SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

06. März 2009, 17:00 Uhr

Top-Absolventen als Hilfslehrer

Karriereturbo Hauptschule

Von

Wie lässt sich Hilfe für Deutschlands Problemschulen mobilisieren? Mit der Aussicht auf Karriere, glaubt Kaija Landsberg, 29, von "Teach First Germany". Sie will junge Elite-Akademiker zu Hilfslehrern ausbilden - und die bewerben sich zu Hunderten.

Die Aufnahmetests für die Jobs an den Haupt- und Problemschulen sind hart und umfangreich: mehrstufiges Online-Verfahren, Motivationsschreiben, Telefon-Interview, Auswahlgespräche, Assessment-Center.

Hilfslehrerin Martina Böttcher: "Ich will mit beiden Händen zupacken"

Hilfslehrerin Martina Böttcher: "Ich will mit beiden Händen zupacken"

Gesucht wird die Elite - eine soziale Elite.

Wer erfolgreich durchkommt, soll an Schulen in den harten Gegenden von Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen unterrichten, in Neukölln, Wilhelmsburg, Duisburg-Marxloh. Wer genommen wird, arbeitet zwei Jahre lang für monatlich 1700 Euro Brutto als zusätzliche Lehrkraft, als Fellow des Programms "Teach First Deutschland".

"Gute Noten alleine reichen da nicht aus", steht auf der Bewerbungsseite, gute Noten werden vorausgesetzt; außerdem "schier endlose Energie, Enthusiasmus und Optimismus" und all die anderen häufig benutzten Karriere-Wörter, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Durchhaltevermögen.

Die Studentin Martina Böttcher, 25, spricht mit der Verbindlichkeit einer Unternehmensberaterin: "Ich will mit beiden Händen zupacken", solche Sätze sagt sie. Sie schreibt an ihrer Magisterarbeit über Klöster in Niedersachsen, das lässt sich gut verbinden mit dem Praktikum bei einer Toursimus-Marketing-Gesellschaft. Kulturwissenschaften hat sie studiert, an der Uni Lüneburg, Schwerpunkte BWL, Kommunikation und Tourismus-Management. Ihr Lebenslauf eilt von Einser-Noten zu Praktika zu Auslandsaufenthalten, von Obdachlosenbetreuung in Irland zur Studienreise nach Israel.

Ab Herbst wird Martina Böttcher ihn um einen weiteren Punkt in der Rubrik "Soziales" ergänzen können: Sie ist eine von rund 100 Fellows, die an "Teach First" teilnehmen. An welcher Schule sie unterrichten wird, weiß sie noch nicht, aber gemeldet hat sie sich für die Fächer Deutsch, Englisch, Geschichte, Geografie und Sozialkunde. Sie will der Gesellschaft etwas zurückgeben, sagt sie, und sie sieht das Programm als Weiterqualifikation.

Das Programm koppelt Hilfsbereitschaft an Strebsamkeit

Ganz neu ist die Idee nicht: In den USA und in Großbritannien laufen ähnliche Programme längst, "Teach for America" gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern des Landes, Bewerber kommen von den Elite-Universitäten, das Geld von Sponsoren. Auch in Deutschland kursieren Konzepte, wie sich Unterstützung für Problemschulen mobilisieren ließe: Die Uni Bonn schickte junge Mathematiker an Hauptschulen, Bundesbildungsministerin Annette Schavan versuchte, alle großen deutschen Firmen zu überreden, ihre "Top-Mitarbeiter" freizustellen, damit sie als Ersatzlehrer einspringen. Aber jenseits von kleinen Modellversuchen und politischem Getöse passierte bisher relativ wenig.

Programm-Erfinderin Kaija Landsberg: "Karriere-Kick statt Karriere-Knick"

Programm-Erfinderin Kaija Landsberg: "Karriere-Kick statt Karriere-Knick"

"Teach First" koppelt jetzt Hilfbereitschaft an Strebsamkeit. Im Marketingdeutsch der Internetseite: "Einsatz für andere + Karriere für Dich." Und einiges spricht dafür, dass das mehr ist als ein Verkaufstrick.

