Frage: Stefanie, welcher Name steht in deinem Ausweis?
Stefanie: Immer noch Steven. Das Foto ist auch ein altes. Im Moment liegt alles vor Gericht und wird hoffentlich bald umgeändert. Es ist unangenehm, wenn man sich mal ausweisen muss, dann zweifelnd angeschaut wird und schließlich dumme Fragen beantworten muss.
Frage: Du wirst ja fast wie ein Schwerverbrecher behandelt.
Stefanie: So ungefähr. Im Zusammenhang mit einer Geschlechtsumwandlung muss man vor Gericht erst einen Antrag auf Namensänderung und Personenstandsänderung stellen. Dann wird man zwei unabhängigen Gutachtern vorgestellt, die ein präzises Gutachten für das Gericht erstellen. Bei den Gesprächen musste ich persönliche Fragen beantworten, wobei auch die Mimik und Gestik genau beobachtet werden, um eine psychische Krankheit ausschließen zu können.
Frage: Zurück zum Anfang: Wann hast du gemerkt, dass du anders bist?
Stefanie: Das war eigentlich schon immer klar. Aber erst so mit zwölf Jahren, also in der Pubertät, konnte ich mein Problem konkret einordnen.
Frage: Inwiefern war dir das immer klar?
Stefanie: Schon im Kindergarten zog es mich in die Mädelecke, nie zu den Jungen. Ich habe mit Puppen gespielt, nicht mit Autos. Mit Jungen konnte ich wenig anfangen und die wohl auch nichts mit mir. Irgendwie galt ich immer als Außenseiter. In der frühen Kindheit habe ich mir da keine Gedanken drüber gemacht. Außerdem hatte ich eine Freundin, die wiederum Jungenspielzeug vorzog. Später habe ich mich auch nicht getraut, den anderen zu sagen, dass ich viel lieber ein Mädchen sein möchte. Ich hatte viel zu große Angst vor deren Reaktion. Aber immer, wenn es ums Klamotten kaufen ging, habe ich neidisch auf die Mädchenkleider geguckt. Die Jungenklamotten, die ich trug, waren nie das, was ich wollte.
Frage: Wann hast du dich dann geoutet?
Stefanie: Mit 22. Es war wie ein Schlussstrich, ich hab einfach gesagt: "Ich bin jetzt die Steffi."
Frage: Warum hat es so lang gedauert?
Stefanie: Ich habe ziemlich unter der Situation gelitten, es war ein ständiges Versteck-Spiel. Irgendwann hat man dann angefangen, unruhig zu schlafen, immer beherrscht von dem Gedanken: "Was soll ich tun, wie geht es weiter? Geht es überhaupt weiter?" Irgendwann bekommt man Depressionen, man zieht sich immer mehr zurück. Und dann noch die Angst vor der Öffentlichkeit, dem Freundeskreis, der Familie!
Frage: Hat deine Familie nichts geahnt?
Stefanie: Meine Mutter schon. Als ich 14 war, meinte sie, es wäre kein Problem, wenn ich schwul sei. Aber in ihrem Befehlston warf sie gleich hinterher: "Aber ich werde dich niemals Steffi nennen!" Das war wie ein Schlag ins Herz.
Frage: War dein Leben bis dahin somit nichts anderes als ein Rollenspiel?
Stefanie: Irgendwie schon. Auf Arbeit bin ich als Mann gegangen. Wenn ich zu Hause war, habe ich mich angezogen, wie ich wollte und auch so gelebt - also als Frau. Dann habe ich beschlossen, dass ich mich noch mal auf die Schulbank setze, dass ich studieren möchte. Doch das Theater mit dem Versteckspiel war mir zuwider. Das war der Anlass für einen völligen Neubeginn. Ich wollte meinem neuen Umfeld gleich so wie ich bin begegnen.
Frage: Was haben deine Familie und dein Freundeskreis gesagt?
Stefanie: Freundeskreis? Der hat mich damals komplett verlassen. Aber von den Leuten in meiner neuen Klasse, die mich von Anfang an als Frau kennengelernt haben, werde ich von allen akzeptiert. Meine Eltern mussten sich wohl oder übel damit abfinden. Mit der Zeit haben sie akzeptiert, dass es nicht zu ändern ist. Unsere Beziehung ist auszuhalten, sonst würde ich auch nicht mehr zu Hause wohnen.
Frage: Du kommst aus einer kleinen Gemeinde mit gerade mal hundert Einwohnern. Haben sich die Leute nicht die Mäuler zerrissen?
Stefanie: Es war erstaunlicherweise nicht so schlimm wie erwartet, denn die konnten sich kurz davor schon an dem schwulen Pärchen in einem Nachbarhaus abreagieren.
Frage: Hast du den Schritt jemals bereut, gerade weil du deine alten Freunde verloren hast?
Stefanie: Natürlich nicht. Die sind es nicht wert. Echte Freunde hätten zu mir gehalten. Ich bin ja nach dem Outing nicht plötzlich ein ganz anderer Mensch geworden.
Frage: Du bist lesbisch und hast eine feste Freundin. Wann hast du sie kennengelernt?
Stefanie: Vor drei Jahren. Sie lernte mich gleich als Frau kennen, wusste aber, dass ich transsexuell bin. Sie unterstützt mich, wo sie nur kann.
Frage: Was hast du für deine Zukunft geplant?
Stefanie: Mein Ziel ist die endgültige Geschlechtsumwandlung, zur Zeit läuft die Hormonbehandlung.
Frage: Möchtest du auch Kinder?
Stefanie: Kinder möchte ich auf jeden Fall irgendwann haben. Wahrscheinlich lasse ich Samen einfrieren. Würde ich jetzt ein Kind auf natürlichem Weg zeugen, fiele das Gutachten gegen mich aus. Das wäre schlimm.
Frage: Im Fernsehen gibt es öfter Berichte über Transsexuelle - wie findest du die?
Stefanie: Meist werden Transsexuelle mit Transvestiten verwechselt oder gleichgestellt. Das ist nicht so, wir sind nicht solche Püppchen, die sich verkleiden. Wir sind normale Frauen, die einfach nur sie selbst und glücklich sein wollen.
Frage: Wie sollte die Gesellschaft mit dem Thema umgehen?
Stefanie: Es sollte kein Tabu-Thema sein. Es wird noch viel zu viel hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen, weshalb man uns oft mit Vorurteilen begegnet. Das war auch ein Grund, warum ich mich zu diesem Interview bereiterklärt habe.
Frage: Hast du zum Schluss noch eine persönliche Message?
Stefanie: Wenn man merkt, dass mit einem etwas nicht stimmt, dann sollte man sich auf keinen Fall verstecken und Angst haben, sich zu öffnen. Man sollte einfach so sein, wie man ist und dazu stehen - mit allen Konsequenzen.
Dies ist die gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung eines Interviews, das Laura Sikora und Jasmin Hennig für die Schülerzeitung "Wooling" geführt haben. Beim diesjährigen SPIEGEL-Schülerzeitungspreis belegten sie damit den ersten Platz.
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