Behinderte Kinder an Regelschulen: Gemeinsamer Unterricht kostet Hunderte Millionen

Behinderte und lernschwache Kinder sollen nicht länger auf Sonderschulen verbannt sein. Dazu hat sich Deutschland verpflichtet. Doch es wird teuer, alle Schüler gemeinsam zu unterrichten: Eine Studie beziffert die Kosten auf 660 Millionen Euro im Jahr - nur für zusätzliche Lehrer. 

Schüler mit Behinderung: Weiter Weg zur Inklusion Fotos
Michael Bergmann

Kinder mit und ohne Behinderung sollen künftig überall gemeinsam zur Schule gehen - dazu hat sich Deutschland in einer Uno-Konvention verpflichtet, die vor drei Jahren in Kraft trat. Doch der Weg dorthin ist noch weit: Derzeit besucht nicht einmal jedes vierte Kind mit Förderbedarf eine reguläre Schule. Und es wird Geld kosten, vollständig auf Inklusion umzustellen.

Wie viel? Das hat der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Uni Duisburg-Essen für die Bertelsmann Stiftung errechnet. Um Inklusion weitgehend umzusetzen, müssen in den kommenden zehn Jahren bundesweit rund 9300 neue Lehrer eingestellt werden, heißt es in der Studie. Das würde 660 Millionen Euro jährlich kosten.

Die Summe würde in dieser Höhe ab dem Schuljahr 2020/21 anfallen - und bis dahin so schnell anwachsen, wie die Reform fortschreitet. Allerdings bezieht sich die Zahl nur auf die Kosten für zusätzliche Lehrer. Wie teuer es etwa wird, Schulgebäude umzurüsten, zum Beispiel um Therapie- und Rückzugsräume einzurichten, sei schwer einzuschätzen.

"Inklusion ist notwendig und bezahlbar"

Klemm geht für seine Berechnung davon aus, dass behinderte und verhaltensauffällige Kinder in Regelschulen ebenso umfangreich gefördert werden wie bisher in den Sonderschulen. Das Geld und die Stellen, die frei werden, wenn viele Sonderschulen auf dem Weg zur Inklusion schließen, reichten dafür nicht aus, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung.

Die Stiftung hält deshalb die beiden günstigeren Varianten, die Klemm ebenfalls erstellt hat, nicht für empfehlenswert: "Inklusion ist notwendig und bezahlbar. Aber sie wird dort scheitern, wo Länder sie als Sparmodell betrachten", sagte Dräger. Die Summe von 660 Millionen Euro mache weniger als zwei Prozent der heutigen Gesamtkosten von Schule aus.

Derzeit leben in Deutschland knapp eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Schüler, die besonderer Förderung bedürfen. Deutschland ist Europas Schlusslicht in Sachen Inklusion. Bundesweit stieg der Anteil der inklusiv unterrichteten Förderschüler im Schuljahr 2010/2011 im Vergleich zum Vorjahr zwar von 20,1 auf 22,3 Prozent, teilte die Bertelsmann Stiftung mit.

Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind jedoch groß: Spitzenreiter ist Schleswig-Holstein. Hier besuchen 49,9 Prozent aller lern- oder körperbehinderten Schüler eine reguläre Schule. Auch in Berlin und Bremen liegt der Anteil bei mehr als 40 Prozent. Am Schluss steht Niedersachsen mit nur 8,5 Prozent. Besonders stark aufgeholt hat Hamburg: Innerhalb eines Schuljahres wuchs dort der Inklusionsanteil um über die Hälfte - von 16,2 auf 24,4 Prozent.

