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Erstaufnahme in Turnhallen: Immerhin winterfest

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Turnhalle in Baden-Württemberg: Kultusministerien werben um Solidarität Zur Großansicht
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Turnhalle in Baden-Württemberg: Kultusministerien werben um Solidarität

In den Ferien waren Turnhallen noch eine schnelle Lösung, um Flüchtlinge zu versorgen. Nun fällt Unterricht aus, weil die Hallen belegt sind. Sport oder Notunterkunft - was ist wichtiger? So gehen Schulen mit der Situation um.

Blaue Sichtschutz-Planen hängen an den Bauzäunen, die den Blick auf die Halle versperren sollen. Vor Sanitärcontainern stehen Männer vom Wachdienst. Die Schulturnhalle am Goldenberg Europakolleg im nordrhein-westfälischen Hürth ist seit Ende Oktober zur Notunterkunft umfunktioniert worden. 150 Flüchtlinge leben hier. "Direkte Kontakte mit den Schülern gibt es nicht", sagt Matthias Herwartz, Leiter des Berufskollegs mit rund 1900 Schülern, "aber die Situation ist natürlich Thema in den Klassen und im Lehrerzimmer."

Als die Schulturnhalle in den Herbstferien vom Erftkreis als Notunterkunft ausgewählt wurde, musste alles ganz schnell gehen. Lehrer und Schüler packten mit an, um Medizinbälle, Barren und Matten in zwei Container zu verladen, die jetzt auf dem Schulhof stehen. Und als die ersten Busse kamen, wurden die Flüchtlinge kurzerhand in der Aula registriert.

Der Sportunterricht findet derweil woanders statt: "Die Schüler werden per Bus in einen anderen Stadtteil gebracht", sagt Schulleiter Herwartz. Dort wurde vom Kreis für den Sportunterricht an den Vormittagen ein privates Soccer-Center angemietet.

Schulen müssen schnell reagieren

Worms und Eitorf (NRW), Kernen (Baden-Württemberg) und Geretsried (Bayern), Leipzig und Berlin: Bundesweit werden derzeit Schulturnhallen für den Unterricht gesperrt, um Flüchtlinge unterbringen zu können. Aus Sicht der Kommunen haben die Turnhallen den Vorteil, dass sie winterfest sind und größere Sanitäranlagen, manchmal sogar Kücheneinrichtungen haben.

Für die betroffenen Schulen und Vereine bedeutet das: kurzfristig umplanen und schnell reagieren. Wenn, wie in Hürth, andere Sporthallen genutzt werden können, muss der Schülertransport organisiert werden. "Sportarten wie Fußball können lange auch im Freien ausgeübt werden", sagt Anja Rohde, Sprecherin im Kreis Emsland, wo rund tausend Flüchtlinge in Turnhallen untergebracht wurden. In Georgsmarienhütte müssen die Schüler zusammenrücken: Hier teilen sich mehrere Klassen gleichzeitig eine Halle, um den Verlust an Übungszeit auszugleichen. Und in Essen trainiert die Taekwondo-Abteilung eines Sportvereins in einer ehemaligen Gaststätte.

Noch hält sich der Unterrichtsausfall in Grenzen, noch sind, wie in Essen, vor allem Sportvereine und ihre Trainingszeiten betroffen, weil von den Städten zuerst Sporthallen belegt werden, die ausschließlich von Vereinen genutzt werden. Aber: "Für den Winter befürchte ich erhebliche Einschränkungen", sagt Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands.

"Die Lage ändert sich stündlich"

Experten schätzen, dass bundesweit mehrere Hundert Turnhallen belegt sind, "doch die Lage ändert sich quasi stündlich", heißt es im hessischen Kultusministerium. Eine SPIEGEL-ONLINE-Umfrage in den Kultus- und Bildungsministerien der Bundesländer kann deshalb auch nur diese Momentaufnahme liefern:

  • Die Unterbringung der Flüchtlinge liegt ebenso wie die Verwaltung der Schulgebäude in der Hand der Kommunen. Den Ministerien im Saarland, Bayern, Hessen und Niedersachsen liegen deshalb keine konkreten Zahlen vor.

  • In Baden-Württemberg schätzt das Ministerium, "dass Ende September 2015 landesweit rund 30 bis 40 Turnhallen zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt wurden. Aufgrund der hohen Dynamik und der unterschiedlichen Bedingungen vor Ort kann sich diese Zahl aber von Tag zu Tag ändern", so eine Sprecherin. Rheinland-Pfalz berichtet von landesweit "weniger als einer Handvoll" umgenutzter Schulturnhallen.

  • Einige Bundesländer haben konkretere Zahlen. So nutzt Bremen derzeit 14 Sporthallen als Unterkünfte. "Falls es genügend andere Unterbringungsmöglichkeiten gibt, etwa in Baumärkten, werden Turnhallen wieder aus dem 'Unterbringungs-Kontingent' genommen", sagt eine Sprecherin der Bremer Bildungssenatorin. "Die Verlegung des abschlussrelevanten Sportunterrichts wird aber gewährleistet - wenn es notwendig wird, auch durch Anmietung privater Räume, beispielsweise Fitness- und Tanzstudios."

  • Brandenburg meldet vier belegte Schulsporthallen, Schleswig-Holstein zwei Hallen in Flensburg sowie je eine geplante Unterkunft in Schulsporthallen in Lübeck und Geesthacht. In Thüringen werden neun Schulturnhallen für die Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, heißt es aus Erfurt.

  • Der Landessportbund in Nordrhein-Westfalen schätzt, dass aktuell 400 bis 500 Sporthallen im Land nicht von Schulen und Vereinen genutzt werden können. Insgesamt gibt es 7000 Sporthallen an Rhein und Ruhr.

  • Ohne Beeinträchtigungen für den Schulsport kommen derzeit noch Mecklenburg-Vorpommern ("uns liegen keine Meldungen vor"), Sachsen und Hamburg aus - "bisher", wie es in der Antwort aus der Hansestadt ausdrücklich heißt. Als Unterkünfte genutzt werden aber bereits Vereinssporthallen.

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