Streik gegen Schulschließung: Schüler besetzen ihre Schule

Seit zehn Tagen campieren Schüler mit Schlafsäcken im Klassenraum und halten ihre Schule in Eberswalde bei Berlin besetzt. Der Grund: Die Albert-Einstein-Oberschule soll geschlossen werden - der Schulbetrieb lohnt sich nicht mehr.

50 Kilometer nordöstlich von Berlin halten ungefähr 150 Schüler ihre Schule besetzt, die Albert-Einstein-Oberschule im schmucklosen Brandenburgischen Viertel, dem größten Plattenbaugebiet in Eberswalde. 9000 Menschen wohnen hier. In den Klassenräumen hat man die Bänke zur Seite geräumt. Stattdessen liegen jetzt dort Luftmatratzen und zerwühlte Schlafsäcke. Auf dem Schulhof macht man sich Mut, und hört die Streikhymne eines Mitschülers.

Nach Plänen des Landkreises und der Stadt soll die letzte Schule des schmucklosen Eberswalder Neubauviertels geschlossen werden. Weil es schlicht zu wenige Anmeldungen für die im Herbst beginnende 7. Klasse gibt. Nach dem brandenburgischen Schulgesetz wären mindestens 40 Anmeldungen nötig, um zwei Klassen aufzumachen. Doch bis jetzt liegen lediglich 33 Anmeldungen vor. Damit ist, nach den Vorgaben des Ministeriums, der Schulstandort nicht mehr gesichert. Und die Albert-Einstein-Oberschule steht vor dem Aus.

Diese Logik kann in Eberswalde kaum einer nachvollziehen kann, schon gar nicht der 14-jährige Christoffer Kuhlbrodt: "So viele Jahre steht die Schule, und die finde ich einfach geil, deshalb soll die nicht abgerissen werden. Und ich verstehe nicht, warum der Bürgermeister das angeordnet hat. Es gibt sowieso zu wenig Schulen hier." Er möchte, dass seine Schule stehen bleibt, schließlich wollten viele Leute hier zur Schule gehen. Deshalb wird gestreikt.

Zukünftig sollen nach dem Willen des Landkreises alle Siebtklässler des Viertels auf andere Schulen in Eberswalde verteilt werden. Doch selbst dort ist man über die rigide Durchsetzung des Ministerbeschlusses erstaunt, da sie gar nicht die Kapazitäten haben, alle neuen Schüler aufzunehmen.

Eltern und Lehrer haben Respekt

Die Aktion der Schüler wird in Eberswalde mit Respekt gesehen. Bei Anwohner, Lehrern und Eltern. Dass es aber zukünftig - aufgrund der demografischen Entwicklung - immer weniger Schüler geben wird und eine Aufrechterhaltung des bisherigen Schulbetriebs schlichtweg zu teuer ist, dafür kann in Eberswalde niemand Verständnis aufbringen. Auch die 31-jährige Mutter Yvonne Schlenda hofft auf geburtenstärkere Jahrgänge: "Es werden jetzt vielleicht nicht so viele Schüler sein, aber es wird sich irgendwann wieder ergeben, dass man wieder genügend 7. Klassen zusammenkriegen könnte."

Schulbesetzung und Streik ist für viele der einzige und richtige Weg, um die bevorstehende Schließung und den Abriss zu verhindern. Kaum einer kann verstehen, warum es unbedingt zwei Klassen mit 20 Kindern sein müssen.

"Wenn nur 15 Schüler in der Klasse sind, haben die mehr Spaß am Lernen und die Lehrer haben nicht die Schwierigkeit, mit 30 Schülern fertig werden zu müssen. Und insgesamt würden die Kinder bessere Noten haben", sagt der 68-jährige Großvater Albrecht Triller. Viele Eberswalder erklären sich mit den Schülern solidarisch und helfen, indem sie Essen und Getränke vorbeibringen.

Die Schüler organisieren den Unterricht währenddessen selbst, berichtet der 16-jährige Stefan Wahrlich: "Wir Zehntklässler unterrichten die siebte Klasse in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch. Und ansonsten kommen Studenten und machen Prüfungsvorbereitung, da nächste Woche Prüfungen geschrieben werden."

Das Ministerium ist bis jetzt zu keinen Zugeständnissen und Gesprächen bereit. Doch man ist nervös. So wird Journalisten Hausverbot erteilt, und Lehrer wie Schuldirektor sind zu keiner Stellungnahme bereit. Doch hinter vorgehaltener Hand hört man Bewunderung. Nach ein paar Tagen wurde die Schulrätin in die Albert-Einstein-Oberschule geschickt, um herauszufinden, wie die Stimmung ist.

Zwei Stunden lang verhandelten Schüler und Schulrätin in angespannter Atmosphäre. Doch beide Seiten beharren auf ihren Positionen. Die Schüler wollen ihre Schule erhalten, der Landkreis Barnim will sie schließen. Deshalb verkündete Sozialpädagoge und Streikorganisator Stefan, der ansonsten anonym bleiben will: "Damit kann ich sagen, der Streik geht weiter."

Von Christoph Richter, "Campus & Karriere" / Deutschlandfunk

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