Kaija Landsberg, 29, hat sich das Programm ausgedacht. Zusammen mit einem Mitstudenten hat sie ihre Master-Arbeit über "Teach First" geschrieben, Geldgeber gesucht, Bildungspolitiker überzeugt. "Wir haben uns lange im Kreis gedreht", sagt sie, unzählige Bedenken habe sie aus dem Weg räumen müssen. "Da bewirbt sich doch nie jemand", das hörte sie oft. Mittlerweile haben sich ihr zufolge 750 auf der Internetseite angemeldet, 250 eine komplette Bewerbung eingereicht. Die Sponsoren haben demnach zwei bis drei Millionen Euro zur Verfügung gestellt, die Gehälter der Fellows zahlen die Bundesländer, in denen sie eingesetzt werden.

Kaija Landsberg hat Amerikanistik studiert und ähnliche Programme in London und New York besichtigt. In Harlem, an einer Schule mit Polizeiposten vor der Tür, habe sie erlebt, wie eine Stanford Absolventin mit einer dritten Klasse "Romeo und Julia" gelesen habe. Das habe sie beeindruckt.

In Crash-Kursen zur nötigen Schulhof-Härte

Ihr Konzept sieht vor, die Top-Absolventen zwei Monate lang auszubilden. In einer Art Crash-Kurs sollen sie die Grundlagen der Pädagogik und Didaktik lernen, zur Probe unterrichten und die Schulen kennenlernen. Aber lassen sich Jung-Akademiker ohne Berufserfahrung in wenigen Wochen fit machen für den Umgang mit pöbelnden Jugendlichen? Selbst Referendare verzweifeln häufig an ihren Aufgaben. Natürlich werde es hart, sagt Landsberg. "Wir möchten keine pädagogische Schnellbesohlung anbieten, sondern ein hochwertiges Ausbildungsprogramm", sagt sie. Die Kurse seien mit mit Experten und Bildungsforschern ausgearbeitet, außerdem sollen die Junglehrer die ganzen zwei Jahre über betreut werden.

Angekündigt ist das Programm schon länger. Bereits im November 2007 versprach sie den künftigen Fellows einen "Karriere-Kick", keinen "Karriere-Knick". Zum Schuljahresbeginn im Herbst 2009 soll es jetzt losgehen. An welchen Schulen, das ist allerdings noch nicht entschieden, 40 bis 90 sollen es werden.

Aber Landsberg will noch mehr: Weil die Absolventen nach ihrem Ausflug in die Problemschulen durchstarten und Karriere machen, werde irgendwann auch Hilfsbereitschaft höher bewertet. "Bisher wird soziales Engagement oft als Softi-Sache wahrgenommen", sagt sie. Aber wenn die Leistungsträger von morgen aus den Schulen zurückkehren, wüssten sie, wie schwer und hart es ist, etwas zu verändern.

Ganz so euphorisch klingt Marianne Demmer nicht, sie ist bei der Bildungsgewerkschaft GEW als stellvertretende Vorsitzende zuständig für Schulen: "Es ist nie etwas dagegen zu sagen, wenn Elite-Akademiker Einblick in die graue Wirklichkeit bekommen." Aber es sei eine Illusion, dass Jugendliche an Hauptschulen dadurch einen Motivationsschub bekämen. Es sei fraglich, ob das Programm tatsächlich den Schülern und Schulen helfe - oder nur den Absolventen.

Die künftige Hilfslehrerin Martina Böttcher wirkt nicht, als mache sie sich Illusionen. Lange habe sie mit Freunden darüber diskutiert, ob "Teach First" sinnvoll ist. "Das ist nur ein Pflaster auf einer riesigen Fleischwunde", sagt sie. In Irland habe sie nach dem Abitur ein Jahr lang Obdachlose betreut, sie wisse, dass es nur langsam vorangeht. Aber das sei kein Grund, nichts zu tun.

Programm-Leiterin Kaija Landsberg ist zuversichtlich, dass all ihre Fellows eine ähnliche Mischung an Leistungsbereitschaft und Gewissen mitbringen wie Böttcher. Dass jemand nur aus Karrierismus einsteigt, glaubt sie nicht. "Es ist zu hart, um es nur als ein Plus im Lebenslauf zu sehen." Bis Ende März ist sie noch auf der Suche nach Bewerbern.

URL:


Mehr auf SPIEGEL ONLINE:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH