Ausbau der Ganztagsschulen: Forscher verlangen Milliarden-Investitionen

Bislang nutzt nur gut jeder vierte Schüler Ganztagsangebote. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. Der aber würde die Bundesländer knappe zehn Milliarden Euro zusätzlich kosten - und Hilfe aus dem Bundeshaushalt ist dafür nicht in Sicht.

Ganztagsschule in Hamburg: Jede zweite Schule bietet ein Nachmittagsprogramm an Zur Großansicht
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Ganztagsschule in Hamburg: Jede zweite Schule bietet ein Nachmittagsprogramm an

An mehr als der Hälfte aller Schulen werden inzwischen zumindest ein paar Kinder auch nachmittags betreut - doch nur gut ein Viertel der Schüler nutzt bundesweit das Ganztagsangebot. Zu diesem Ergebnis kommen Bildungsforscher im Auftrag der Bertelsmann Stiftung. Zugang zu einem Ganztagsschulplatz hätten 28,1 Prozent der Schüler, heißt es in einer aktuellen Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI).

Die meisten Ganztagsschüler gibt es in Sachsen. Drei von vier Schüler sind dort in einen Ganztagsschulbetrieb eingebunden. In Bayern ist es nur gut einer von zehn Schülern. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil geringer. Historisch bedingt gibt es in den ostdeutschen Bundesländern zumindest im Primarbereich eine breitere Ganztagsbetreuung als im Westen. Im Schuljahr 2010/11 haben bundesweit 51,1 Prozent der deutschen Schulen Ganztagsangebote gemacht, das waren acht Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Der Autor der Studie, Thomas Rauschenbach, kritisierte fehlende bundesweite Konzepte und Qualitätsstandards. Der bisherige Ausbau der Ganztagsschulen sei "eine Reise in die Zukunft ohne klares Ziel", sagte er. Es gebe zu viele unterschiedliche Organisationsformen und Typen.

Man unterscheidet zwischen offenen Ganztagsschulen, an denen meist vormittags der Unterricht und nachmittags freiwillige Sport- oder Kulturangebote laufen, und gebundenen Ganztagsschulen. Dort ist die Teilnahme am ganztägigen Unterricht für alle verbindlich.

Der Anteil der Schüler an gebundenen Ganztagsschulen ist besonders niedrig. Er lag im Schuljahr 2010/2011 bei 12,7 Prozent. Dabei könnten Kinder an solchen Schulen am besten gefördert werden, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Zudem sei es einfacher, Konzentrations- und Entspannungsphasen abzuwechseln und den starren 45-Minuten-Takt aufzubrechen.

9,4 Milliarden Euro zusätzlich, um alle Schüler ganztags zu betreuen

Andere Bildungsforscher hatten 2010 im Auftrag des Bundesbildungsministeriums herausgefunden, dass Ganztagsschulen das Sozialverhalten von Schülern verbessern und das Risiko des Sitzenbleibens verringern können. Dräger forderte einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz. "Jedes Kind in Deutschland sollte die Möglichkeit haben, eine gebundene Ganztagsschule zu besuchen", sagte er.

Das wäre allerdings nicht billig: Unter den Ganztagsmodellen ist die gebundene Ganztagsschule der teuerste Schultyp. Der Bildungsforscher Klaus Klemm hat berechnet, dass die Bundesländer 9,4 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr investieren müssten, um alle Schüler ganztägig zu betreuen. Nordrhein-Westfalen und Bayern müssten den größten Teil dieser Summe aufbringen, nämlich zusammen fast vier Milliarden Euro.

Die Bundesregierung hatte 2003 unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) ein Vier-Milliarden-Euro-Programm zum Ausbau der Ganztagsschulen gestartet. Das mit der Föderalismusreform 2006 eingeführte Kooperationsverbot von Bund und Ländern in der Bildung untersagt inzwischen eine Neuauflage solcher Programme.

Der SPD-Bildungspolitiker Ernst Dieter Rossmann forderte unter Hinweis auf die Bertelsmann-Studie erneut eine Grundgesetzänderung. "Wer mehr und bessere Ganztagsschulen will, muss das Kooperationsverbot gänzlich abschaffen", sagte er.

Auch die Linken-Bildungspolitikerin Rosemarie Hein verwies darauf, dass die Länder und Kommunen die Kosten für die inhaltliche und personelle Ausstattung sowie den dauerhaften Betrieb von Ganztagsschulen allein aufbringen müssten. "Damit sich auch der Bund am Ausbau von Ganztagsschulen finanziell beteiligen kann, ist die Aufhebung des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern für den gesamten Bildungsbereich notwendig."

