Im falschen Körper: "Ich bin jetzt die Steffi"

Stefanie, 25, kam als Steven zur Welt. Vor drei Jahren hatte sie keine Lust mehr, sich ständig zu verstellen und outete sich. Der Schülerzeitung "Wooling" erzählte sie, was sie sich für die Zukunft wünscht, wie sich plötzlich ihre Freunde verlor und wie ihre Mutter sie sehr verletzte.

Steven wird Stefanie: "Das war wie ein Schlag ins Herz" Fotos
Julia Kluttig

Frage: Stefanie, welcher Name steht in deinem Ausweis?

Stefanie: Immer noch Steven. Das Foto ist auch ein altes. Im Moment liegt alles vor Gericht und wird hoffentlich bald umgeändert. Es ist unangenehm, wenn man sich mal ausweisen muss, dann zweifelnd angeschaut wird und schließlich dumme Fragen beantworten muss.

Frage: Du wirst ja fast wie ein Schwerverbrecher behandelt.

Stefanie: So ungefähr. Im Zusammenhang mit einer Geschlechtsumwandlung muss man vor Gericht erst einen Antrag auf Namensänderung und Personenstandsänderung stellen. Dann wird man zwei unabhängigen Gutachtern vorgestellt, die ein präzises Gutachten für das Gericht erstellen. Bei den Gesprächen musste ich persönliche Fragen beantworten, wobei auch die Mimik und Gestik genau beobachtet werden, um eine psychische Krankheit ausschließen zu können.

Frage: Zurück zum Anfang: Wann hast du gemerkt, dass du anders bist?

Stefanie: Das war eigentlich schon immer klar. Aber erst so mit zwölf Jahren, also in der Pubertät, konnte ich mein Problem konkret einordnen.

Frage: Inwiefern war dir das immer klar?

Stefanie: Schon im Kindergarten zog es mich in die Mädelecke, nie zu den Jungen. Ich habe mit Puppen gespielt, nicht mit Autos. Mit Jungen konnte ich wenig anfangen und die wohl auch nichts mit mir. Irgendwie galt ich immer als Außenseiter. In der frühen Kindheit habe ich mir da keine Gedanken drüber gemacht. Außerdem hatte ich eine Freundin, die wiederum Jungenspielzeug vorzog. Später habe ich mich auch nicht getraut, den anderen zu sagen, dass ich viel lieber ein Mädchen sein möchte. Ich hatte viel zu große Angst vor deren Reaktion. Aber immer, wenn es ums Klamotten kaufen ging, habe ich neidisch auf die Mädchenkleider geguckt. Die Jungenklamotten, die ich trug, waren nie das, was ich wollte.

Frage: Wann hast du dich dann geoutet?

Stefanie: Mit 22. Es war wie ein Schlussstrich, ich hab einfach gesagt: "Ich bin jetzt die Steffi."

Frage: Warum hat es so lang gedauert?

Stefanie: Ich habe ziemlich unter der Situation gelitten, es war ein ständiges Versteck-Spiel. Irgendwann hat man dann angefangen, unruhig zu schlafen, immer beherrscht von dem Gedanken: "Was soll ich tun, wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?" Irgendwann bekommt man Depressionen, man zieht sich immer mehr zurück. Und dann noch die Angst vor der Öffentlichkeit, dem Freundeskreis, der Familie!

Frage: Hat deine Familie nichts geahnt?

Stefanie: Meine Mutter schon. Als ich 14 war, meinte sie, es wäre kein Problem, wenn ich schwul sei. Aber in ihrem Befehlston warf sie gleich hinterher: "Aber ich werde dich niemals Steffi nennen!" Das war wie ein Schlag ins Herz.

Frage: War dein Leben bis dahin somit nichts anderes als ein Rollenspiel?

Stefanie: Irgendwie schon. Auf Arbeit bin ich als Mann gegangen. Wenn ich zu Hause war, habe ich mich angezogen, wie ich wollte und auch so gelebt - also als Frau. Dann habe ich beschlossen, dass ich mich noch mal auf die Schulbank setze, dass ich studieren möchte. Doch das Theater mit dem Versteckspiel war mir zuwider. Das war der Anlass für einen völligen Neubeginn. Ich wollte meinem neuen Umfeld gleich so wie ich bin begegnen.

Frage: Was haben deine Familie und dein Freundeskreis gesagt?

Stefanie: Freundeskreis? Der hat mich damals komplett verlassen. Aber von den Leuten in meiner neuen Klasse, die mich von Anfang an als Frau kennengelernt haben, werde ich von allen akzeptiert. Meine Eltern mussten sich wohl oder übel damit abfinden. Mit der Zeit haben sie akzeptiert, dass es nicht zu ändern ist. Unsere Beziehung ist auszuhalten, sonst würde ich auch nicht mehr zu Hause wohnen.

Frage: Du kommst aus einer kleinen Gemeinde mit gerade mal hundert Einwohnern. Haben sich die Leute nicht die Mäuler zerrissen?

Stefanie: Es war erstaunlicherweise nicht so schlimm wie erwartet, denn die konnten sich kurz davor schon an dem schwulen Pärchen in einem Nachbarhaus abreagieren.

Frage: Hast du den Schritt jemals bereut, gerade weil du deine alten Freunde verloren hast?

Stefanie: Natürlich nicht. Die sind es nicht wert. Echte Freunde hätten zu mir gehalten. Ich bin ja nach dem Outing nicht plötzlich ein ganz anderer Mensch geworden.

Frage: Du bist lesbisch und hast eine feste Freundin. Wann hast du sie kennengelernt?

Stefanie: Vor drei Jahren. Sie lernte mich gleich als Frau kennen, wusste aber, dass ich transsexuell bin. Sie unterstützt mich, wo sie nur kann.

Frage: Was hast du für deine Zukunft geplant?

Stefanie: Mein Ziel ist die endgültige Geschlechtsumwandlung, zur Zeit läuft die Hormonbehandlung.

Frage: Möchtest du auch Kinder?

Stefanie: Kinder möchte ich auf jeden Fall irgendwann haben. Wahrscheinlich lasse ich Samen einfrieren. Würde ich jetzt ein Kind auf natürlichem Weg zeugen, fiele das Gutachten gegen mich aus. Das wäre schlimm.

Frage: Im Fernsehen gibt es öfter Berichte über Transsexuelle - wie findest du die?

Stefanie: Meist werden Transsexuelle mit Transvestiten verwechselt oder gleichgestellt. Das ist nicht so, wir sind nicht solche Püppchen, die sich verkleiden. Wir sind normale Frauen, die einfach nur sie selbst und glücklich sein wollen.

Frage: Wie sollte die Gesellschaft mit dem Thema umgehen?

Stefanie: Es sollte kein Tabu-Thema sein. Es wird noch viel zu viel hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen, weshalb man uns oft mit Vorurteilen begegnet. Das war auch ein Grund, warum ich mich zu diesem Interview bereiterklärt habe.

Frage: Hast du zum Schluss noch eine persönliche Message?

Stefanie: Wenn man merkt, dass mit einem etwas nicht stimmt, dann sollte man sich auf keinen Fall verstecken und Angst haben, sich zu öffnen. Man sollte einfach so sein, wie man ist und dazu stehen - mit allen Konsequenzen.

Dies ist die gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung eines Interviews, das Laura Sikora und Jasmin Hennig für die Schülerzeitung "Wooling" geführt haben. Beim diesjährigen SPIEGEL-Schülerzeitungspreis belegten sie damit den ersten Platz.


Wer Fragen hat oder sich zum Thema austauschen möchte, kann sich gern bei Stefanie Beyer über Facebook melden.

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insgesamt 138 Beiträge
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1.
Corinna 29.07.2012
Die Stefanie hat da (ganz am Schluss des Artikels) etwas sehr Richtiges gesagt: ---Zitat--- Wenn man merkt, dass mit einem etwas nicht, dann sollte man sich auf keinen Fall verstecken und Angst haben, sich zu öffnen. Man sollte einfach so sein, wie man ist und dazu stehen - mit allen Konsequenzen. ---Zitatende--- Nun gehöre ich selber zur "Gemeinde" da ich transsexuell in der Richtung Mann-zu-Frau bin und daher kenne ich recht viele Menschen in gleicher Lage. Teils haben diese jahre- oder sogar jahrzehntelang versucht im für sie falschen Körper zu leben, oft war der Grund eine bestehende Partnerschaft/Ehe und die Rücksicht auf den Partner. Irgendwann kommt für viele der Punkt wo es nicht mehr geht, die meisten offenbaren sich dann doch, manche leiden im Stillen weiter oder ziehen finale Konsequenzen, die Suizidrate unter Transsexuellen ist signifikant höher als beim Rest der Bevölkerung. Ich bin beeindruckt von dem Mut den Steffi in doch jungen Jahren gezeigt hat indem sie sich gegen so viele Menschen gestellt hat die ihr sicher viel beudeutet haben, inkl. ihrer Familie.
2. optional
marlene9000 29.07.2012
viel glück!
3. Alles Gute auf dem Weg!
spiegel_135 29.07.2012
Leider hat Steffi den ersten großen Fehler begannen. Man hängt dieses Thema nicht an die große Glocke. Wir hatten zu unserer Schulzeit auch laut Geburtsurkunde zwei Mädchen, die aber in fast jeder Beziehung ein Mann waren. Nur so haben wir sie erlebt, so gingen sie durchs Leben und heute, viele Jahrzehnte später, kam das Thema durch Zufall aus einem Abitreffen zur Sprache. Es wußten damals nur ganz wenige Mitschüler. Heute will sich jeder öffentlich outen. Wenn ich an Kim Petras denke, war es sicherlich der einzige Weg, um die notwendige Operation schon vor dem 18ten Geburtstag zu bekommen. Aber zu welchem Preis? Die ganze Welt weiß um ihre Vegangenheit und sie lebte heute nicht als Frau in der Gesellschaft, sondern als Transsexuelle. Mit allen Konsequenzen. Da sich heute jeder Fetischist transsexuell nennt und dieser Begriff inflationär auf jeden femininen Schwulen angewendet wird, stiftet das mehr Verwirrung, als Akzeptanz. Steffi ist eine Frau, Punkt. Alles andere und die Vergangenheit gehen keinen etwas an. Darum wäre es sinnvoll, die alten Bilder auch von Spiegelonline zu nehmen. Sie bleiben hier über Jahrzehnte erhalten. Die Gruppe der wirklichen Transsexuellen ist sehr klein und medizinische Hilfe in Form von Hormonen, Epilation überflüssiger Haare und angleichenden Operationen sind, soweit ich das aus wenigen Gesprächen mit Betroffenen erfahren habe, ein Segen für die Menschen. Dagegen steht die große Gruppe der ihre Sexualität liebenden Fetischten, die gerne ab und zu eine Peücke aufsetzen und meinen, dass macht sie temporär zur Frau. Diese Gruppe heißt glaube ich Transgender.
4. Das Leiden
spiegel_135 29.07.2012
Zitat von CorinnaDie Stefanie hat da (ganz am Schluss des Artikels) etwas sehr Richtiges gesagt: Nun gehöre ich selber zur "Gemeinde" da ich transsexuell in der Richtung Mann-zu-Frau bin und daher kenne ich recht viele Menschen in gleicher Lage. Teils haben diese jahre- oder sogar jahrzehntelang versucht im für sie falschen Körper zu leben, oft war der Grund eine bestehende Partnerschaft/Ehe und die Rücksicht auf den Partner. Irgendwann kommt für viele der Punkt wo es nicht mehr geht, die meisten offenbaren sich dann doch, manche leiden im Stillen weiter oder ziehen finale Konsequenzen, die Suizidrate unter Transsexuellen ist signifikant höher als beim Rest der Bevölkerung. Ich bin beeindruckt von dem Mut den Steffi in doch jungen Jahren gezeigt hat indem sie sich gegen so viele Menschen gestellt hat die ihr sicher viel beudeutet haben, inkl. ihrer Familie.
