - diese Reise in seine Kindheit lässt einen Film in seinem Kopf ablaufen. Er stoppt ihn und lässt uns mitgucken - im Jahre 2003, Ramesh ist damals 13: "Bis dahin hatte ich keinen Zweifel daran, ein Kind des SOS-Kinderdorfs zu sein. Doch dann bekam ich das Gefühl nirgendwo hinzugehören, ein Heimatloser zu sein. Das geht fast allen hier so", erzählt er uns, "fast jeder hat in diesem Alter eine Identitätskrise, bei manchen ist sie stärker, bei manchen schwächer. Aber das geht wieder vorbei." Die SOS-Kinderdörfer sind davon überzeugt, dass es wichtig für die Kinder ist, zu wissen, woher sie kommen und wer sie sind. Deshalb werden sie bei der Suche nach ihrer Identität und Verwandtschaft unterstützt. Ramesh fuhr mit 16 Jahren zum ersten Mal wieder nach Sindhupalchowk, sein Heimatdorf, das für ihn schon lange keine Heimat mehr war. Er hörte Leute über seine Eltern reden, er selbst hatte keine klaren Erinnerungen mehr. Aufgewühlt kehrte er danach ins SOS-Kinderdorf zurück.

Auch die allererste Zeit, das Ankommen in der Kinderdorf-Familie sei für viele Kinder schwierig, sagt Dorfleiter Khagendra Nepal. Schließlich unterscheide sich der Alltag im Dorf trotz aller Anstrengungen vom Alltag eines normalen nepalesischen Kindes. In seinem Büro sitzt Khagendra Nepal hinter seinem Schreibtisch am Computer, in der anderen Ecke stehen zwei Sofas um einen Tisch herum. Er lacht: "Manche Menschen nennen es ein Problem, ich nenne es eine Herausforderung." Vater von 160 Kindern zu sein ist eine schier unmögliche Aufgabe, aber er will jedem einzelnen gerecht werden. Er besucht die Familien regelmäßig, kommt zum gemeinsamen Abendessen. Häufig vertrauen sich ihm die Kinder an, erzählen ihm von ihren Problemen und bitten um Rat. Er und seine Frau wohnen ebenfalls auf dem Gelände des Dorfes.

Neue Hoffnung durch SOS

Mit dem Dorfleiter zusammen trauen wir uns aus der sicheren Oase heraus, um auch die weiteren Facetten der Arbeit von SOS kennenzulernen. Dazu gehört in Kathmandu auch die "SOS-Familienhilfe", die 400 Familien unterstützt. Häufig sind dies alleinerziehende Mütter oder Väter und ihre Kinder. Ohne SOS könnten die meisten der Jungen und Mädchen nicht zur Schule gehen. Wir besuchen Nipun Lamichhani* und seine Familie, die in einer Lehmhütte an der Hauptstraße unweit vom Dorf wohnen. Nipun lebt mit seinem Vater und seiner Schwester zusammen, seine Mutter ist an einem Asthma-Anfall gestorben. Eine Haustür gibt es nicht, der rechteckige Eingang ist gerade mal eineinhalb Meter hoch. Als wir gebückt hindurchgehen, werden wir im dunklen Flur von einem Huhn begrüßt. Rechts liegt die winzige Küche, von der das Schlafzimmer des Vaters abgeht. Geradeaus gehen wir in ein Schlafzimmer mit zwei Betten, zwischen denen gerade mal 30 Zentimeter Platz ist. Hier schlafen Nipun und seine Schwester. Auf der Fensterbank steht eine Pflanze in einer Schnapsflasche, einen Tisch gibt es gar nicht. Nipuns Vater arbeitet als Fahrer für eine private Firma und hofft, dass sein Sohn später eine gute Arbeit findet, um ihn im Alter zu unterstützen. Auch wenn er nicht im Paradies lebt, hat Nipun durch SOS neue Hoffnung bekommen. Wie so viele Jugendliche in Nepal träumt er von einer besseren Zukunft für sein Land, das immer noch eines der ärmsten der Welt ist. "Vielleicht kann ich in Indien oder sogar in den USA studieren. Dann könnte ich nach Nepal zurückkehren, um meine Heimat zu ändern."

Als wir aus Nipuns Haus herauskommen, schauen wir unmittelbar einer schönen jungen Frau in die Augen. Übergroß ziert ihr Bild eine ganze Hauswand auf der anderen Straßenseite, darunter der verlockende Satz: "Komm und studiere in den USA!"

Wie Nipun träumen auch andere Jugendliche von einer solchen Zukunft, sie wollen Bildung, sind wissbegierig. "Später will ich Krankenschwester oder Lehrerin werden", hören wir von den Mädchen, "Anwalt oder Arzt" von den Jungs. Aber was tun, wenn die Familie kurzfristig Hilfe braucht? Ein großes Dilemma für viele Jugendliche, sagt Khagendra Nepal. Die meisten gehen schließlich nicht in die USA, studieren weder Medizin noch Jura, sondern arbeiten vielleicht als Putzfrau am Flughafen in Dubai oder als Diener für reiche Araber. Freude komme da nicht auf, aber der Gedanke, die Familie zu unterstützen, halte die jungen Nepalesen auf den Beinen.

Die SOS-Kinderdörfer versuchen, ihren Jugendlichen auch nach der Schulzeit Perspektiven zu eröffnen. Wenn sie das Dorf verlassen, leben sie gemeinsam mit anderen im SOS-Jugendhaus. "Wir bieten ihnen ein sicheres Umfeld, in dem sie lernen, für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen", sagt Dorfleiter Khagendra Nepal. Dass Ramesh, der einstige Kinderdorf-Junge, inzwischen tatsächlich Jura studiert, ist für alle eine große Sache. Manchmal werden eben auch in Nepal Träume wahr.


* Name von der Redaktion geändert

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Fläche: 147.181 km²

Bevölkerung: 29,959 Mio.

Hauptstadt: Katmandu

Staatsoberhaupt: Ram Baran Yadav

Regierungschef: Sushil Koirala

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