son/dpa

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insgesamt 155 Beiträge
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1. Anforderungen idiotisch
mats73 23.03.2012
Zitat von sysopBehinderte und lernschwache Kinder sollen nicht länger auf Sonderschulen verbannt sein. Dazu hat sich Deutschland verpflichtet. Doch es wird teuer, alle Schüler gemeinsam zu unterrichten: Eine Studie beziffert die Kosten auf 660 Millionen Euro im Jahr - nur für zusätzliche Lehrer. Behinderte Kinder an Regelschulen: Gemeinsamer Unterricht kostet Hunderte Millionen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,823365,00.html)
Klar ist das zu teuer, wenn jede Schule sofort einen eigenen Behindertenaufzug braucht, allte Treppen mit Rampen versehen muss, alle Klassentüren verbreitern muss, Sozialdienste.....und und und Vor nicht allzulanger Zeit gab es kein Gesetz, dass Behinderte an Regelschulen dürfen - dennoch haben viele Schulen/Rektoren/Lehrer das gewagt. Die Klasse war verantwortlich, dass immer genügend da waren um dafür zu sorgen, dass ein Schüler im Rollstuhl überall hinkommt. Diese Klassen kennen übrigens kein Ausgrenzen von Behinderten. Wenn die anderen Schüler jedoch die Sonderbehandlung sehen, was sinnlos Geld rausgepulvert wird, um für einzelne alles Bodeneben zu machen, während alle anderen noch nicht mal einen vernünftigen Stuhl bekommen (meine Kinder sitzen in ihrer Schule auf dem gleichen Mobiliar, wie ich vor 30 JAhren) , kein Schulbuch die Wende kennt ... Natürlich muss Geld in die Hand genommen werden - es gilt aber das notwendige zu identifizieren und nicht das machbare blind zu fordern...
2. Bin
Steinwald 23.03.2012
Zitat von sysopBehinderte und lernschwache Kinder sollen nicht länger auf Sonderschulen verbannt sein. Dazu hat sich Deutschland verpflichtet. Doch es wird teuer, alle Schüler gemeinsam zu unterrichten: Eine Studie beziffert die Kosten auf 660 Millionen Euro im Jahr - nur für zusätzliche Lehrer. Behinderte Kinder an Regelschulen: Gemeinsamer Unterricht kostet Hunderte Millionen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - SchulSPIEGEL (http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,823365,00.html)
Bin ja ein Vertreter gemäßigter PC, aber das geht zu weit. Das ist Humbug, der niemandem hilft, weder den Behinderten noch den Normalen. Es ist dumm so zu tun, als seien Behinderte nicht besonders huilfebedèrftig, oder zumindest besonderer Hilfe bedürftig. Aber jeden in eine Klasse, nur damit man ein fröhlich-weltfremdes Heidideidi-Bild erfüllt, wie es vielleicht auf dem ekelhaften Prenzberg, aber nicht in der Realität existiert, das ist gefährlich und zumal einfach oll.
3. Luftschloß
hermie9 23.03.2012
Da verkaufen uns unsere ideologischen Bildungspolitiker und -experten eine große Illusion. Sie werden nie bereit sein die notwendige (!) Finanzierung bereitzustellen, das wird ein potemkinisches Dorf. Ich hatte selbst die Möglichkeit, die Inklusion an einigen Schulen in Skandinavien und Nordamerika zu beobachten. Es war leider niederschmetternd, eine echte Förderung nach ihren Bedürfnissen wie an unseren Förderzentren erfahren die Behinderten da nicht. Schade um unsere Förderzentren, die in den letzten Jahren wesentlich verbessert wurden!
4. Punkt.
albus_severus 23.03.2012
Eigentlich könnte der Artikel nach dem zweiten Satz aufhören: Behinderte und lernschwache Kinder sollen nicht länger auf Sonderschulen verbannt sein. Dazu hat sich Deutschland verpflichtet. Punkt. Die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention, zu der sich Deutschland 2009 entschlossen hat, bedeutet - endlich! - ein Ende der Be-und Aus-Sonderung von Menschen, die man "behindert" nennt. Eine Diskussion ums liebe Geld ist an dieser Stelle müßig. Nur so viel: Jedes Jahr verschwinden Milliarden in Sondereinrichtungen der Behindertenhilfe mit aufgeblähten Verwaltungsapparaten im Hintergrund und Vorständen mit fetten Dienstwagen im Vordergrund. Da sehe ich echtes Einsparpotential!
5. Titel:
hansmaus 23.03.2012
Achwas! So einen Blödsinn selten gelesen. Das ganze spart sogar noch Geld! Man packt die behinderten Kinder einfach zu den nicht behinderten und stellt keine zusätzlichen Lehrkräfte ein. Die Lehrer die bisher an Sonderschulen unterrichteten übernimmt man aber die Planstellen für diese Schulen streicht man ein da es diese Schulen ja nicht mehr gibt....siehe da man macht sogar noch kohle aus dem Verkauf der Grundstücke wo einst die Sonderschulen standen. Klingt doof für die Kinder (egal ob behindert oder nicht) ist es sicher auch aber genau so und nicht anders wird es laufen in Deutschland des Jahres 2012
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Fakten zu Förderschulen
Die Schüler
In Deutschland hat nach Angaben der Bertelsmann Stiftung derzeit nahezu eine halbe Million Schüler einen diagnostizierten, sonderpädagogischen Förderbedarf. Davon besuchen über 400.000 Schüler spezielle, eigens auf ihren Förderbedarf zugeschnittene Förderschulen. Weitere 85.000 Schüler lernen mit Gleichaltrigen an allgemeinen Schulen im gemeinsamen Unterricht.
Die Bundesländer
Zwischen den Bundesländern gibt es starke Unterschiede. In Rheinland-Pfalz besuchen 4,4 Prozent aller vollzeitschulpflichtigen Schüler eine Förderschule, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 10,9 Prozent, also mehr als doppelt so viele. Ein anderer Blick auf die Unterschiede: Von den Schülern mit festgestelltem Förderbedarf besuchten in Bremen schon vor der Einrichtung der Inklusionsklassen 45 Prozent allgemeine Schulen, in Niedersachsen jedoch nur fünf Prozent.
Die Ausgaben
Für Förderschulen entstehen laut Bertelsmann Stiftung bundesweit jährlich 2,6 Milliarden Euro zusätzliche Ausgaben, nämlich für zusätzliche Lehrkräfte. Davon entfallen rund 800 Millionen Euro auf die 180.000 Schüler mit Förderschwerpunkt Lernen; die übrigen 1,8 Milliarden Euro fließen in die Förderung von 221.000 Schülern mit anderen Förderschwerpunkten.
Die Uno-Konvention
Deutschland gehört zu den Vertragsstaaten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die seit 1. Januar 2009 rechtskräftig ist. Artikel 24 fordert für behinderte Menschen in der deutschen Übersetzung "ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen". In der englischen und rechtlich entscheidenden Fassung wird allerdings ein "inclusive education system" gefordert - die deutschen Bürokraten operierten das Wort "inklusiv" bei der Übersetzung heraus.


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