Wird denn das Leiden geringer, wenn der Horst, Bauarbeiter mit breitem Kreuz, riesigen Händen und voll im Kreise der Handwerker sozialisiert, sich im kurzen Rock als Chantal Jaqueline vorstellt? Oder ist der Zug abgefahren und die zu erwartende Ablehnung und Vereinsamung mit Hartz IV Karierre der schlimmere Kompromiss, als weiter nur als Beobachter durch das Leben des ungewünschten Körpers zu gleiten? Es geht um das Dilemma, eine richtige Diagnose zu stellen und möglichst jung, idealerweise vor der Pubertät anzufangen. Denn ist der Bart da, die Stimme tief und die Sozialisation erfolgt, wird es mit dem Wandel schwer. Ich hörte von Betroffenen das böse Wort "Trümmertransen", dass hoffentlich selbstironisch gemeint ist. Mein Frau ist Kindergärtnerin und erzählt sehr viel über das Thema, weil es immer wieder Kinder gibt, die sich nicht stereotyp verhalten und trotz biologischer Eindeutigkeit eine völlig gegensätzliches Verhalten zeigen. Aber bei den meisten legt sich das mit der Zeit und sie werden nach der Pubertät z.B. im Männerfussball durchaus glücklich. Ich kenne nur Einzelbeispiele, darum würde ich das niemals generalisieren. Aber ich glaube, die richtige Entscheidung ist sehr individuell. Wer nach der Pubertät immer noch eindeutig weiß, dass er oder sie auf der flaschen Seite eingeordnet wird, hat dann zwar eine eindeutige Selstdiagnose, aber leider die eindeutigen körperlichen Veränderungen. Es ist und bleibt ein Teufelskreis und ich drücke den Betroffenen die Daumen. Kein Weg ist einfach und die anderen der Gesellschaft sollten einfach akzeptieren, dass nicht alle Menschen ins gleiche Raster passen.
5.
Corinna 29.07.2012
Zitat von spiegel_135Leider hat Steffi den ersten großen Fehler begannen. Man hängt dieses Thema nicht an die große Glocke. Wir hatten zu unserer Schulzeit auch laut Geburtsurkunde zwei Mädchen, die aber in fast jeder Beziehung ein Mann waren. Nur so haben wir sie erlebt, so gingen sie durchs Leben und heute, viele Jahrzehnte später, kam das Thema durch Zufall aus einem Abitreffen zur Sprache. Es wußten damals nur ganz wenige Mitschüler. Heute will sich jeder öffentlich outen. Wenn ich an Kim Petras denke, war es sicherlich der einzige Weg, um die notwendige Operation schon vor dem 18ten Geburtstag zu bekommen. Aber zu welchem Preis? Die ganze Welt weiß um ihre Vegangenheit und sie lebte heute nicht als Frau in der Gesellschaft, sondern als Transsexuelle. Mit allen Konsequenzen. Da sich heute jeder Fetischist transsexuell nennt und dieser Begriff inflationär auf jeden femininen Schwulen angewendet wird, stiftet das mehr Verwirrung, als Akzeptanz. Steffi ist eine Frau, Punkt. Alles andere und die Vergangenheit gehen keinen etwas an. Darum wäre es sinnvoll, die alten Bilder auch von Spiegelonline zu nehmen. Sie bleiben hier über Jahrzehnte erhalten. Die Gruppe der wirklichen Transsexuellen ist sehr klein und medizinische Hilfe in Form von Hormonen, Epilation überflüssiger Haare und angleichenden Operationen sind, soweit ich das aus wenigen Gesprächen mit Betroffenen erfahren habe, ein Segen für die Menschen. Dagegen steht die große Gruppe der ihre Sexualität liebenden Fetischten, die gerne ab und zu eine Peücke aufsetzen und meinen, dass macht sie temporär zur Frau. Diese Gruppe heißt glaube ich Transgender.
Transgender ist da ein Überbegriff, die "Teilzeitfrauen" finden sich in der CD (Crossdresser) oder TV (Transvestiten)-Szene. Mit der Perücke ist es bei denen alerdings nicht getan. Wenn sie ernsthaft zu Werk gehen gehen die im täglichen Leben problemlos als Frau durch. Die Stimme mag ein Problem sein, das logopädische Training ist zeitaufwendig. Die absoluten Zahlen transsexueller Menschen sind schwer zu ermitteln. Eine ganz gute Peilung für die Untergrenze scheint 0,1% zu sein, das heisst 1:1000. Es gibt da eine ganz interessante Betrachtung zu diesem Thema aus den USA: Wie häufig tritt Transsexualität auf? (http://ai.eecs.umich.edu/people/conway/TS/DE/TSprevalence-DE.html)
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Zur Person
Laura Sikora und Jasmin Hennig, beide 16 Jahre alt, besuchen die zehnte Klasse des Gymnasiums im sächsischen Seifhennersdorf. Sie schreiben seit zwei Jahren für die Schülerzeitung "Wooling". Mit "Ich wollte immer ein Mädchen sein" belegten sie den ersten Platz in der Kategorie Interview beim diesjährigen SPIEGEL-Schülerzeitungspreis.
Gefunden in