Die Bundesregierung plant zwar derzeit eine Lockerung des Kooperationsverbots, allerdings nur für den Hochschulbereich. Investitionen des Bundes in Schulen blieben damit weiterhin ausgeschlossen.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Für
crocodil 05.06.2012
was braucht man den Ganztagsschulen? Nur damit die Eltern bzw. Alleinerziehende arbeiten zu gehen nur um sich einen Flachbildfernseher leisten zu können???
2. Selten dümmlicher Kommentar
kioto 05.06.2012
Zitat von crocodilwas braucht man den Ganztagsschulen? Nur damit die Eltern bzw. Alleinerziehende arbeiten zu gehen nur um sich einen Flachbildfernseher leisten zu können???
Hallo crocodil, Mal kurz die Harz4 Keule auspacken statt nachzudenken. Bei der Anwendung von etwas Gehirnschmalz kommt man eigentlich schnell darauf, dass nur die Ganztagsschule eine Ausbildung anbieten kann, die halbwegs unabhängig von der Herkunft des Schulkindes ist. Das ist natürlich politisch nicht gewollt, denn sonst hätten wir sie schon lange. Aber eine Philharmonie oder die 5. Autobahnspur ist halt wichtiger als die zukunftstauglichkeit des Nachwuchses. Wer lebt wohl hier auf Kosten der nächsten Generation? Vorteile: - Wegfall der Bücherschlepperei, habe schon 8 jahrige mit Rollie Koffern gesehen, weil sie den ganzen Krempel nicht mehr tragen können. - kontrollierte Hausaufgaben - Mehr Sozialisierung durch gemeinsammen Sport. Wenn es um Bankenrettung geht, verschwieden die 10 Mrd. bei der Rundung der Endsumme. Ganztagesschule und Kindergartenpflicht, dass sind die Schlüssel für die Integration der kommenden Generation. Aber wie gesagt, politisch nicht gewollt, statt dessen Privatschulen (die sind häufig ganztags) und Herdprämie und Green Cards für asiatische Ingenieure (die machen Schule nämlich ganztags). mit Kopfschütteln, Kioto
3. Ganztagsschulen
rolandjulius 05.06.2012
Wenn es tatsaechlich nur um ca. 10 Milliarden Euro geht, muesste das Programm machbar sein, denn unsere Buer- haben doch das vierhundertfache auf der Hohen Kante. Es waere doch viel besser in seine Kinder zu investieren, als das schoene Geld den Banken anzuvertrauen
4. Sowas von volle Zustimmung!
berndasbrot 06.06.2012
Ganztagsschulen sind eine nette und hilfreiche Option, für in Not geratene (Teil-)Familien, wo z.B. die Mutter alleinerziehend ist und nicht von Hartz 4, sondern ihrer Arbeit leben möchte. Hier machen Ganztagsschulen Sinn. Als Verwahranstalten für die breite Masse und normale Familien sind sie ein Hohn! Der Hintergrund ist ja aber ein ganz anderer: Wer Vollzeit die Kinder kontrolliert, kontrolliert die zukünftige Gesellschaft. Wer schon den Kleinsten klarmacht, daß es keine "freie" Zeit mehr gibt, schon gar keine Freizeit, sondern daß man sich 24/7 in der Gesellschaft unterzuordnen und anzupassen hat, der wird auch keine Revolution ernten, wenn er in einigen Jahren die reguläre 6-Tage Woche wieder einführt, die 55 Stunden Woche zum Standard erhebt, die Urlaubstage von 30 auf 20 reduziert und und und. Das Perfide: Hier versteckt sich der turbokapitalistische Neoliberalismus noch hinter dem Deckmäntelchen des Gutmenschentums - man will doch den armen Eltern nur helfen. Man kann gar nicht soviel essen, wie man.........
5. Anders herum wird ein Schuh draus
fördeanwohner 06.06.2012
Zitat von crocodilwas braucht man den Ganztagsschulen? Nur damit die Eltern bzw. Alleinerziehende arbeiten zu gehen nur um sich einen Flachbildfernseher leisten zu können???
Es gibt bereits viele "Schlüsselkinder", die sich selbst überlassen sind, weil sie eben nach der Schule NICHT betreut werden. Durch mehr Ganztagsschulen würde man diese besser fördern können, da sie dann nicht allein zuhause vor Glotze oder Computer hängen. Die Ausweitung des Ganztagsangebots wäre nur eine Reaktion auf die Zustände, die bereits bestehen, nicht umgekehrt.
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