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07. Juni 2012, 08:58 Uhr

Vertretungsstunde mit Otto

"Gib mir die Nummer deiner Mutter!"

Otto Waalkes wollte mal Lehrer werden, Jahrzehnte später steht er für das Jugendmagazin "Spiesser" tatsächlich vor einer Klasse. Die fragt er erst ganz artig, warum sie alle Kunst statt Musik wählen - und stimmt dann ein kleines Sauflied an.

Otto ist kein Frühaufsteher. Erst um 11:35 Uhr beginnt seine erste und einzige Unterrichtsstunde. Mit dabei: seine Gitarre. Die 10. Klasse empfängt Allroundtalent Otto mit lautem Dauerklatschen.

Otto kommt herein und wartet, bis es wieder still ist: War der Applaus ehrlich gemeint? Ich wusste nicht, dass eure Generation mich überhaupt noch kennt.

David: Meine Mutter hat dich, als du noch unbekannter warst, in Kneipen spielen sehen. Sie ist bis heute ein großer Fan von dir und daher kenne ich dich.

Otto mit einem Zwinkern: Gib mir die Nummer deiner Mutter, dann rufe ich sie mal an.

Die Klasse lacht und Otto schwelgt in nostalgischen Erinnerungen. Er vermisst die Schule, sagt er. Obwohl er aufs Jungengymnasium ging, was blöd war. Denn - eine schlaue Erkenntnis - da sind ja keine Mädchen!

Otto: Nach meinem Abitur habe ich Kunst und Pädagogik in Hamburg studiert. Ich hätte also vielleicht euer Lehrer werden können. Aber letztendlich habe ich immer nur an der Gitarre rumgezupft. Mein Studium habe ich schnell wieder beendet.

Carl: Wir haben ab der zehnten Klasse die Wahl, ob wir lieber Kunst- oder Musikunterricht haben wollen. Die meisten haben sich für Kunst entschieden.

Otto: Warum wählt ihr denn alle Kunst?

Nils ruft in den Raum: Der Musikunterricht wäre nachmittags. Kunst ist vormittags und so kann ich eher nach Hause.

Otto: Dann hätte ich mich auch für Kunst entschieden. Der Musikunterricht hat mir nie gefallen. Das ganze klassische Zeug fand ich langweilig.

Die Tür geht auf, eine fremde Klasse will den Raum beschlagnahmen.

Alle: Verpisst euch! Das ist unsere Vertretungsstunde.

Die verdutzten Gesichter verschwinden wieder und wenige Minuten später sind hysterische Mädchenstimmen zu hören: "Ist das Otto Waalkes?" Es tauchen Köpfe vor dem Fenster auf.

David: Die nehmen sich Huckepack, damit die Otto sehen können.

Otto will zurück zum Thema: Spielt denn einer von euch ein Instrument?

Moritz: Ich spiele Klavier

Otto: Auch wenn kaum einer von euch selbst Musik macht, ist sie doch wichtig. Oder nicht?

Carl: Ich tanze vier Stunden in der Woche Standard- und lateinamerikanische Tänze. Dabei ist Musik natürlich wichtig.

Otto: Kannst du denn Noten lesen?

Carl: Ich kann Noten abzählen! Ich habe auch angefangen, Gitarre zu spielen. Dann haben mir aber Lust und Zeit gefehlt, weiter zu machen.

Otto: Du nervst eh nur deine ganze Familie, wenn du tausend Mal am Tag die gleichen Töne übst. Das kenne ich von mir.

Er packt seine Gitarre aus und beginnt zu erklären.

Otto zeigt auf das Zupfinstrument: Die Gitarre hat sechs Saiten. Oben, unten, vorne, hinten. Ach, ihr wisst ja, wie so ein Teil aussieht. Meine ist aber leider kaputt. In der Mitte ist ein Loch, da habe ich Draht drüber gespannt.

Er dreht an den Stimmwirbeln am Kopf der Gitarre und zupft immer wieder die verschiedenen Saiten bis die Töne stimmen.

Otto singt Johnnie Walker, Jägermeister, Amaretto, Kellergeister, Scharlachberg und Doppelkorn. Das Ganze jetzt noch mal von vorn. Wir haben Grund zum Feiern. Keiner kann mehr laufen, doch wir könn' noch...

...saufen? Otto grinst unschuldig und legt die Gitarre doch lieber wieder in den Koffer. Die Klasse applaudiert und jeder möchte einen Ottifanten in sein Kunstheft gemalt bekommen.

Von Franka Pohl für das Jugendmagazin "Spiesser"

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