Transsexualität
Was ist Transsexualität?
Bei Transsexuellen stimmt das Geschlecht, mit dem sie zur Welt gekommen sind, nicht mit dem gefühlten Geschlecht überein. Betroffene sagen häufig, sie seien im falschen Körper geboren.

Warum manche Menschen transsexuell sind, ist noch nicht vollständig erforscht. Neuere Studien zum Thema vermuten, dass bestimmte Hormone ein Auslöser für Transsexualität sein könnten.

Wie viele transsexuelle Menschen gibt es?
Die Zahl der Transsexuellen in Deutschland kann man nur auf Basis der ärztlich behandelten Fälle schätzen. Experten gehen bundesweit von 5000 bis 7000 solcher Fälle aus. Viele Betroffenen trauen sich jedoch nicht, zum Arzt zu gehen und schweigen über ihre Gefühle.

Für transsexuelle Kinder und Jugendliche ist eine Schätzung noch schwieriger, weil sich viele Transsexuelle erst im Erwachsenenalter outen. Hormonspezialist Achim Wüsthof hält bundesweit gut 100 behandelte Fälle von Kindern und Jugendlichen für realistisch.

Wie sieht die Behandlung aus?
Zunächst müssen zwei so genannte Genderspezialisten in einem psychologischen Gutachten die Diagnose stellen, dass ein Jugendlicher transsexuell ist. Erst danach kann eine Hormonbehandlung beginnen – zuerst mit Pubertätshemmern, nach etwa einem Jahr kommen geschlechtsspezifische Hormone Testosteron oder Östrogen dazu.

Bei Minderjährigen ist bei allen Schritten das Einverständnis der Eltern zwingend notwendig. Für eine Geschlechts-OP empfehlen die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, dass der Patient 18 ist. In Einzelfällen können Psychologen aber auch eine frühere OP anordnen.

Welche Risiken gibt es bei der Behandlung?
Nicht alles, was während der Hormonbehandlung mit dem Körper geschieht, ist ohne weiteres wieder umkehrbar. Betroffene machen deshalb vor ihrer Entscheidung häufig einen so genannten Alltagstest, um auszuprobieren wie gut sie in der Rolle des anderen Geschlechts leben. Sie probieren dann aus, wie es ist, wenn sie sich in der Rolle des anderen Geschlechts mit Freunden und Familie treffen oder zur Arbeit gehen. Der Test ist keine Pflicht, soll aber helfen, weitere Therapiemaßnahmen an das eigene Sozialleben anzupassen.

Außerdem wichtig: Nach einer Geschlechtsumwandlung können die Betroffenen keine eigenen Kinder bekommen.

Anlaufstellen für betroffene Jugendliche
Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.
Psychologische Beratung und Betreuung
Sulzbacher Str. 43
90489 Nürnberg
Tel.: 0911/520 921 8
www.dgti.org

Dr. Achim Wüsthof
Endokrinologikum Hamburg
Lornsenstr. 4-6
22767 Hamburg
www.endokrinologikum.com


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